Mit ihrem Album belle époque schreddert die Aachener Post-Hardcore-Band FJØRT alles, was ihnen verachtenswert ist: Militarismus, Faschismus – und auch vor sich selbst machen sie nicht Halt, schmeißen sich gleich mit rein: das Unvermögen, sich zur Wehr zu setzen. Das Hörerlebnis ist weit weniger destruktiv, als man meinen könnte, im Gegenteil: Es ist Katharsis.
Von Frederik Eicks
Bild: © Holger Kochs
Gelangt man einmal zu der Einsicht, dass die Welt, wie wir Menschen sie uns eingerichtet haben, ein paar ganz grundlegende Probleme hat – zum Beispiel strukturelle Menschenfeindlichkeit, Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur – und dass diese Dinge aufgrund der Machtstrukturen, von denen sie erhalten werden, alle irgendwie zusammenhängen – wenn man zu dieser Einsicht gelangt, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. Humor (PeterLicht): »Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, / Is’ uns lange genug auf der Tasche gelegen«. Oder Resignation (3Plusss): »Wir sind bald wie die Dinos (Ach du Scheiße) / Doch der Kapitalismus, der bleibt alternativlos«. Und viele mehr.
Wut, die alles zerschrotet
FJØRT hingegen entscheiden sich für Wut. Eine Wut, die gleißend hell brennt, heiß wird, bis alles weiß ist. Und alles, was ins Visier solcher Wut gerät, wird auch auf dem neuesten Album belle époque musikalisch regelrecht zerschrotet, zersägt und zerrieben zwischen den schweren, düsteren Sounds von Chris Hells Gitarre und David Frings’ Bass. Hinzukommt der vorwiegend gescreamte und darin sehr anspruchsvolle Gesang der beiden, der durchdringt bis ins Mark. Frank Schophaus’ vielseitiges Spiel an den Drums richtet sich ganz nach dem Bedarf des jeweiligen Stücks, hier ist alles möglich. Als Rückgrat dieser Musik wirken die präzisen Drums beinah unscheinbar, aber das ist gut so. Denn wer alles abreißen will, braucht einen sicheren Stand, sonst haut’s eine:n selbst von den Füßen. Das alles ist durchaus typisch für FJØRT, klang aber noch nie so satt wie auf belle époque, nicht einmal auf dem hervorragend produzierten (und auch sonst grandiosen) Vorgänger nichts.
Genauso brachial wie der Sound kommen die Liedtexte daher, die keine Zweifel an der Haltung der drei Musiker aufkommen lassen: »Wir leben in Hakenkreuzzeiten«, heißt es auf dem dritten Track ‘43, der einerseits die Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto und andererseits, einen geschichtlichen Bogen schlagend, unsere eigene Zeit zur Sprache bringt. Die lyrischen Stimmen wechseln zwischen der eines SS-Mannes und der von Sänger Frings, doch deren Grenzen verschwimmen: So fragt Frings, in bester Theweleit’scher Manier, nach dem faschistischen Gewalt- und Gehorsamspotential in sich selbst – »weil wir Menschen schaltbar sind«. Auch das Eröffnungslied messer thematisiert den Krieg, insbesondere die eigene Reaktion auf die Nachrichten aus den betroffenen Gebieten: »Ich fühle das, ab jetzt Kyjiw Mule im Glas / Doch von meiner Betroffenheit wird keiner wieder wach / Und auch nicht vom Hass«. So wird messer zu einem harten Song, der mit viel Gefühl von einem ohnmächtigen Schmerz erzählt – und von einer Zwickmühle auf dem Weg vom Wissen zum Handeln: »Ich sollte mich wehren, doch ich bin Pazifist / Ich sammle die Gewalt, bis sie mich killt«. Wenn FJØRT einmal die Axt anlegt haben, machen sie auch vor sich selbst nicht Halt.
Politische Kunst ohne Erklärbärerei
Mit ihrer in vielerlei Hinsicht radikalen Kunst sind FJØRT ohne Zweifel einer der aufregendsten und kreativsten Musikacts im deutschsprachigen Raum. Denn bei aller holzschreddermäßigen Kompromisslosigkeit sind FJØRT keine Haudraufmusiker, die nur einen Modus, ›Laut und in die Fresse‹, kennen oder können. Dafür stehen sowohl die oft widersprüchlichen Gefühle, von denen ihre Texte handeln, als auch der Abwechslungsreichtum ihrer Musik. Mit einem Gespür für feine, melodische Läufe und stimmungsvolle Atmosphäre gestaltet die Band beinah jedes der Stücke auf der LP musikalisch variantenreich und genrefluid. Die Qualitäten der Band liegen nicht in einem technisch anspruchsvollen Spiel. Die Musiker beherrschen ihre Instrumente so, wie sie es müssen für die Umsetzung ihrer klugen Einfälle und erweitern ihr Repertoire entsprechend.

