Die Perspektive einer südkoreanischen Mutter

In ihrem Roman Die Tochter schildert Kim Hye-jin einen familiären Generationenkonflikt zwischen einer südkoreanischen Mutter und ihrer lesbischen Tochter. Der Roman schafft es dabei, die Grenzen zwischen den unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Ansichten der beiden zu überwinden und so ein differenziertes Bild der südkoreanischen Gesellschaft zu zeichnen.

Von Lisa Neumann

Bild: Via Pixabay, CC0

Nach Cho Nam-Joos internationalem Bestseller Kim Jiyoung, geboren 1982, ein Roman, der sich intensiv mit der Rolle der Frau in der südkoreanischen Gesellschaft und ihrer fortwährenden geschlechtlichen Diskriminierung beschäftigt, schreibt Kim Hye-jin mit Die Tochter ein Werk, das die Diskrepanzen und den Wandel der südkoreanischen Gesellschaft mit all ihren Konflikten noch deutlicher veranschaulicht. Nach den beiden Filmen Burning und Parasite nahm ich mir vor, mich mehr mit südkoreanischer Kultur zu beschäftigen. Einblicke zu erhalten in eine Gesellschaft, in der mir Frauen und Menschen, die unter Armut leiden, noch deutlicher benachteiligt erschienen als in Europa.

In Die Tochter werden die Risse im Gefüge der Gesellschaft Südkoreas erneut deutlich: Ihre lesbische, an der Uni als wissenschaftliche Mitarbeiterin unterbezahlte Tochter muss trotz eines guten Studienabschluss wieder bei ihrer Mutter einziehen. Mit ihrer Partnerin, ein Wort, das der Mutter, die sich einen anständigen Ehemann für die eigene Tochter wünscht, nicht einmal über die Lippen kommt. Ebenso wenig wie der neue Name ›Green‹, den sich ihre Tochter selbst gegeben hat und der von ihrer Partnerin konsequent benutzt wird. Dass junge Menschen trotz Uniabschluss drohen, in die Armut zu fallen und aus finanziellen Gründen wieder bei den eigenen Eltern einziehen oder sich von ihnen finanzielle Unterstützung erbitten müssen, scheint – ebenso wie Mutter-Tochter-Konflikte – ein wiederkehrendes Motiv  südkoreanischer Literatur zu sein, beispielsweise in Elisa Shua Dusapins Ein Winter in Sokcho.

Die Konflikte zwischen den drei Personen in Die Tochter, die aufgrund der eigenen ökonomischen Verhältnisse zu einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft gezwungen werden, sind quasi vorprogrammiert. Die Haltung der Mutter ist dabei zu Beginn stur und unnachgiebig:

Warum liebt meine Tochter Frauen? Warum quält sie mich damit und konfrontiert mich mit einem Problem, über das andere Eltern sich nicht einen Tag im Leben den Kopf zerbrechen brauchen? Warum macht sie mich so unglücklich? Warum ist meine Tochter grausam zu mir?

Familie als mikrokosmisches Zentrum gesellschaftlicher Konflikte

Der Roman heißt zwar Die Tochter, ist aber gänzlich aus der Perspektive der Mutter erzählt. Diese Sicht zeigt im Verlauf der Erzählung immer mehr Risse, entwickelt jedoch zugleich einen erstaunlichen Sog, der die Lesenden in seinen Bann zieht. Die Mutter, deren Name im Buch keine Rolle spielt, arbeitet als Altenpflegerin. Ihr Ehemann, der Vater der Tochter, ist bereits verstorben. Aber auch zuvor war er wegen seiner Arbeit als Bauarbeiter bei internationalen Projekten leider wenig anwesend. So müssen die beiden Frauen, die zwei gänzlich unterschiedlichen Generationen angehören, nun die Dinge unter sich ausmachen. Und dies bedeutet: Konflikt. Eine fortwährende familiäre Reibung, die damit beginnt, dass die Tochter die Mutter bittet, sie und ihre langjährige Partnerin bei sich aufzunehmen – nur für kurze Zeit versteht sich – da sie sich die Miete für ihre Wohnung in dieser teuren Stadt nicht mehr leisten können. Die Reaktion der Mutter:

          »Wie du weißt…« Es dauert lange, bis ich meinen Mund aufbringe. Wie du   weißt, in dieser Floskel und wie ich sie sage, wird meine ablehnende Haltung mehr als offensichtlich. (…) »Wie du weißt, ist dieses Haus das Einzige, was mir geblieben ist«, entgegne ich.

