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Serialität ohne Langeweile

Autorin Lucie Flebbe setzt mit Jenseits von schwarz ihre Kriminalromantrilogie um die alleinerziehende Kommissarin Eddie Beelitz und Sicherheitsmann Joseph ›Zombie‹ Reinhart fort. Abermals schreibt die Autorin einen frischen Krimi, der mitten aus dem Leben gegriffen ist und mit sympathisch-ausgefallenen Charakteren spielt.

Von Svenja Brand

Lucie Flebbe schreibt viel, und sie schreibt in Serie. Dass diese Serialität nicht langweilig wird, liegt daran, dass der Autorin die richtige Portion Variation in der Wiederholung gelingt. Nach der neunbändigen Krimireihe um Privatdetektivin Lila Ziegler, die von 2008 bis 2017 im Grafit Verlag erschien, spielt auch die Jenseits-Trilogie um Kommissarin Eddie Beelitz wieder in

Buch-Info


Lucie Flebbe
Jenseits von Schwarz
Grafit Verlag: Köln 2019
311 Seiten, 12,00€

 

Autor*in-Info

Lucie Flebbe wurde 1977 in Hameln geboren. Sie arbeitet als Physiotherapeutin und lebt mit Familie in Bad Pyrmont. 2008 wurde sie für ihr Romandebüt Der 13. Brief (Grafit Verlag) mit dem Friedrich-Glauser-Preis als beste Newcomerin ausgezeichnet. Der letzte Band ihrer aktuellen Krimireihe erscheint im Oktober 2019.

 
 
Bochum (im Litlog-Interview berichtete die Autorin bereits davon). Auch hier findet sich die Protagonistin in einer scheinbar verfahrenen Lebenssituation wieder; nach einer Ehetrennung muss die plötzlich mittellose und alleinerziehende Kommissarin nach langer Pause in ihren Beruf zurückkehren. Und auch dieses Mal zeichnet sich Flebbes Romanfolge durch ein unkonventionelles und scheinbar zufällig zusammengewürfeltes Ermittlerduo aus, wie bereits die Lila-Ziegler-Reihe.

Gerade dieses Ermittlerduo aber ist auch neu. Protagonistin Eddie Beelitz wird die Figur ›Zombie‹, eigentlich Joseph Reinhart und Inhaber einer Sicherheitsfirma, an die Seite gestellt. Beide ermitteln in einem Mordfall, den ›Zombie‹ nicht nur beobachtet hat. Er ist auch persönlich in ihn verwickelt, denn am Abend nach dem Mord tötet er beide Täter in Notwehr und wird so selbst zum Verdächtigen – auf jeden Fall aus Sicht von Eddies Vorgesetztem; sie selbst ist von Joseph Reinharts Unschuld überzeugt.
Der ehemalige Boxer ›Zombie‹, der den Namen seinen großflächigen Tätowierungen verdankt (die eine seiner Körperhälften als verwest und mit einer Ratte zwischen den Rippen zeigen), hat mit dem Tod seiner drogensüchtigen jüngeren Schwester (in Jenseits von Wut) ebenso zu kämpfen wie mit seinem Selbsthass und Aggressionspotential – gleichzeitig ist er alleinerziehender Vater zweier Töchter und engagiert-fürsorglicher Chef.

Abwechselnd wird aus der Sicht von Eddie und ›Zombie‹ erzählt. Ist letzterer im ersten Band der Jenseits-Reihe noch Verdächtiger in einem Mordfall und werden die Erzählstränge dort eher parallel nebeneinander geführt, sind sie in Jenseits von schwarz aufeinander bezogen und ›Zombie‹ avanciert zum zivilen Co-Ermittler und Partner in mehr als nur beruflicher Hinsicht. Zwischen den beiden entspinnt sich im zweiten Band der Trilogie eine Liebesbeziehung, die immer wieder in sensibel-erotischer Weise beschrieben wird und dabei männlich-weibliche Rollenklischees in Frage stellt.

Klare Gesellschaftskritik

Flebbe bindet in Jenseits von schwarz wie in all ihre Krimis gesellschaftskritische Fragen ein, die nicht subtil, sondern ganz deutlich angesprochen werden. Die Ermittlungen finden dieses Mal in einer Suchtklinik statt, in der Personalnotstand zum Normalfall geworden und schlechter Umgang mit den Patient*innen die Regel ist. Die Klinikabläufe werden mit Umgangsweisen aus dem Gefängnis verglichen. Flebbe, die selbst Physiotherapeutin ist, gibt gekonnt Einblicke in einen auf Profit getrimmten medizinischen Betrieb, den man als Leser*in so lieber nicht erleben möchte und der beklommen macht.

