Im Schutz der Meereswogen

Sirenen – in der griechischen Mythologie sind es meist böse Wesen, die Männer mit ihrem verführerischen Gesang in den Tod locken. Doch was, wenn sie lediglich Sorge dafür tragen, Frauen vor diesen zu schützen? Emilia Hart webt in ihrem neuen Roman Unbeugsam wie die See eine tief berührende Welt voll weiblicher Solidarität.

Von Sidney Lazerus

Bild: Via Pixabay, CCO

Nachdem die britisch-australische Schriftstellerin Emilia Hart schon mit ihrem Debütroman Die Unbändigen erstmals die feministische Ader ihres Schreibens zeigte und nachhaltig beeindrucken konnte, folgte nun im August 2025 ihr zweiter, ebenfalls sogleich zum Bestseller avancierender Roman Unbeugsam wie die See. In beiden Romanen werden Frauenperspektiven aus drei verschiedenen Jahrhunderten elegant zu einem Ganzen zusammengefügt. Während sich ihr erster Roman um das Sujet der Hexen dreht, handelt ihr neuer Romannunvon Sirenen an der australischen Küste von New South Wales.

Von Kapitel zu Kapitel wechseln sich drei weibliche Perspektiven auf unterschiedlichen Zeitebenen ab. Zum einen begleiten die Leser:innen Lucy, eine Studentin des Journalismus im Jahre 2019, die seit jeher von ihrer Wahrheitsliebe angetrieben wird und sich daher für ein Journalismus-Studium entschieden hat. Dann ist da Jess, Lucys Schwester, die als Jugendliche im Jahr 1999 versucht, Kraft in ihrer Leidenschaft zur Kunst zu finden. Die dritte Protagonistin ist Mary, die im Jahre 1800 mit ihrer Zwillingsschwester Eliza Gefangene auf der Naiad, einem Sträflingsschiff ist, das sie zusammen mit etwa hundert anderen Frauen von Irland nach Australien deportieren soll. Die vier Frauen verbindet vor allem eines: erfahrenes Leid durch Männer.

Rätselhaftigkeiten

Das Buch beginnt mit der Perspektive Lucys, die neuerdings zum Schlafwandeln neigt. Als ein nächtlicher Ausflug droht, zum Verhängnis zu werden, flieht sie Hals über Kopf vom Unigelände zu ihrer großen Schwester Jess, die ebenfalls Schlafwandlerin ist und von der sie sich Hilfe erhofft. In dem Küstenort namens Comber Bay angekommen, findet Lucy Jess’ Haus verlassen, die Tür ihres Hauses jedoch unverschlossen, vor. Aus Verzweiflung beschließt sie, vor Ort auf die Heimkehr ihrer Schwester zu warten.

Im Laufe der Woche hört Lucy von Nachbar:innen beunruhigende Gerüchte über Comber Bay. Menschen  sollen Frauenstimmen aus den Wellen des Meeres gehört haben, ein Säugling – genannt Baby Hope – wurde 1982 mutterseelenallein in einer gefährlichen Höhle gefunden. Außerdem erfährt sie, dass acht Männer aus dem Ort schon seit mehreren Jahrzehnten spurlos verschwunden sind. Die geheimnisumwitterte fiktive Kleinstadt Comber Bay sowie das wilde Meer als Kulisse der Handlung nimmt in der Vorstellung der Leser:innen Gestalt an. Hart lässt eine düstere, raue und mystische Atmosphäre entstehen, die von Beginn an fesselt.

Verwebung von Traum und Wirklichkeit

Panisch merkt Lucy, wie ihre Träume und das Schlafwandeln zunehmend Macht über ihre Realität erlangen. Oftmals läuft sie im Schlaf ins Meer, das sie selbst im Wachzustand zu rufen scheint. Oder sie steht gefährlich nah an einer Klippe und erwacht erst von dem brennenden Schmerz ihrer Haut, die allergisch auf Wasser reagiert. Immer wieder droht sie zu ertrinken. In dem leeren Haus blicken ihr Jess’ Kunstwerke entgegen und scheinen eine Anziehungskraft auf sie auszuüben. Ein Gemälde zeigt zwei junge Frauen, ihre Haut merkwürdig schimmernd, die sich an den Händen halten. Es sind die Frauen aus ihrem Traum – Mary und Eliza. Wie Lucy durch Nachforschungen bald aufdeckt, erlitten die beiden Frauen im 19. Jahrhundert einen Schiffbruch und ertranken – nahe der Küste von Comber Bay.    

Nach einigen Tagen ohne Lebenszeichen von Jess beginnt Lucy, sich Sorgen zu machen und      sich auf die Spuren ihrer Schwester zu begeben, wobei sie einem erschütternden Familiengeheimnis auf die Fährte kommt. Der:die Leser:in befindet sich meist auf dem gleichen Wissensstand wie Lucy und fiebert mit ihr auf ihrer Suche nach Antworten mit. Durch dieses Rätseln entsteht eine besondere, sich unterschwellig aufbauende Spannung, die eine:n dazu drängt, weiterzulesen, um die Verbindungen zwischen den verschiedenen Frauen aufzudecken.

