Mit den Augen einer Mörderin

Monika Kims Debüt Das Beste sind die Augen verbindet Horror und Gesellschaftskritik: Aus einer zuerst albtraumhaften Obsession heraus übt die Erzählerin später bewusst Gewalt an Männern aus. Zwischen einer Befreiung von Sexismus, Rassismus und Einsamkeit dominiert dabei der Reiz des Bösen.

Content Note: Schilderung von Gewalt und Horrorelementen

Von Katarina Fiedler

Bild: Via Pixabay (bearbeitet), CC0

Augen bringen Glück. Zumindest Fischaugen, sagt Ji-wons Mutter. In Monika Kims Debütroman Das Beste sind die Augen beginnt alles mit einem gebratenen Fischauge, das die Erzählerin widerwillig isst – und dadurch eine Obsession auslöst, die sich vom Albtraum zur bewussten Faszination unaufhaltsam ausbreitet. Augen werden zum Fixpunkt in Ji-wons Leben, überall entdeckt sie schöne, blaue Augen. Besonders die hellblauen Augen ihres neuen Stiefvaters werden zum Objekt ihrer Begierde, und was zunächst wie eine bizarre Metapher wirkt, entwickelt sich über etwa 350 Seiten zu einer mörderischen Angelegenheit.

Ji-won lebt mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Ji-hyun in Los Angeles. Nachdem der Vater die Familie verlassen hat, fällt die Mutter in eine lähmende Abhängigkeit von dem Wunsch nach männlicher Zuwendung. Der neue Mann lässt nicht lange auf sich warten: George bezeichnet sich selbst als »Asien-Kenner«, sammelt kulturelles Halbwissen und Beziehungen mit asiatischen Frauen mit ähnlicher Begeisterung. Für Ji-won und Ji-hyun ist er eine permanente Grenzüberschreitung, denn er macht sich ungehemmt in ihrer Familie breit, nennt sie nur »JW« und »JH« und spielt sich als patriarchales Familienoberhaupt auf.

Parallel dazu erzählt der Roman von Ji-wons Studium, in dem sie stark gefordert ist und keinen sozialen Anschluss findet – bis ihr Kommilitone Geoffrey auf sie aufmerksam wird und sich zum supernetten, superaufdringlichen, übergriffigen ‚besten‘ Freund aufschwingt. Er liest besonders gerne feministische Klassiker, mit deren Hilfe er Ji-won ihre eigene Unterdrückung erklärt und zu wissen meint, was das Beste für sie ist: er.

Der Ekelfaktor des Romans setzt sich aus Horrorelementen und patriarchalen Machtdynamiken zusammen. Während der Horror mit Ekel in der Rezeption spielt und vor allem in den Mordtaten Ji-wons zum Tragen kommt, hält die Abscheu vor den zwei zentralen Männerfiguren den ganzen Roman über an. Die Namensverwandtschaft zwischen George und Geoffrey ist nicht zufällig, denn sie sind zwei Varianten des gleichen Typs: Sie verhalten sich Ji-won und ihrer Familie gegenüber bevormundend, aufdringlich und respektlos, mitunter gewaltvoll. Entweder mit der Begründung, genau wie andere Männer zu sein und damit nichts Falsches zu tun, oder überhaupt nicht wie andere Männer zu sein:

Er nimmt meine Hand. Ich warte einen Augenblick, bevor ich mich von ihm löse. ›Ich bin einer von den Guten, Ji-won. Wie ich immer schon gesagt habe. Du müsstest mir nur eine Chance geben. Außerdem‹, sagt er und plustert sich auf, ›schuldest du mir was, Ji-won. Ich habe dich vor diesem Kerl gerettet.‹

Volle Absicht

Die Erzählerin wird zu Beginn ihrer Obsession regelmäßig von Albträumen heimgesucht, in denen sie sich durch Räume voller Augen essen muss oder von einem menschengroßen Auge verfolgt wird. Anstatt mit diesen Träumen jedoch eine unzuverlässige Erzählerin zu etablieren, mutet Kim den Lesenden das klare Bewusstsein einer eiskalten Mörderin zu: Ji-won kann ganz genau unterscheiden, was echt ist und was Traum, ob ihr Unterbewusstsein die Kontrolle hat oder sie in der Wirklichkeit bewusst zum Messer greift.

