Mehr als nur Eheprobleme

In Daniela Kriens neuem Roman Der Brand geht es um mehr als nur die Alltagsprobleme einer in die Jahre gekommenen Ehe. Sie beschreibt auch das Lebensgefühl und den politischen Frust der Menschen in Ostdeutschland, bleibt dabei jedoch wunderbar subtil.  

Von Lisa Neumann

Bild: Via Pixabay, CC0

Rahel und Peter sind schon lange verheiratet. Sehr lange. Fast dreißig Jahre, um genau zu sein. Doch in den letzten Jahren ihrer Ehe haben sie sich immer weiter voneinander entfernt. Während Peter sich nach einem Eklat um Gender-Fragen an der Uni mehr und mehr von der Gesellschaft zurückzieht, versucht Rahel, irgendwie noch das Familien- und Eheleben zusammenzuhalten. Ein Urlaub auf einem Bauernhof in der Uckermark, bei dem sich das Paar um den Hof einer Freundin kümmert, soll Klarheit in die Verhältnisse bringen. Eigentlich wollten die Eheleute nach Bayern fahren, doch das Ferienhaus dort ist überraschend abgebrannt.

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Daniela Krien
Der Brand

Diogenes: Zürich 2021
272 Seiten, 22,00€

Und da wird der:die Leser:in auch schon mit dem Titel des Romans konfrontiert: Der Brand. Nur dass in der Ehe eigentlich nichts mehr brennt, sondern im Familienurlaub lodern stattdessen die zwischenmenschlichen Konflikte auf – zwischen Rahel und Peter, Rahel und ihrer Tochter Selma, Rahel und ihrer verstorbenen Mutter Edith, die der Tochter nie den Namen ihres Vaters verriet.  Rahel und Peter gaben Selma als Baby in die Obhut von Peters depressiver Großmutter; ein Fehler, den Rahel sich immer noch nicht verzeiht, aber nicht vor ihrer Tochter zugeben kann. Und so entspannt sich das Geflecht aus Beziehungen, das den Roman bestimmt und ihm seine Form gibt.

Verhandlungen komplexer gesellschaftlicher Fragen

Dabei gelingt es Krien, trotz der teils vorhersehbaren Wendungen, Fragen aufzuwerfen, ohne sie gänzlich zu beantworten. Was bedeutet heutzutage gute Kindererziehung? Wie kann man mit Treuebruch in einer Ehe umgehen? Warum scheint in unserer Zeit, deren Zusammenhänge immer komplexer werden, der gesellschaftliche Gemeingeist zu verschwinden?

Krien stellt diese Frage nicht immer offensichtlich und laut. Die Stärke des Romans liegt in den Beschreibungen der Emotionswelten, nicht in den Passagen, in denen die Charaktere wie Peter ihre Gedanken offen aussprechen. Peter wird dabei zum Klischeebild des Mannes im Osten, der sich mit neuen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht abfinden kann oder will. So geht Peter zu Beginn des Romans als Germanistik-Professor ungeschickt mit einer nicht-binären Person um, indem er darauf hinweist, dass sie in seiner Liste als Frau geführt sei. Der Konflikt mutet etwas stereotyp an, dennoch gelingt es Krien, Peters Unverständnis und seine Verwirrung sympathisch zu zeichnen. Damit bricht sie gesellschaftliche Pole auf und zeigt, dass ein stures Beharren auf eigenen Ansichten nicht zu einer Verständigung mit Menschen wie Peter führt, sondern deren Wut eher noch verstärkt.