»Selbst im Wachzustand spürt sie immer noch diese andere Welt, wie eine Phantomgliedmaße. Die feuchte Wärme des anderen Körpers neben ihrem, den nagenden Hunger in ihrem Bauch. Das Knarren des Schiffes, das sich durch die Wellen kämpft.«

Ein Schimmer von Magie

Lucy erfährt durch das Tagebuch ihrer Schwester, dass sie mit ihr dieselbe, vermeintliche Hauterkrankung, eine seltene Wasserallergie, teilt. Beide leiden während ihres Aufwachsens      unter dem Gefühl, anders zu sein, fühlen sich fremd in ihrem eigenen Körper. Wie sich bald herauskristallisiert, verbindet sich ihre Suche nach der Wahrheit über das Schicksal der zwei Frauen aus einem längst vergangenen Jahrhundert untrennbar mit der Suche nach sich selbst.      Sie erfahren, dass das Meer nicht ihr Feind ist, sondern ihnen eine lang ersehnte Verwandlung – ein Ausbrechen aus ihrem eingeschränkten Leben – ermöglicht. Auch Mary und Eliza, die unter Deck der Naiad unter katastrophalen Bedingungen gefangen gehalten werden, spüren in der Dunkelheit, wie sich etwas an ihnen verändert.

»Als das Licht der Blitze durch die Risse in den Brettern zuckte, sah Marys Körper seltsam anders aus, ihre Zehen grünlich und mit Schwimmhäuten versehen. Ihre Haut schien zu schimmern, als wäre sie von winzigen Schuppen bedeckt. Doch dann, im nächsten aufflackernden Blitz, war die Illusion verschwunden.«

Hart webt magische Elemente – ähnlich wie in ihrem Debütroman – stets dezent und leise in die Geschichte ein, was ihr eine einzigartige Gespanntheit verleiht, da dies zu einigen unvorhergesehenen Wendungen führt. Erst allmählich wird klar, dass die vier Protagonistinnen übernatürliche Wesen sind, was zunächst nur angedeutet wird, z.B. motivisch durch die Galionsfigur der Meerfrau am Bug der Naiad. Die Perspektivwechsel zwischen den Kapiteln und die abwechselnde Informationsvergabe tragen zu diesem besonderen Reiz des Romans bei und greifen harmonisch ineinander. Hart beeindruckt primär mit ihrer eleganten Verknüpfung der verschiedenen Erzählstränge. Die vielen Details verbinden sich schließlich und lassen den übergeordneten Sinn bzw. die höhere Aufgabe der Frauen, die sie als weibliches Erbe zu erfüllen haben, erkennen.

Aufwühlend wie das Meer

Die Meereswogen symbolisieren im Roman die weibliche Wut und Widerstandskraft – wie schon im Romantitel anklingt – aber auch die verbindende Kraft zwischen den Frauen, die selbst Jahrhunderte überdauert. Hart erzählt nicht anklagend, aber beharrlich und einfühlsam von weiblicher Stärke und Gerechtigkeit, indem sie tiefe Einblicke in das Innere ihrer Frauenfiguren gewährt. Während der Gesang der Sirenen die Männer in die Wellen treibt, empfinden die Frauen dagegen einen unmittelbaren Trost durch die Frauenstimmen und eine Geborgenheit innerhalb dieses kollektiv weiblichen Schutzraumes des Meeres. »Das Meer gibt, und das Meer nimmt.« Das Meer wird somit als ambivalenter Raum zwischen Bedrohung und Geborgenheit konstruiert und gleichsam als Frau personifiziert, die eingreift, sobald eine andere Frau Gewalt erfährt.

Emilia Hart
Unbeugsam wie die See
‎ HarperCollins: 2025
416 Seiten, 24 €

»Die Gischt traf eisig auf ihre Wangen. Die Hand ihrer Schwester streifte die ihre, warm und weich. Mary versuchte sie festzuhalten, doch die beißenden Handschellen hielten sie davon ab. Sie blickte in Elizas weit auseinanderstehende Augen […]. Liebe drückte Marys Herz wie eine Faust zusammen. Mo dheirfiúr. Meine Schwester

Als Leser:in berühren vor allem die dargestellten schwesterlichen Beziehungen zwischen den Frauen, von denen Hart stets mit bewegenden, innigen und sehr bildhaften Worten erzählt. Unbeugsam wie die See fasziniert durch seine erschaffene geheimnisvolle Stimmung, durch die feinsinnige Verbindung einer feministischen Story mit fantastischen Elementen, den geschickt arrangierten und vorangetriebenen Handlungsverlauf und nicht zuletzt durch seine innig füreinander einstehenden Frauenfiguren, die wie das Meer unbeugsam bleiben.

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