Wer hat nicht schon mal, geprägt durch die eigene Wahrnehmung, voreilige Schlüsse gefällt und später bereut? Oder das Gefühl gehabt, Ansprüchen nicht gerecht werden zu können? Nava Ebrahimis Roman Und Federn überall macht diese menschlichen Züge sichtbar und verknüpft sie zugleich mit gesellschaftlichen Debatten, beispielsweise über den Umgang mit Geflüchteten.
Von Elisa Schön
Eine Kleinstadt im Emsland, eine Geflügelfirma namens Möllring, ein Ziel vor Augen – und dies aus sechs Perspektiven, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die allwissende Erzählinstanz in Nava Ebrahimis Roman Und Federn überall wechselt kapitelweise die Perspektive zwischen den Figuren und lässt die Leser:innen unmittelbar an ihren Gefühlen und Gedanken teilhaben, sodass kaum Distanz zu den Figuren besteht. So begleitet man sie den gesamten Roman über aus nächster Nähe durch nur einen einzigen Tag, der für sie alle eine besondere Herausforderung darstellt. An diesem Tag fragt sich beispielsweise die alleinerziehende Mutter Sonia, wie sie beim Bewerbungsgespräch von sich überzeugen kann, um endlich aus der von ihr verhassten Zerlegungsabteilung Möllrings in eine höhere Position zu gelangen. Gleichzeitig ist sie von dem Gefühl gequält, nicht einmal ihre pubertierende Tochter Leonie im Griff hat zu haben. Derweil kreisen die Gedanken von Merkhausen um die Hoffnung, dass endlich die Polin vom Datingportal deutschpolnische-liebe.de auf seine Einladung zu einem Getränk reagiert. Dies tut sie tatsächlich bald, womit der Prozessoptimierer Möllrings endlich seinem unbewusst angestauten Redebedarf in langen Sprachnachrichten Raum geben kann.
Dabei ist genau diese Polin, Justyna, eigentlich verliebt in den 20 Jahre jüngeren Nassim, einen Geflüchteten aus Afghanistan. Doch welche Zukunft, fragt sie sich, bleibt ihnen in Deutschland? Keine gemeinsame – das hält sich Justyna vehement vor Augen. Nassim gehen ähnliche Befürchtungen durch den Kopf, doch zum aktuellen Zeitpunkt beschäftigt ihn vor allem eine Anhörung bezüglich seines Asyl-Verfahrens. Und schließlich ist da noch Anna, eine ihr gesamtes Leben auf Leistung getrimmte Ingenieurin, die sich in Möllring beruflichen Erfolg verspricht. Doch zusätzlich zum ihr unsympathischen Merkhausen plagen sie den ganzen Tag ungewohnte Übelkeit und ein technisches Problem, was sie zwingt, in der kühlen Firma zu bleiben.
Zwischen Sehnsucht und System
Während alle Figuren ihre individuellen Ziele verfolgen, kreuzen sich ihre Wege immer öfter und beeinflussen sich, sodass sich wiederholt Konflikte ergeben. Die Protagonist:innen spüren die Herausforderungen menschlichen Zusammenlebens am eigenen Leib, die durch die Wechselwirkungen individueller Sorgen und teils konkurrierender Wünsche hervorgerufen werden. Durch die regelmäßigen Perspektivwechsel werden die teils destruktiven Handlungen der Figuren, die man als Leser:in sonst verurteilen würde, nachvollziehbar.
Mit den Einblicken in Sonias Gedankenwelt wird klar, dass der Radiobericht einer Spendenaktion von Möllring, durch die Nassim »auf Kosten des Staates spazieren gehen und Gedichte schreiben« kann, Sonia ungerecht vorkommt. Schließlich kann sie sich abmühen, so viel sie will, ohne dafür belohnt zu werden und den »rosa Fleischlappen«, also den Hühnerbrüsten, die massenhaft am Fließband an ihr vorbeiziehen, zu entkommen. Im Fall von Justyna ist absehbar, dass es Nassim verletzen wird, wenn sie Merkhausens Einladung annimmt. Doch für Justyna scheint angesichts der »deutschen Gesellschaft« keine gemeinsame Zukunft mit ihm realisierbar. An dieser Stelle bleibt im Roman offen, was genau diese »deutsche Gesellschaft« ausmachen soll. Doch gerade durch den Einfluss, den Justyna diesem undefinierten Kollektiv zugesteht, wird implizit klar, dass die Herkunft Nassims ein Problem für sie darstellt, auch wenn sie es gern anders hätte. Dieses Ambivalente zwischen Wünschen und tatsächlichen Gedanken zu transportieren, schafft der Roman in Bezug auf alle Figuren.
