Seite für Seite auf schwankendem Grund

Ein Schriftsteller, der sich auf Spurensuche begibt und seine Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden versucht. Benito gibt viel her, ist spannungsreich, erfordert aber auch die Bereitschaft, sich auf eine nicht gerade leicht erzählte Geschichte einzulassen.

Von Eva Schuchardt

Bild: via Pixabay, CC0

Wie viele verschiedene Themen, Gefühle und Motive können in einem Roman eigentlich untergebracht werden? So, dass man sich als Leser:in nicht überrollt fühlt, die Sprache darunter leidet oder der Roman an Aussagekraft einbüßt? Hendrik Otremba gelingt das ganz souverän in seinem 2022 erschienenen Roman Benito. Herausgegeben vom März-Verlag liest sich das Buch stellenweise wie ein Coming-of-Age Roman: Themen wie Freundschaft, aber auch Verlust und Trauer werden nachfühlbar dargestellt, bis plötzlich eine ganze Menge an – zugegeben pathosgetränkter – Zivilisationskritik über den:die Leser:in hereinbricht und in einer Art Prophetie-Text endet.

All das hängt miteinander zusammen: Der rote Faden des Romans ist ein Rätsel, eine Spurensuche, die der Protagonist des Romans, ein durchgebrannter Autor aus dem Ruhrgebiet, auf exakt 500 Seiten nachzugehen hat. Klingt alles erstmal ein bisschen anstrengend, aber Otrembas durch und durch plotgetriebenes Werk nimmt nach den ersten verschlafenen Seiten an Tempo auf. Zwei alternierende Handlungsstränge präsentieren die Geschichte auf zwei Zeitebenen: im Jahr 2026 und im Sommer 1995.

Ein sich hoch auftürmendes Handlungsgeflecht

Da ist also in der Erzählgegenwart im Jahr 2026 ein etwas resigniert wirkender Autor, gleichzeitig der Ich-Erzähler der Geschichte, der (natürlich) in Berlin lebt, nach einer fluchtartigen Italienreise in die Stadt zurückkommt und einer ominösen Einladung zu einem Wirtschaftsempfang in einem großen Hotel in Bonn folgt. Dort trifft er auf zahlreiche einflussreiche Gesichter der Politik- und Medienbranche. Jäh wird der mit viel Medienrummel begleitete Festakt von einem Terrorangriff unterbrochen. Ein vermummter Mann stürmt den Festsaal und schießt um sich, Panik bricht aus, der Ich-Erzähler erkennt in dem Mann einen alten Freund aus Pfadfindertagen: Benito. Aus einem Impuls heraus verfolgt er diesen durch die Hoteltrakte.

Benito, der sich schließlich im Foyer des Hotels vor den Augen des Ich-Erzählers selbst anzündet und unter dem Schussfeuer der Polizei stirbt, ist blind. Außer ihm wurde jedoch niemand verletzt oder getötet. Benito hatte mit Platzpatronen geschossen, der ganze Vorfall: die Inszenierung eines Anschlages. Was folgt sind ein riesiger Medienaufruhr, die Frage nach den Motiven des blinden Täters und ein anonymer Anruf beim Ich-Erzähler.

Hier knüpft der zweite, parallel erzählte Handlungsstrang an: die Kindheitsgeschichte des Ich-Erzählers, der nun auch endlich einen Namen bekommt: Cherubim, sein Fahrtenname bei den Pfadfindern. Das Pfadi-Setting bildet den zweiten Teil der Geschichte. So ist der Zehnjährige im Sommer 1995 zusammen mit fünf anderen Jungen auf einer dreiwöchigen Flussfahrt unterwegs. Die Jungen sind nicht allein, sondern werden von einem jugendlichen Begleiter, der im Roman schlichtweg „der Häuptling“ genannt wird, angeführt.