Ihre brutalen Fantasien reißen sie und die Lesenden nicht mit sich in einen unsicheren Abgrund voller Zweifel und Unsicherheiten. Ihre Gewalt ist keine Verwirrung, kein Kontrollverlust, keine Notwehr und auch keine Unwissenheit. Nein, ihre Fantasien lässt sie mit beunruhigender Befriedigung über sich hinwegrollen, ihren Hunger auf männliche Augen zelebriert sie förmlich: »Warum sind alle Augen hier blau? Sie erkennen mich wieder. Sie wissen, was ich will, und sie flehen mich an, sie mitzunehmen. Ein Schauer nach dem anderen läuft mir über den Rücken. Ich bekomme am ganzen Körper Gänsehaut.«

Die Irritation des Romans – und auch sein starker Reiz – liegt in dieser fehlenden psychischen Entlastung. Ji-won wird für jedes ihrer Verbrechen konsequent zur Verantwortung gezogen, denn ihre Rache ist Absicht. Ihr Wahn verstärkt sich in ihrer Lust, ihn weiter zu füttern. Der Schock beim Lesen entsteht beim ersten Mal aus der Tat selbst, danach schockiert die Klarheit, mit der weitere Taten vollzogen werden. Ji-won ist eine Täterin, der ihre Bösartigkeit bewusst zugetraut wird. Sie hat damit das Potenzial, den Kanon der fiktiven Serienmörder, wie etwa Patrick Bateman in American Psycho, langfristig um eine zerstörerische Frau zu erweitern.

Radikale Privatheit

Es liegt nahe, den Roman als feministischen Racheroman zu lesen. Schließlich richtet sich Ji-wons Gewalt ausschließlich gegen Männer und Sexismus: Indem sie ausschließlich männliche Augen isst, verspeist sie wortwörtlich den male gaze. Doch diese Lesart alleine verkürzt die Wirkung des Romans, der die Perspektive einer Mörderin auffächert, die radikal privat bleibt. Ji-won verfolgt keine Agenda, sie setzt mit ihrer Gewalt kein Zeichen wie etwa die Protagonistin in Mareike Fallwickls Roman Die Wut, die bleibt. Sie zerstört keine Täter, sondern Menschen, zu denen auch die in ihrer nächsten Nähe gehören.

Der Roman lebt weniger von gesellschaftlicher Abrechnung als von moralischer Uneindeutigkeit. Der Feminismus des Textes ist präsent, aber nie programmatisch. Er zeigt sich im Verhältnis der Schwestern zueinander, in der Möglichkeit einer lesbischen Liebe, aber auch in der dargestellten Abhängigkeit der Mutter von einem Mann. Diese Gegenrolle zu Ji-wons zunehmendem Hass zeigt eindrücklich, wie schwer die Emanzipation fallen kann und wie einsam Frauen mitunter sind, die kein soziales Netzwerk abseits ihrer Ehemänner haben. Durch George, für den alle asiatischen Frauen gleich aussehen und der für sein lückenhaftes Koreanisch gelobt werden möchte, als sei er Muttersprachler, wird eine weitere gesellschaftskritische Dimension zu rassistischen Tendenzen aufgemacht, aber auf ebenso wenig bahnbrechende Weise wie die feministische Dimension des Romans.

Monika Kim
Das Beste sind die Augen
Aus dem Englischen von Jasmin Humburg
Kiepenheuer & Witsch: 2025
352 Seiten, 23€

Vor allem wird der Roman von der Weigerung getragen, Ji-won zur Heldin zu stilisieren. Sie ist stark, ja. Aber sie ist auch manipulativ, grausam und zunehmend isoliert. Sie ist eine Figur, der man kein Happy End wünscht und die genau deshalb die perfekte Erzählerin für einen atemlosen Thriller ist. Ihre Verkörperung des Bösen macht den Roman zu einem fesselnden Bericht über ultimative Grenzüberschreitungen:

Das Auge ist köstlich. Der Geschmack ist intensiv und aromatisch. Es schmeckt anders als Fischaugen, ganz anders. Ich kaue und schlucke, bis ich es restlos verspeist habe. Alles, was bleibt, ist der salzige Nachgeschmack, wie von Gepökeltem.

Hunger auf mehr

Das Beste sind die Augen liest sich schnell und fast schon gehetzt, denn die kurzen Kapitel übertragen Ji-wons Wahn auf die Lesenden, die nur noch ein Kapitel – nur noch dieses eine – lesen wollen und plötzlich um 2 Uhr nachts die letzte Seite umblättern. Gleichzeitig bleiben aufgrund dieser kurzen Kapitel und Szenenwechsel einige Konflikte skizzenhaft, insbesondere das Verhältnis der Schwestern ist von denselben wiederkehrenden Gesprächen geprägt: Entweder geht es um ihre geteilte Abneigung gegenüber George, um Ji-wons Entfremdung von der Familie oder um das verkitschte Verhalten ihrer Mutter; über ein paar oberflächliche Wortwechsel hinaus geht ihre Beziehung jedoch nicht.

Und doch: Monika Kims Debüt überzeugt. Sie schreibt keinen psychologischen Erklärroman, sondern einen Text, der in eine unbequeme, schockierende Perspektive zwingt und Lesende nicht davon erlöst. Moralische Sicherheit wird nicht angeboten, Sympathie mit den Figuren schon gar nicht. Der Roman entfaltet seine verstörende Wirkung dort, wo er einem Gedanken Raum gibt: Männer können froh sein, dass die meisten Frauen keine Rache wollen.

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