Eddie Beelitz selbst sieht sich während ihrer Arbeit im Kriminalkommissariat für Mordermittlung sexistischen Strukturen und männlichem Machtgehabe ausgesetzt. Neben den professionellen Herausforderungen steht die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Vordergrund, die sich immer wieder auch in humorvollen Sätzen spiegelt:

Meinem Kollegen und Teamchef per SMS zu erklären, dass ich zwei hochbezahlte Rechtsmediziner warten ließ, weil meine fünfjährige Tochter sich mit einer kompletten Flasche Bodylotion eingecremt hatte und ich sie nicht glitschig wie eine Ölsardine bei der Babysitterin absetzen konnte, sparte ich mir.

Trotz dieser Komik verlieren die im Roman angesprochenen Fragen und Herausforderungen zwischen Abhängigkeit und Emanzipationsstreben nicht an Ernst. Sie spiegeln vielmehr eine pragmatisch-anpackende Haltung der Figuren wider und eine Weise, dem Leben zu begegnen, die sie im Alltag nicht resignieren lassen.

Lebensnahe Figuren

Die Ermittlungen in der Suchtklinik führen dazu, dass es in dem Roman immer wieder um Charaktere geht, die am Rand der Gesellschaft stehen, die mit Langzeitarbeitslosigkeit, Alkoholmissbrauch oder – wie ›Zombie‹ selbst – mit heftigen Aggressionsproblemen zu kämpfen haben. Durch seine dunkle Hautfarbe ist letzterer darüber hinaus Zielobjekt fremdenfeindlicher Übergriffe. Geschrieben ist das in einem Stil, der sich nicht über die Figuren erhebt, sondern ihnen durch Soziolekt, Wortgebrauch und damit auch auf emotionaler Ebene sehr nahekommt. Zu Eddies Nachbarin ›Mütze‹ passt das »Locker bleiben, Süße!« ebenso wie zu ›Zombies‹ alkoholabhängigem Kumpel ›Ouzo‹ dessen Rekonstruktion der gemeinsamen Vergangenheit:

Die Schlägertruppe hat uns damals echt fertig gemacht, wa? Hattest du die eigentlich weiter am Arsch kleben, nachdem ich mit meiner Alten die Biege gemacht hatte?

Für Eddie selbst stellt sich heraus, dass gerade in den sogenannten ›sozial schwachen‹ Bereichen der Gesellschaft, in denen sie nach der Trennung von ihrem Ehemann ein neues Zuhause gefunden hat, soziales Miteinander und nachbarschaftliche Hilfe – vor allem von Seiten starker Frauen – großgeschrieben werden. Das liest sich auch als Kontrast zu den im Roman geschilderten und kritisierten großbürgerlichen Scheinheiligkeiten, die sich etwa in der Chefetage der besagten Suchtklinik abspielen.

Wie auch in Flebbes bisherigen Romanen wirken die Figuren wie mitten aus dem Leben gegriffen und sie sind psychologisch sehr authentisch gezeichnet, obwohl – oder vielleicht gerade weil – es sich insgesamt um eher ausgefallene Charaktere handelt. So etwa ›Mütze‹, eine »kettenrauchende Vierzigjährige« mit einer »langen, pinkfarbenen Strähne in der graublonden Kurzhaarfrisur« und einem »Faible für bunte Armeekleidung«, die frei Schnauze mit viel Herz, Durchsetzungskraft und sehr patent für andere da ist. Oder auch Eddies Großmutter, die kräuterhexenähnlich in ihrem Schrebergarten allerlei Salben und Tinkturen zusammenmischt und mit quasi-hellseherischen Talenten ausgestattet ist. Gerade diese Variation in den Charakterzeichnungen macht die Krimiserien von Lucie Flebbe so spannend und die Figuren so sympathisch.

Band drei der Trilogie erscheint im Oktober

Die sich manchmal halbseitig ablösenden Erzählerwechsel in Jenseits von schwarz erfordern einiges an Aufmerksamkeit, halten aber auch das Tempo der Erzählung aufrecht. Vor allem aber handelt es sich um einen gut recherchierten und feinfühlig geschriebenen Krimi, der viel Mühe auf die Beschreibung authentischer Figuren verwendet und der auch auf Ermittlungsebene eine überraschende Fallauflösung bietet. Einige Nebenhandlungen der Erzählung sind am Ende des Romans noch offen – aber es steht ja noch Band drei der Trilogie (Jenseits von tot) aus, der im Oktober erscheint.

Wer sich bis dahin nicht gedulden kann, sollte sich auf der Website der Autorin umschauen, die nicht nur einen selbstgedrehten Buchtrailer zu Jenseits von schwarz bereitstellt, sondern auch Informationen zum Rechercheprozess.



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 Veröffentlicht am 4. September 2019
 Kategorie: Belletristik
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