Die zu Beginn noch wie ein kindliches Abenteuer anmutende Fahrt wird nach einigen Wochen von einem Unheil heimgesucht. Der Häuptling, die einzige erwachsene Person auf der Reise, wird im Wald unabsichtlich von einem Jäger erschossen. Die Jungen bleiben allein zurück, beschließen, weiterzuziehen und irren wochenlang traumatisiert durch die Gegend. An dieser Stelle endet dann auch die Erinnerung des Ich-Erzählers Cherubim, der nun begreift, dass der Attentatsvorfall in Bonn, die Kanufahrt und das daraus erwachsende Unglück, in einem größeren Bedeutungszusammenhang stehen:

»Etwas, das, mir unsichtbar, immer dagewesen sein mag, sich aber nun erst offenbarte, schleichend und unausweichlich. […] ein Rätsel, die Zeit, oder: meine Geschichte […] Sie müssen doch miteinander zusammenhängen, die Orte, die Ereignisse, die Menschen. Wenn ich es nur sagen könnte, wenn ich es nur wüsste. Doch, da gibt es einen Zusammenhang, muss es einen Zusammenhang geben. Sonst wäre ich jetzt nicht hier.«

Pfadfinderträume und verschwommene Erinnerungsketten

Das Pfadfinderthema und die in vielen Passagen beinahe unerträglich unschuldigen Beschreibungen der Flussfahrt stehen im Kontrast zu den dunklen Gedanken des Ich-Erzählers in der Erzählgegenwart. Die Wurzeln dieser Gedanken reichen in seine Kindheit zurück, die von Verlustängsten gegenüber dem alkoholkranken Vater und einer nahezu existentiellen Scham darüber geprägt ist, dass er nicht schwimmen kann, es trotz Unterricht nicht lernt, obwohl sein Vater doch einst Schwimmlehrer war. Geradezu ironisch mag es nun erscheinen, dass sich der Zehnjährige ausgerechnet auf eine Flussfahrt begibt, jedoch ist es wenig überraschend, dass gerade der Abstand zur eigenen Familie und das Zusammensein mit fünf anderen Jungen prägend für ihn werden.

Otremba versteht es, die wachsende Freundschaft und das sich entwickelnde Gefühl von Zusammengehörigkeit zwischen den Jungen zu beschreiben. Als Leser:in wird es einem einfach gemacht, sich auf das Flussfahrt-Pfadfinder-Thema einzulassen. Durch die Abwesenheit von Ironie – einem kindlichen Kommunikationshorizont entsprechend – lesen sich viele Passagen wie aus einem kinder- und jugendliterarischen Text ohne Doppeldeutigkeiten:

»Cherubim setzte sich zu ihm. Der Häuptling legte ihm einen Arm um die Schulter und Cherubim kuschelte sich fröstelnd an ihn. Mit müden Augen betrachteten sie das gigantische Schaubild über ihren Köpfen, auf dem die Sterne so zahlreich waren, dass sich die Erde um sie herum auf einmal winzig klein anfühlte.«

In radikalem Kontrast dazu steht der Tonfall des Ich-Erzählers in der Erzählgegenwart, der immer etwas Destruktives innehat.

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Hendrik Otremba
Benito

März Verlag: Berlin 2022
504 Seiten, 28,00 €

»Dann ging es abwärts. Ich stand in der verspiegelten Kabine, die mich erschrecken ließ, mir wohin ich mich auch drehte mise en abyme eine verzerrte Fratze entgegenwarf, in der ich mein Gesicht kaum mehr erkannte. […] und während ich langsam das Gefühl bekam, den Verstand zu verlieren, bretterte das Auto auch schon mit einem Affenzahn in Richtung der Fernsehstudios im Kölner Nordwesten. Der Häuptling, mein Vater, Benito, Fliegentöter. Ein Schuss. Feuer. Schüsse. Dieses Reden, dieses Gedicht. Ich fing an, im Fond des Autos zu hyperventilieren, schwitzte trotz Klimaanlage.«

Die Gegenüberstellung beider Erzählweisen führt nicht nur zu einer den ganzen Roman unerbittlich hochgehaltenen Spannung, sondern trägt auch dazu bei, die Figur Cherubims komplex und facettenreich zu charakterisieren: Freude und Furcht, blindes Vertrauen und Mutlosigkeit, Zermürbung und die Gewissheit über die eigene vermeintliche Unzulänglichkeit prägen seine Figur. 

