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Proletarische Schwermut

Andrej Platonow gehört zu den sowjetischen Schriftstellern, die zu Lebzeiten nicht gedruckt werden durften. Mit dem Verbot seines Kurzromans Die Baugrube wurde nicht nur eine kritische Stimme zu Stalins Politik der Zwangskollektivierung zum Schweigen gebracht, es wurde auch »die russische Prosa um fünfzig Jahre zurückgeworfen« (Joseph Brodsky).

Von Christian Dinger

Betrachtet man die architektonischen Zeugen des Stalinismus, etwa das Frankfurter Tor in Berlin oder den Kulturpalast in Warschau, kann es vorkommen, dass einem ein Schauer über den Rücken läuft. Denn trotz der staatstragenden Protzigkeit, trotz des Zuckerbäckerkitsches, kann man sich der kühlen Erhabenheit des sozialistischen Klassizismus nicht erwehren. Ebenso wenig kann man sich aber den Assoziationen entziehen, die diese Gebäude hervorrufen: die Gedanken an Militärparaden, an politische Säuberungen und Gulags. Das daraus entstehende Misch-Gefühl aus ästhetischer Anziehungskraft und abstoßendem Schauer ist vielleicht dasselbe, das man auch beim Lesen von Andrej Platonows Baugrube empfindet.

Es handelt sich um einen ungeheuer schönen und ungeheuer schaurigen Roman, besser gesagt um einen Kurzroman (eine Gattung, die in der deutschen Literatur als solche gar nicht existiert). Er beginnt damit, dass der Proletarier Woschtschew seine ursprüngliche Arbeitsstelle in einer kleinen Maschinenfabrik verliert »infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit«. Von großer Schwermut getrieben, gelangt er eines Tages zu einer Gruppe von Arbeitern, die dabei sind, eine riesige Baugrube für die Errichtung eines »gemeinproletarischen Hauses« auszuheben. Er schließt sich dem Artel an, das unablässig dabei ist, seine eigene Produktivität zu erhöhen. Doch der Trübsinn verlässt Woschtschew nicht und er fängt an, beim Graben heimlich kleine Gegenstände einer vergangenen Welt zu sammeln.

Überhaupt ist das Buch umhüllt von einer grenzenlosen russischen Melancholie. Verkörpert wird sie nicht nur von Woschtschew, sondern auch vom Bauingenieur Pruschewskij, der »die ganze Welt als toten Körper« begreift und sich entschlossen hat, zu sterben; und vom Arbeiter Tschiklin, der nicht denken, sondern nur handeln kann, und der eines Tages in einer verwaisten Fabrikhalle jene Industriellentochter wiederentdeckt, die ihn vor vielen Jahren unerwartet auf den Mund geküsst hat und nun als »burshujka« elendig verhungert. »Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?«

Dieser Tristesse entgegengesetzt werden die Direktiven der Partei und die von Stalin ausgegebenen Parolen. Die Figuren sprechen nicht die individualistische Sprache des psychologischen Realismus, sondern eine kollektivierte Sprache, durchsetzt von marxistischen Formeln und Zitaten aus Stalin-Reden. Doch diese Formeln gehen nicht auf, die einfachen Arbeiter und Bauern benutzen sie unbeholfen und unbedarft. Besonders deutlich wird dies am Waisenmädchen Nastja, der Tochter der verhungerten burshujka, die Tschiklin mit ins Artel nimmt, wo sie von allen Arbeitern als Verkörperung der proletarischen Zukunft umsorgt wird. Da sie als Bürgerliche geboren wurde, versucht sie diesen Makel schon im Kindesalter durch besondere Linientreue auszugleichen. Als zwei Kulaken, ehemals wohlhabende Bauern mit eigenem Landbesitz, an der Baugrube vorbeigehen, ruft sie dem Arbeiter Safronow zu:

»Geh und bring sie um!«, sagte das Mädchen.
»Das ist nicht erlaubt, Töchterchen: zwei Personen sind noch keine Klasse…«
»Das ist einer und noch einer«, zählte das Mädchen.
»Aber komplett waren es zu wenig«, bedauerte Safronow. »Wir sind ja, gemäß des Plenums, verpflichtet, sie mindestens als Klasse zu liquidieren, dass bloß das ganze Proletariat und der Tagelöhnerstand von Feinden verwaist!«

Die »Liquidierung des Kulakentums als Klasse«, wie sie Stalin am 27.12.1929 auf der Konferenz der marxistischen Agrarwissenschaftler fordert, wird zum leitenden Thema der zweiten Hälfte des Romans. Die sogenannte Entkulakisierung, welche die sowjetische Zwangskollektivierung flankierte, forderte über eine halbe Million Todesopfer durch Hunger, Deportation und Erschießungen. Im Gedächtnis der westlichen Welt ist sie kaum noch präsent, nicht zuletzt, weil sie von den kommenden Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs und den stalinistischen Säuberungsaktionen überschattet wurden.

