Erneut zu Gast in Zehdenick

Moritz von Uslars 2019 erschienener Reportageroman Nochmal Deutschboden könnte aktueller nicht sein. Von Rechtspopulisten über besorgte Wutbürger bis hin zu Verschwörungstheoretikern ist im brandenburgischen Zehdenick alles vertreten. Beobachtungen mit häufig subjektiver Note. 

Von Lina Standke

Bild: Via Pixabay, CC0

Deutschboden. Das klingt nach einer Art Paradies für ein bisschen zu besorgte Patriot*innen , die den vermeintlich guten alten Zeiten nachtrauern.. Tatsächlich ist Deutschboden eine Wohngegend der real existierenden brandenburgischen Kleinstadt Zehdenick. In genau diese Kleinstadt begibt sich der Reporter Moritz von Uslar für sein 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienenen Reportageroman Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz nicht zum ersten Mal. Schon vor zehn Jahren war Zehdenick Schauplatz des Vorgängerbandes Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung, der 2014 unter dem Titel Deutschboden von André Schäfer verfilmt wurde.

Doch etwas Grundlegendes hat sich 2019 im Vergleich zum Jahr 2010 verändert: Es gibt die rechtspopulistische Partei AfD. Diese sitzt seit der letzten Bundestagswahl 2017 im Bundestag und bildet derzeit die größte Oppositionsfraktion im Parlament. Bei den Landtagswahlen letztes Jahr fuhr sie in Brandenburg und Thüringen Wahlergebnisse um die 23 Prozent, in Sachsen sogar 27,5 Prozent ein. Bei der Europawahl, die ebenfalls im Superwahljahr 2019 stattfand, war die AfD stärkste Partei im Landkreis Oberhavel, in dem Zehdenick liegt. Deshalb wird von Uslar schon vor Beginn seines erneuten dreimonatigen Aufenthalts gewarnt:

Wenn du nochmal in unsere Kleinstadt kommst, dann musst du ein politisches Buch schreiben.

Der Alltag als Bühne kleiner und großer Ereignisse

Moritz von Uslar lebt in Berlin undschreibt eigentlich für die Wochenzeitung »Die Zeit«. Doch auch als »Reporter, der aus dem tiefen Westen stammt«, fühlt er sich Zehdenick verbunden und hat dort seit seinem ersten Besuch enge Freunde gefunden. So manche Protagonisten und Anekdoten aus dem ersten Band tauchen auch wieder auf. Die Brüder und ehemaligen Mitglieder der aus Deutschboden bekannten Punkband »5 Teeth Less« Raul und Eric zum Beispiel führen den Reporter erneut durch die Kleinstadt, auf Partys, in Hinterzimmer von Kneipen, Wohnzimmer und Kleingärten.

Doch auch ohne den ersten Teil gelesen zu haben, fällt es nicht schwer, von Uslar durch die Kleinstadt zu folgen. Er läuft durch Straßen und Geschäfte, setzt sich auf Barhocker und Gartenstühle oder steht einfach nur eine Weile an einem Ort und wartet ab, was geschieht. Dabei begegnen von Uslar die verschiedensten Menschen. Unzufriedene, am Existenzminimum lebende Kleinstädter*innen, die »Ost« auf den Unterschenkel tätowiert haben und Schwarze Menschen als »Schwarzgebrannte« oder »Gesindel« bezeichnen. Oder etwa ein schwuler Bürgermeisterkandidat, der sich darum bemüht, das Image des seit den 90er Jahren als »Nazi-Stadt« bekannten Zehdenicks aufzupolieren.

Eines der Highlights der Handlung während der dreimonatigen Beobachtung ist die Tour der Zehdenicker Männer am Vatertag, bei der der Autor feststellt, »die […] Folklore hier im Osten […] war der Faschismus, war Saufen, waren Schlägereien.« Die Tour endet beinahe auf einer von Neonazis organisierten Party. Aber auch der Besuch der EU-Parlamentsabgeordneten Katarina Barley kurz vor der Europawahl, um mit den Zehdenickern darüber zu sprechen, wofür EU-Politiker*innen eigentlich die Steuergelder ausgeben, stellt ein solches Highlight dar. Diese Momente weichen ab von dem ansonsten durchgängigen Abwarten des Autors, was geschieht. Hier bekommt der*die Leser*in erstmalig das Gefühl, dass etwas passieren kann im scheinbar in der Vergangenheit stehengebliebenen Zehdenick. Die Kleinstadt kann sich doch noch als politisch nicht ausschließlich nach rechts offen beweisen.