Ost vs. West: Erklärungsversuch eines anderen Lebensgefühls

Das Lebensgefühl der Menschen im Osten heutzutage – die Benachteiligung und das Misstrauen gegenüber der Politik – wird exemplarisch anhand von Peters Beschwerden und zerstörtem Selbstbild als Professor deutlich. Auf die Lage der Menschen nach der Wende wird ebenso angespielt wie auf das Trauma der Bombardierung Dresdens im zweiten Weltkrieg. Letzteres erlebte Rahels Großmutter, die ihre ganze Familie dabei verlor. Krien bespricht die Lage der Menschen im Osten nicht ausführlich, sondern bringt sie auf kurze Formeln, etwa wenn Rahels Tochter Stella die Eltern ihres Mannes Vincent beschreibt:

Als Rahel das erste Mal nach den Eltern gefragt hatte, lautete Selmas Antwort: »Wendeverlierer.« In gleichgültigem Ton fügte sie hinzu: »Das Übliche: Betrieb geschlossen, Job weg, Anschluss verpasst. Krankheit, Depression und so weiter.«

Trotzdem werden manche gesellschaftlichen Probleme und Entwicklungen von der Autorin leider zu sehr vereinfacht. So beschwert sich zum Beispiel Rahel als Psychotherapeutin klischeehaft über einen Patienten, der seit Jahren arbeitslos sei, zu viel kiffe und das bedingungslose Grundeinkommen fordere. Oder über eine Mutter, die das Kind zu Hause mit der Hilfe einer Hebamme bekommen wollte, dann wegen Komplikationen bei der Geburt in eine Klinik musste, wo die Ärzt:innen das Baby gerade so retten konnten. Die Frau habe die Geburt als traumatisches Erlebnis empfunden, eine Emotion, die Rahel nicht nachvollziehen kann und beinahe als lächerlich darstellt. So werden komplexe Themen wie die Debatte über das Grundeinkommen und die Frage nach einer individuell guten Geburt durch Klischees wegdiskutiert. Schade, da der Roman gerade vom Aufwerfen dieser Fragen profitiert und so über die Beziehungsthematik hinausgeht.

Zurück zur Ehe

Doch wie können Liebende nun wieder zueinanderfinden? Auf diese Frage gibt Daniela Kriens Roman keine einfache Antwort. Vielmehr finden Rahel und Peter durch kleine Annäherungen wieder zusammen: Er umarmt sie plötzlich, sie kocht ihm Tee. In all den kleinen Gesten liegt dabei keine Banalität, sondern die Bedeutsamkeit des alltäglichen Miteinanders und die Wertschätzung der Anwesenheit des:r Anderen, die das Paar stückweise wiedererlangt.

Kriens subtile Beschreibungen fesseln den Leser: Aus dem scheinbar Banalen wird Essenzielles. So werden Rahels Erwartungen an Peter immer wieder enttäuscht, doch gerade dies zeigt die Unvorhersehbarkeit menschlichen Handelns:

Eine Weile lag er dort auf dem Rücken und hielt sie im Arm, mit geöffneten Augen und starr an die Decke gerichtetem Blick, während sie still auf ein zärtliches Wort von ihm wartete. Sie glaubte, das Wort schon zu spüren, zu sehen, wie es sich formte und auf den Weg machte, um schließlich bei ihr anzukommen. Und sie passte ihren Atemrhythmus an seinen an, um noch das letzte bisschen Widerstand zu beseitigen, das sich dem Wort in den Weg stellen könnte. Und sehr sacht zog er seinen Arm unter ihr hervor, küsste sie auf die Stirn und verließ ihr Zimmer.

Eben jene Unvorhersehbarkeit, die sich auch in den Auseinandersetzungen zwischen Rahel und ihrer Tochter Selma, der Vaterfrage, ja eigentlich in allen menschlichen Beziehungen im Roman findet, verleiht ihm seine affektive Stärke. Mögen Peters gesellschaftlich-politischen Aussagen manchmal etwas klischeehaft anmuten, so zeichnet Daniela Krien ihre Figuren insgesamt doch mit großer Authentizität und einer Nähe, die die Lesenden berührt. Die Bedeutung des alltäglichen Lebens tritt so hervor und schafft eine Literatur, die das Essenzielle in den kleinen Dingen sieht.

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