Bei Platonow wird der Terror auf groteske Weise real. Tschiklin, Woschtschew und die anderen Arbeiter ziehen noch vor Vollendung der Baugrube in den Kolchos, um dem unermüdlichen Aktiv bei der Kollektivierung zur Seite zu stehen. Dort ist der Tod allgegenwärtig: Bauern liegen bereits ihre Särge ein und auch im Winter wimmelt es von Fliegen wegen des verhungerten Viehs. Zu guter Letzt tritt ein leibhaftiger Bär auf den Plan, der als Hammerschmied im Dorf arbeitet und als letzter Proletarier befreit wird. Gemeinsam mit Tschiklin und dem Mädchen Nastja zieht der Bär durch die Dörfer und vertreibt die Kulaken.

Buch


Andrej Platonow
Die Baugrube
Suhrkamp Verlag 2016
240 Seiten, 24,00€



Bei allen grotesken und aberwitzigen Elementen in diesem Roman wäre es jedoch weit gefehlt, Platonow für einen Surrealisten zu halten. Die Deportation von Kulaken, die gesammelt auf einem Floß ins offene Meer geschickt werden, mag man auf den ersten Blick für eine poetische Überspitzung der Verbannungspolitik halten – ein Blick in die Anmerkungen reicht aus, um sich gewahr zu werden: So etwas hat es im Kollektivierungswahn der Sowjetunion tatsächlich gegeben. Die Bauern, die ihre Pferde verhungern ließen oder gegessen haben, um sie der Vergesellschaftung zu entziehen – auch sie hat es gegeben. In der Baugrube verschmelzen Phantastik und Realismus auf unheimliche Weise. Das Groteske, das nach Wolfgang Kayser »die entfremdete Welt« zeigt, ist hier wirklicher, als man es sich vorstellen möchte.

Das, was die Darstellung dieser unheimlichen und grausamen Welt am Ende aber doch zu einem ästhetischen Genuss macht, ist die Sprache. Platonow gelingt es auf kunstvolle Weise, den Neusprech des sozialistischen Bürokratie- und Propagandaapparats und die Sprache der einfachen, ländlichen Bevölkerung mit christlicher Symbolik und Kommentaren zum tagespolitischen Geschehen in der Sowjetunion zu vermengen. Was dabei herauskommt, ist manchmal schief, manchmal geht die Grammatik nicht auf, manchmal ist die Sprache ebenso entfremdet wie die mit ihrer Hilfe erzählte Welt – aber sie schafft eine unverwechselbare Atmosphäre und erzählt auf wenig Raum unendlich viel über diese vergessene Zeit. Dass man davon etwas spüren kann, ohne des Russischen mächtig zu sein, ist der Übersetzerin Gabriele Leupold zu verdanken, deren Bereitschaft, sich mit solcher sprachlicher Kühnheit auseinanderzusetzen, man nicht anders als mutig bezeichnen kann.

Angesichts des mehr als dürftigen Echos, das die Neuübersetzung der Baugrube bisher in den großen Feuilletons hervorgerufen hat, sieht sich der Rezensent gezwungen, an dieser Stelle zu einem in Verruf geratenen Mittel der Literaturkritik zu greifen: der unbedingten Kaufempfehlung. Man kaufe sich dieses wunderbar gestaltete Buch, man lese es, und nach vollendeter Lektüre stelle man es ins Bücherregal neben die Bücher von Platonows großem Zeitgenossen Michail Bulgakow, neben die von Maxim Gorki, neben Tschechow und Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi – denn da gehört es hin.



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 Veröffentlicht am 30. Januar 2017
 Kategorie: Belletristik
 Bild: Wikimedia / CCO
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