Schließlich willigt die Mutter doch noch ein, die Tochter aufzunehmen, aber nur sehr widerwillig lässt sie auch die Partnerin ins eigene Haus.

Die Perspektive einer Mutter

Wäre der Roman nicht aus der Perspektive der Mutter geschrieben, man müsste sie als junger, liberaler Mensch für eine alte, verbitterte und selbstmitleidige Schreckschraube halten, der das eigene Ansehen in der Nachbarschaft wichtiger ist als das Wohlergehen der eigenen Tochter. Doch nach und nach zeigen die Verbitterung und die Wut der Mutter über die Homosexualität und das Leben ihrer Tochter im gemeinsamen Zusammenleben Risse und Brüche. Die Mutter, die sich sonst so sicher in ihren subjektiven Ansichten ist und diese schlicht für objektive Wahrheiten hält, wird in ihrer Sichtweise zunehmend irritiert. Vielleicht lieben ihre Tochter und ›das Mädchen‹ sich ja wirklich? Vielleicht können sie nicht heiraten und keine Kinder haben, weil die Gesellschaft es tatsächlich verhindert? Vielleicht will sich ihre eigene Tochter mit ihrer Lebensform nicht an ihr rächen? Jede Frage dieser Art, die die Mutter sich im Verlauf des Romans stellt, bringt ihr eigenes Weltbild immer mehr ins Wanken.

Literarische Gesellschaftskritik

Kim Hye-jin gelingt es meisterlich, die Mutter exemplarisch als eine Figur darzustellen, die zwar im Grunde um die sozialen Probleme in der südkoreanischen Gesellschaft weiß, mit ihrer resignierten Haltung aber davon überzeugt ist, als Einzelne nichts an ihnen ändern zu können. Doch durch die Konfrontation mit dem Leid ihrer Tochter und deren Partnerin, die rechtschaffen arbeiten, sich aber die Miete nicht mehr leisten können, die nur wegen ihrer Liebe zueinander ständig diskriminiert werden, wandelt sich die Einstellung der Mutter langsam. Als Altenpflegerin ist sie nicht mehr bereit, die schlechte Behandlung ihrer Patientin im Pflegesystem mitzutragen. Sie steht auf und läuft durch ihren Protest auf der Arbeit Gefahr, entlassen zu werden. Damit bringt sie sich in jene aufrührerische Position, die sie an ihrer Tochter zuvor immer verachtet hat:

Überall, wo du auch hingehst, für Unruhe zu sorgen? Dich immer beschweren? Für deine Probleme immer anderen die Schuld geben? Das ist das Beste, was du zu geben vermagst? (…) Wenn die Leute sagen, da ist nichts zu machen, dann hat das meistens einen guten Grund. Warum also gehst du weiter auf die Straße und schreist »Unrecht«?

Der Wandel der Mutter, eine geniale psychologische Wende, charakterisiert den Roman. Eine Wende, die zeigt, dass es sich auch in einer eher traditionell-konservativen Gesellschaft um liberale und demokratische, humanitäre Werte im Sinne gesellschaftlichen Fortschritts als Einzelperson zu kämpfen lohnt. Am Ende des Romans wird die Mutter wegen ihrem Protest im Pflegeheim entlassen. Nun kümmert sie sich zuhause liebevoll um ihre Patientin, bis diese stirbt. Ein Tod, der ihr nach Jahren der emotionalen Abstumpfung im Pflegesystem endlich wieder nahegeht.

Der Kampf geht weiter…

Objektiv betrachtet haben die Tochter und ihre Mutter außer der Tatsache, endlich wieder mehr zueinander gefunden zu haben, am Ende des Romans kaum etwas gewonnen. Doch der:die Leser:in weiß: der Kampf um Rechte, niedrigere Mieten, gegen Diskriminierung von Alten, Frauen und Mitgliedern der LGBTQ-Community hat gerade erst begonnen. Ein Kampf, der noch viele persönliche Opfer erfordern, aber Mutter und Tochter noch enger zusammenschweißen wird. Die Tochter macht Mut. Ein Werk, das man nicht nur lesen sollte, wenn man sich für die südkoreanische Gesellschaft und ihre inneren Konflikte interessiert, sondern das gerade in Pandemiezeiten die gemeinsame Menschlichkeit aller über Generationen, Meinungen und Ansichten hinweg in den Fokus rückt. Denn letztlich sind wir alle Teil derselben, mit sozialen Problemen gespickten Gesellschaft.  

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Kim Hye-jin
Die Tochter

Hanser Berlin: Berlin 2022
176 Seiten, 20,00€

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