Ich schäme mich nicht!

Dass wir Unterhaltungsliteratur oft mit Guilty Pleasure verbinden, hängt meistens damit zusammen, dass ihr Mehrwert im lockeren Zeitvertreib und nicht im aktiven Erkenntnisgewinn liegt. Unsere Autorin findet: Die wichtigste Erkenntnis bleibt doch, dass Literatur unterhalten soll. Weg mit der Scham!

Von Theresa Croll

Bild: Via Pixabay, CC0, Bearbeitung: Hanna Sellheim

Es ist noch nicht ganz drei Jahre her, dass ich mir online eine Karte für eine Lesung kaufte. Ich kaufe mir nicht oft Karten für Kulturveranstaltungen, für uns Studierende gibt es schließlich, zumindest in Göttingen, das Kulturticket. Wenn ich es doch tue, dann weil ich sicher gehen möchte, dass ich unbedingt einen Platz bekomme und es reale Aussichten auf einen schnellen Ausverkauf gibt. Ich gehe auch nicht oft alleine auf Lesungen. An jenem Abend im November ging ich also rechtzeitig zuhause los, stand ganz vorne in der Schlange, freundete mich mit einem anderen Fangirl an (unsere Freundschaft hielt genau für drei Stunden). Am Ende der Lesung standen meine temporäre Freundin und ich sogar in der Schlange der Unterschriftensammlerinnen (ja, es waren nur Frauen), als eine der Organisator:innen der Lesung plötzlich neben mir stand und mich lieb grüßte.

Was vielleicht wie ein bedeutungsloses Anekdötchen aus Prä-Corona-Zeiten klingt, begleitet mich bis heute. Denn als die Organisatorin mir ein nettes »Hallo Theresa!« zurief, fing ich an, mich fürchterlich zu schämen. Denn ich war auf der Lesung eines Autors, der Krimis schreibt. Nicht, dass mir das nicht vorher bewusst gewesen wäre, aber so wie eine kalte Dusche eine:n plötzlich wieder nüchtern macht, weckte mich die Situation aus meinem Trance-Zustand. Wenn man sich wie ich in Literaturkreisen bewegt, weiß man, dass Krimis nicht den besten Ruf haben. Um ehrlich zu sein, haben sie so gut wie keinen Ruf, denn dort liest man sie einfach nicht oder zumindest wird darüber geschwiegen. Plötzlich fühlte ich mich ertappt und stammelte rechtfertigend herum, wieso ich mit der breiten Masse auf solche Lesungen ging und sogar in der Signaturschlange stand. Mir war es plötzlich außerordentlich peinlich.

Einmal bitte Scham zur Seite

Dazu muss gesagt werden, dass mich noch nie jemand offen geshamed hat, auch die Organisatorin fand es völlig legitim, dass ich dort war und mir ein Autogramm des Autors abholte. Ich habe auch weder jemals jemanden sagen hören: »Wer Krimis liest, ist doof«, noch möchte ich selbst so etwas behaupten. Aber: Literatur, die lediglich unterhalten soll und keine schwerwiegenden gesellschaftlichen Themen behandelt, wird gerne belächelt. In meiner dem Studium geschuldeten Literatur-Bubble hat mich noch nie jemand gefragt »Was war das letzte Buch, das dich so richtig unterhalten hat?« – andererseits habe ich das auch noch nie gefragt. Hier soll es vor allem um bildende Literatur gehen und um Fakten, dabei rutscht man selbst so schnell in diese Spirale: Bücher lesen ja, Fantasy, Thriller und seichte Sommerlektüre aber bitte nicht. Ich gebe zu, ich war lange Teil des Problems.

Das Buch ist dabei doch – so ziemlich – unser ältestes Unterhaltungsmedium. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde sogar vor Unterhaltungsliteratur und potentieller Lesesucht gewarnt. Die Jugend hinge nur noch von ihren Büchern und kriege nichts mehr von ihrer Außenwelt mit (egal was die jungen Leute tun, sie tun es falsch). Damals sah man den moralischen Zerfall der neuen Generation durch das Buch aufkommen, heute soll man doch bitte auch mal wieder eines lesen. Neulich wurde mir im Café sogar von einem fremden Mann gratuliert (!), dass ich ein Buch gelesen habe. How times change.