Detailstarke Figuren

Jede:r Leser:in, die:der ein Faible für Underdog-Figuren hat, wird in Benito auf seine:ihre Kosten kommen: So hat Otremba viel Mühe aufgewendet, die einzelnen Figuren sorgfältig als Außenseiter zu charakterisieren. Das fällt schon bei der Namensgebung auf, bei der Otremba durchaus originell war:

Da gibt es neben Cherubim noch Fliegentöter, aus bildungsbürgerlichem und privilegiertem Elternhaus, jedoch mit deutlicher Abneigung gegen den Wohlstand seiner Familie, belesen und mit einem irritierenden Faible für Waffen und Militärgeschichte. Maus, stiller Beobachter, der schon als Kind gerne Miniaturen von Städten und Landschaften baute, Ugur und Benito, beide im Kinderheim groß geworden und mit schwierigen Familiengeschichten, und schließlich Kippe.

»Kippe war ein guter Kerl. Er war nicht boshaft, nicht verschlagen. Kein Angeber. Er handelte viel mehr aus Freude, aus der Intensität seiner Existenz heraus, die er klar und deutlich zu spüren schien. Ein Waldläufer. […] Er war stark und schlau, seine Schönheit eroberte die Räume, die er betrat […]. Doch all diese Eigenschaften tanzten unter einer Eisfläche, die zwar trug, sicheres, dickes Eis war, aber deren darunter liegendes Wasser das Fragile bedeutete, abgegrenzt und versteckt, für eine andere Zeit und aus einer anderen Zeit […].«

Ein blinder Seher?

Die beiden handlungstreibenden Schlüsselmomente – der Vorfall in Bonn und das Unglück der Pfadfindergruppe auf ihrer Kanufahrt – münden im Verlauf der Handlung schließlich in einer Art zivilisationskritischem Text. Der Ich-Erzähler scheitert immer mehr daran, beide Vorfälle miteinander zu verbinden und Benitos Suizid und Terrorattacke zu entschlüsseln. Gleichzeitig geht es vor allem um die titelgebende Figur des kleinen Benitos, der das Unglück der Kanufahrt als Symptom einer verunglückten und von Gewalt getriebenen Gesellschaft empfindet und sich zunehmend in wahnhaften und gesellschaftsabgewandten Gedanken verliert. Das geht so weit, dass er zu einer Art Prophetenfigur kulminiert, die nach dem Tod des Häuptlings und der sich daraus anbahnenden Irrfahrt zu den anderen Jungen spricht und das Unheil dieser Welt beklagt:

»So oft stand die Welt, in der wir leben, schon am Abgrund. Und bald wird es soweit sein. […] Es wird nicht den einen Grund geben, der alles zum Ende bringt. Es wird durcheinandergehen, sich überlagern, überlappen, in unendlichen Folien des Schreckens. Krankheit, Verfall, Hitze, Schmutz, Sturm, Gewalt. Das Eis wird schmelzen und Viren, die wir noch nicht kennen, werden uns befallen. Die Wälder werden brennen.«

In diesem Punkt wirkt Otrembas Roman zunehmend surreal und so ganz mag man als Leser:in an diesem Punkt nicht mehr mitgehen. Wenngleich man nachvollziehen kann, dass Benito den plötzlichen Tod des Häuptlings nicht verarbeiten kann und traumatisiert ist, wirkt es eher eigenartig, dass ein Zehnjähriger in einem so pathetischen und salbungsvollen Ton spricht und vom Autor zum Sprachrohr für Zivilisationskritik stilisiert wird.

Maximal auserzählt

Benito ist sicherlich kein von Leichtigkeit geprägtes Werk. Auch gibt es keine Leerstellen und Auslassungen und man muss sich als Leser:in auf einen fulminant auserzählten Text einlassen wollen, in dem Otremba wirklich so gar nichts dem Zufall in der Rezeption überlässt, sei es im Hinblick auf die Figuren oder der Verknüpfung zwischen den beiden Handlungsebenen.

Trotzdem ist Benito nicht vorhersehbar, ist stark hinsichtlich der Ausarbeitung der Figuren und der Durchdringung verschiedener zeitlicher Ebenen. Otrembas Talent, die Dinge existentiell und intensiv zu erzählen, den Beschreibungen und Gedanken seines Ich-Erzählers Raum zu geben und der stellenweise zwar anstrengende pathosreiche Ton, der einem als Leser:in erstmal taugen muss, laden dazu ein, sich auf ein großes Abenteuer einzulassen.

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