Schmaler Grat zwischen objektiver Beobachtung und Tagebucheinträgen

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Moritz von Uslar
 Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz

Kiepenheuer & Witsch: Köln 2020
 336 Seiten, 22,00 €

Nochmal Deutschboden kommt als eine Reportage über die Kleinstadt Zehdenick und seine Bewohner*innen daher. Dabei ist dem Autor allerdings selbst klar, dass seine Reportage nicht objektiv bleiben kann, da er selbst stark in das Leben in Zehdenick involviert ist. Das Politische des Buchs besteht seiner eigenen Haltung gemäß manchmal ganz simpel darin, die AfD blöd zu finden. Es entsteht leicht der Eindruck, dass von Uslar schon vor seiner näheren Beschäftigung mit den Politiker*innen vor Ort feste Vorstellungen und Erwartungen an die Gespräche hatte. So heißt es im Interview mit einigen Vertreter*innen der AfD: »Wenn mittelkluge Leute sich taktisch und verlogen aufführten: supertrostlos, superuninteressant.«

Auch die Bewohner*innen Zehdenicks, die in Nochmal Deutschboden zu Wort kommen, hat der Autor nach subjektiven Interessen auserkoren und umgibt sich vornehmlich mit den besonders »Harten« oder »Kaputten« ‒ Menschen, die er am sympathischsten findet. So kann das Bild, das der Autor von der Kleinstadt zeichnet, schnell täuschen, da selbst in Zehdenick nicht jede*r Einwohner*in so rechts ist, wie es nach der Lektüre den Anschein haben mag. Das Reporterauge aber sorgt dafür, dass jede Begebenheit automatisch zu einer »geilen Szene« wird, in der eine kleine Beobachtung als Symptom für größere politische Zusammenhänge gesehen wird.

Eine weitere Besonderheit des Buches ist eben dieser Reportagestil: Von Uslar reiht Beobachtungen, die nur wenige Abschnitte umfassen, aneinander und folgt mit seinen Schilderungen einer ganz eigenen Chronologie. Es wird von einer Anekdote zur nächsten gesprungen, wodurch sich Erzählungen innerhalb einer Erzählung ergeben. Beim Lesen dieser Fragmente ist es eher, als würde man lose miteinander verknüpften Gedanken folgen, als eine kohärente Geschichte mit Anfang und Ende zu lesen. Die Beobachtungen von Uslars wirken daher zuweilen wie Tagebucheinträge über seinen Aufenthalt in der Stadt.

Ein Buch mit politischer Bedeutung und aktuellem Bezug

Moritz von Uslars Nochmal Deutschboden ist eine sinnvolle Ergänzung für diejenigen, die sich seit dem Vorgängerband Deutschboden nach Zehdenick zurücksehnten. Doch auch als Neuling in der Kleinstadt lässt der Reporter den*die Leser*in selbst ein Gefühl der Wiederkehr in die brandenburgische Stadt empfinden. Den Nachfolger zeichnen sowohl die Beschäftigung mit den veränderten politischen Bedingungen durch das Erstarken rechtspopulistischer Parteien als auch die neuen Gesprächsbedingungen aus:

Anders als bei den Recherchen zum ersten Teil wussten die Leute, mit denen ich sprach, dass meine Notizen und ihr O-Ton, den ich zu jeder Tages- und Nachtzeit und an jedem erdenklichen Ort, in privaten Wohnzimmern, in Kneipen, auf Tankstellen und auf Bürgersteigen aufzeichnete, nicht in meinem Aufnahmegerät verschwanden, sondern dass daraus Text entstand.

Die Stärken des Buchs liegen dabei häufig im Ungesagten und den Handlungspausen, in denen nicht viel passiert, deren Ruhe der*die Leser*in aber nutzen kann, um über das Gelesene nachzudenken. Der Reportagestil sollte allerdings nicht trügen und zu der Annahme führen, es handele sich tatsächlich um bloße Beobachtungen. Die Meinung von Uslars trägt einen erheblichen Teil zum Sound von Nochmal Deutschboden bei. Ein Buch, das nicht ausschließlich von abgehängten Ostdeutschen berichtet, sondern auch in die Anziehung der Ostalgie und die Schönheit des Abhängens an Kleinstadt-Tankstellen hineinfühlen lässt.

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