Die gegenwärtige Vergangenheit trifft Menschlichkeit
Neben den gesellschaftlichen Strukturen sind die Figuren wesentlich geprägt durch eigens gesammelte Erfahrungen, die im Verlauf des Romans auf vielfältige Arten dargelegt werden. Der Roman erinnert eindrücklich an die Macht menschlicher Affekte und biografisch schlüssiger Überzeugungen, denen niemand entkommt: Vielfach handeln die Figuren nicht rational, nicht objektiv, sondern aus Impulsen heraus, unüberlegt und ohne das Ausmaß ihrer Entscheidungen zu begreifen.
Bei der Lektüre fühlt man mit einzelnen Figuren mit und hat gleichzeitig die Perspektiven der anderen vor Augen, wodurch sich z.B. die schwierige Beziehung von Sonia und ihrer Tochter leichter einordnen lässt: Eine gute Beziehung aufzubauen, nachdem die Mutter ihre Tochter spontan eingesperrt hat, ist nicht leicht. Zeitgleich weiß man von Sonias enormer Anspannung und Hilflosigkeit gegenüber Leonie, die sie in der Situation verspürt. Diese rechtfertigt die Tat nicht, ordnet sie jedoch ein. Dieses Wissen regt die Leser:innen dazu an, sich zu fragen, ob man nicht auch schon mal grimmig befriedigt war, wenn jemand (zumindest scheinbar verdienter Weise) Steine in den Weg gelegt bekommt? Eigenschaften, die man selbst gern verdrängt, hält Und Federn überall den Lesenden unausweichlich vor Augen.
Wo sind eigentlich die Hühner?
Apropos Verdrängen: Auch den Schlachthof Möllring würden alle am liebsten ausblenden. Es kommt nie zu einer Darstellung des Tierleides, welches hinter der Firma steht. Doch dass es ein Übelkeit erregendes Thema ist, eines von großem Ausmaß, wie durch Zahlen zwischenzeitig anklingt, erleben die Figuren am eigenen Leib. Sei es Anna, der schon beim Gedanken an Hühnergerichte der Appetit vergeht, oder Sonia, die bereits »mit Federn im Kopf aufwacht«. Merkhausen umgeht das Thema Tierleid derweil, indem er sich den gesellschaftlichen Nutzen vorhält: Schließlich, so sein Gedankengang, schafft er Arbeitsplätze und qualitativ hochwertige Ware, mit der Möllring die Bürger:innen versorgt.
Sie alle tun, was ein Großteil der Gesellschaft im Roman wie auch in der Realität ebenfalls tut: Die Kosten des Endproduktes verdrängen. Das spiegelt sich in der Konzeption Ebrahimis wider, dass lebendige Hühner nur beiläufig im Roman erwähnt, nicht gesehen werden.

Und Federn überall
Luchterhand: 2025
352 Seiten, 24 €
Lächeln, bitte! – Und bloß weg
Je verworrener die Figurenkonstellation wird, desto mehr beschleicht die Lesenden die Befürchtung: Daraus ein Happy End zaubern? Unmöglich! Das bestätigt der Roman: Alle aufgeworfenen Probleme innerhalb eines Tages beizulegen, erst recht in solch einem dichten Netz verschiedenster Dynamiken, bleibt eine Wunschvorstellung.
Als solch eine surreale Fantasie ist das Ende angelegt, in dem die Hühner doch noch ihren Auftritt haben und die Figuren dazu animieren, aus dem höchst gekünstelten Pressefoto zu stürmen, das eine heile Welt repräsentieren soll – fliehend vor sich selbst, all den aufgestauten Strapazen und der Kälte der Industrie sowie Gesellschaft. Indem man dies aus den Augen der fantasievollen Autorin Roshi sieht, deren Kapitel als einzige aus der Ich-Perspektive geschrieben sind, erlangt die Schlussszene symbolischen Charakter und den Anschein einer Imagination. Sie verbildlicht das Gefühl der Gefangenschaft im eigenen Alltag und in den eigenen Rollen und lässt die Leser:innen hinterfragen, wie viel in den vorherigen Kapiteln ebenso Produkt von Roshis Vorstellungsvermögen gewesen sein könnte. Man bekommt kein eindeutiges Ende, sondern steht vor unbefriedigend vielen ungeklärten Schwierigkeiten – man wird gewissermaßen der Realität ausgesetzt.
Eine Einladung zum Hinterfragen
Ob mit Leistungsdruck, Erwartungshaltungen anderer, gesellschaftlichen Vorurteilen, Pflichten und Verantwortung, Selbstzweifeln oder dem moralischen Gewissen – mit irgendeinem dieser universellen Probleme haben alle Figuren zu kämpfen, was die Geschichten sehr nachvollziehbar macht. Ebrahimi thematisiert, was man gern verdrängen würde, und bietet damit die Möglichkeit, bei der Lektüre von Und Federn überall seine ganz individuellen, aber auch die das Umfeld betreffenden Überzeugungen zu hinterfragen – eine Eigenschaft, die dafür sorgt, dass sich der Roman trotz authentischer Einblicke in ganz fremde Lebenswelten zeitgleich persönlich anfühlt.