belle époque
Grand Hotel van Cleef
Release: 20. Februar 2026
So betritt Bassist Frings auf belle époque mit seinen Vocals ein Gefilde, das er bisher kaum erkundet hat. Viel öfter als zuvor hört man nun seine Gesangsstimme ohne Screams, was auf dem fünften Track mir für eine gekonnte Steigerung der Intensität sorgt. mir ist Kristallisationspunkt von belle époque. Hier schlägt sich alles nieder, was das Album so brillant macht: Hochpolitische Texte, emotionale Komplexität, ein konsequenter Aufbau, der sich ganz nach der künstlerischen Vision, nicht nach vorgefertigten Schemata richtet. Mit Zeilen wie »Fick dich, Frontex, fick dich« ist der Standpunkt klar – und trotzdem hat man zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, man bekomme Erklärbärerei serviert oder halbgare Polit-Takes vorgekaut. mir zeichnet sich, wie das ganze Album, durch eine Deutungsoffenheit aus, die derart politische Kunst nur selten erreicht. Das zeigt der unabgeschlossene, auch später nicht vereindeutigte Refrain: »Nimm dir das Öl für deine Stimme, / Doch das Feuer, das bin ich / Du bist mir«.
Immer wieder demonstrieren FJØRT die Fähigkeit, ihre diversen musikalischen Einflüsse verschiedenster gitarrenschwerer Genres in eine überraschende, dennoch wie aus einem Guss wirkende Form zu gießen. In der zweiten Albumhälfte verlagert sich die Balance hin zu einem etwas poppigeren Sound, der Lust auf Bewegung und Tanz macht. Der Refrain des siebten Tracks rott hat gar Stadionrockqualitäten, sofort möchte man mitschreien: »Nein, für euch werd ich niemals!« Aber was genau niemals? Selbst die zugänglicheren Ideen auf belle époque kommen nicht ohne Kniff daher. Der Refrain ist elliptisch und erst im Outro, wo die schweren Metalgitarren sich Bahn brechen, wird der Text vervollständigt: »Jesus Maria, in dubio fickt euch / Für euch marschieren, niemals ihr Wichser«. Ja, wer sonst kann denn so gekonnt politisches Statement, derbe Beleidigung und hochgradig poetische Ausdrucksweise kombinieren?
Das Hoffnungsmoment?
Nichts, was FJØRT durch die Lautsprecher drückt, ist ohne Bruch. Auf belle époque ist der beste Song zum Tanzen, wie der Name schon vermuten lässt, danse, der explizit auffordert: »Tanz, so weit du kommst / So weit du kannst, ach tanz«. Aber wenn es schon am Anfang heißt »Alles wird ein Ja, wenn wir zwei Gramm weiter sind«, dann werden der Eskapismus und die Ekstase des Rauschs gleich wieder einkassiert und auf den Prüfstand gestellt, denn sie rücken in die Nähe eines soldatischen Gehorsams. Warum sonst sollte so ein zum Tanz animierendes Lied am Ende ein misogynes Söder-Zitat, das Frauen zu reinen Gebärmaschinen degradiert, bringen, wenn nicht, um die Logik der Verdrängung aufzubrechen?
Doch was bleibt dann? Kann man sich denn keine Ruhe, keinen Rausch mehr gönnen? »Wenn ich mich selbst zerlege, / Dann kannst du mir nichts« singt Chris Hell auf dem vorletzten Track yin, der das einseitige Denken ausstellt – und damit auch die Einseitigkeit der Zergliederung zergliedert? Möglich. belle époque bleibt aber vor allem ein Album des Schmerzes und der Wut. Es handelt von Übeln, nicht von deren Beseitigung. Gleichwohl kann es Anstoß sein, diese Musik rüttelt im Doppelsinn auf: den Körper im Tanz, den Geist im Denken; denn die Wut dieser Band ist eigentlich die einzig vernünftige Reaktion auf die Zustände, in denen zu leben wir vermeintlich zu akzeptieren haben: Demokratiekrise, Klimakrise, Kriegstreiberei. Ja, Politik machen lässt sich allein mit der »Großen Weigerung«, wie es bei Marcuse heißt, noch nicht. Aber mithilfe solcher Musik kann man Angst, Schmerz und Wut durcherleben, sich dann davon frei machen und wieder in Bewegung kommen. Das Hoffnungsmoment ist leise, aber unüberhörbar auf belle époque. Auf die Feststellung, man lebe in Hakenkreuzzeiten, folgt eben auch die Aufforderung: »La résistance, zeigt euch«. FJØRT zu hören ist, so hochtrabend und unwahrscheinlich das klingen mag, nichts weniger als eine Karthasis.