Raus aus der Bubble, rein ins Vergnügen

Vielleicht geht es tatsächlich nur mir so; auf der anderen Seite zeigt unsere Reihe, dass viele meiner Kommiliton:innen offenbar ähnlich empfinden. Ich plädiere jedenfalls für weniger Zurückhaltung, wenn wir uns darüber unterhalten, was wir wirklich lesen und nicht nur jenes Buch, das uns möglichst kultiviert wirken lässt. Klar lese ich gerne Max Czollek und Laurie Penny, aber das ist nicht immer unbedingt nur Vergnügen. Ich muss mich konzentrieren, ich möchte Notizen machen, ich möchte Argumentationssträngen folgen können. Wenn ich aber von der Uni oder von meinen langen Café-Schichten komme, dann möchte ich vor allem mein Gehirn ausschalten und mich seelenruhig in abgelegene Dörfer begeben und mich ins Meer verzwurbelter Beziehungsgeflechte werfen, denn DAS ist es, was mich herunterkommen lässt. Ich möchte Krimis lesen und fidele Kurzgeschichten und was ich noch viel mehr möchte: Ich will mit allen darüber sprechen. Und ich möchte auch, dass andere diese Bücher lesen und darüber sprechen.

Reihe

Ob Essen oder Popkultur: Der Begriff »Guilty Pleasure« beschreibt alles, für das wir uns schämen, wenn wir es mögen. Doch warum glauben wir überhaupt, dass mancher Genuss schamvoll ist? In unserer Reihe »Unguilty Pleasures« wollen wir dem Begriff auf den Grund gehen und ihn dabei hinterfragen. Dafür erzählen Litlog-Autor:innen, welche Unterhaltungs-Genres und Trash-Formate sie am liebsten konsumieren – und fordern: Vergnügen ohne Scham! Weitere Beiträge findet ihr hier.

Ich befinde mich übrigens momentan im Neapel der 1950er Jahre mit Elena Ferrante, die in ihrer vierteiligen Saga mit den Figuren Lila und Elena eine Welt erschafft, von der man glauben mag, es habe sie wirklich gegeben. Dort geht es, wie auch in anderer Unterhaltungsliteratur, nicht um große weltpolitische Fragen oder Problematisierungen. Es geht um komplizierte Beziehungen und zwischenmenschliche Konflikte, die unserer eigenen Realität ganz nah sind. Die Freundinnenschaft zweier Mädchen, so unterschiedlich und doch in ihrer eigenen Art liebevoll, gerät ins Wanken und ihre Leben drohen andere Richtungen anzunehmen, als sie sich vorgestellt haben. Weit weg von Kitsch und Klischee wird hier feinfühlig das Aufwachsen in einer zerworfenen Nachbarschaft skizziert. Die Orte sind nicht-so-idyllische Kleinstädte und reizvolle Szenerien, die uns einerseits so vertraut sind und uns andererseits wehmütig werden lassen. Ein Coping Mechanism, egal ob wir unsere Probleme mit diesen fiktiven Personen teilen oder uns lediglich in sie hineinfühlen. Elena Ferrantes erzählte Welt ist mir beispielsweise weitestgehend fremd und dennoch habe ich das Gefühl, das von den beiden Protagonistinnen Erlebte nachvollziehen zu können. Durch die Spannung und das Ungewisse werden fiktive Probleme real und wir bangen mit–jede:r, der:die schon mal einen Film gesehen hat, weiß, dass genau diese künstlich erzeugte Empathie ein Hauptbestandteil von Unterhaltung ist.

Ferrantes Bücher haben es nicht mal in mein Bücherregal geschafft, sondern bilden einen kleinen anonymen Stapel daneben. Das wird sich nun ändern. Denn Ferrante hat genauso den Platz im Regal und damit in der Legitimität verdient wie Stokowski, Adichie, Kafka und Co. Mein signierter Krimi darf übrigens neben Ferrante stehen. Und vielleicht kommen ja in den nächsten Jahren noch ein paar dazu.

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