Auf der Suche nach dem Sinn

Yaa Gyasi liest im Literarischen Zentrum aus ihrem Roman Transcendent Kingdom und begeistert die Zuhörer:innen mit reflektierten Einblicken in ihren Schreibprozess. Wissenschaft und Literatur kollidieren in ihrem Zweitwerk über Sucht und Depression – Themen, die sich durch den ganzen Abend ziehen.

Von Emily Lüter

Bild: Carlotta Verweyen

Die Atmosphäre im Alten Rathaus ist eine besondere, als Yaa Gyasi am 28. September die Bühne betritt. Nach Monaten, in denen sich die Kulturindustrie alternativer Online-Formate bedienen musste, ist die Freude der Veranstalter:innen und des Publikums deutlich zu spüren. Umso aufregender ist die Anwesenheit der preisgekrönten Autorin, die als neue Stimme amerikanischer Literatur nun in Göttingen ihr Werk vorstellt. Im Zentrum der Lesung steht Transcendent Kingdom, ein Roman, der die Themen Depression und Sucht durch die Linse der Wissenschaft untersucht und dabei die Grenzen von Literatur selbst erforscht.

Was es bedeutet, Mensch zu sein

Andrew Gross, Professor für Nordamerikastudien in Göttingen, moderiert die Veranstaltung mit Gyasi und lenkt das Gespräch zunächst auf ein Thema, das den Abend dominieren wird: Wie kann Literatur das erfassen, was nicht durch sie zu erfassen ist? (»How can literature know what it does not know?«). Er bezieht sich auf die zentrale Spannung des Romans, in dem die Neurowissenschaftlerin Gifty ihr Familientrauma durch wissenschaftliche Experimente zu verstehen sucht und ihre Beobachtungen Tagebuch-gleich niederschreibt. Darin kollidieren Wissenschaft und Literatur, reiben aneinander und gehen doch auch eine Symbiose ein. Gyasi erklärt, dass es letztendlich um die Frage geht, was es bedeutet, Mensch zu sein und wie wir in unserem Leben Sinn geben und suchen. (»It is about what it means to be human. How we make sense of life.«) Für Gifty seien Neurowissenschaft, Religion und Literatur drei Linsen, durch die sie ihr eigenes Leben interpretiert.

Um allen Zuschauer:innen die Möglichkeit zu geben, die Veranstaltung zu verfolgen, ist die Lesung bilingual organisiert: Gyasi liest aus ihrem eigenen Roman, während Marina Poltmann vom Deutschen Theater der deutschen Übersetzung mit Feingefühl Tiefe verleiht. Die ausgesuchten Textstellen offenbaren Gyasis Talent für messerscharfe Prosa, die ihr Ziel nie verfehlt und die psychologische Tiefe der Protagonistin offenlegt. Gifty ist ein Kind ghanaischer Immigranten; sie ist schlau und ambitioniert und schließt ihren PhD in Stanford ab; sie leidet unter dem Tod ihres Bruders und dem Rassismus, der sich täglich offenbart; sie liebt und verachtet ihre Mutter. All diese Nuancen fangen Gyasi und Poltmann beim Lesen ein und überzeugen spätestens dann jede:n im Publikum, Transcendent Kingdom bzw. Ein erhabenes Königreich zu lesen.

Die Geister der Vergangenheit

Transcendent Kingdom ist ein Roman, in dem nicht nur Wissenschaft, Religion und Literatur aufeinander treffen, sondern auch Mutter und Tochter. Das Verhältnis zwischen den beiden ist der Katalysator, der die Familienkonflikte und individuellen Traumata zum Siedepunkt bringt. Beide missverstehen, misskommunizieren und missdeuten einander und offenbaren in ihrer Distanziertheit auch einen Generationenkonflikt. Gyasi erzählt, dass sie als Kind ghanaischer Immigrant:innen eine Brücke zwischen zwei Kulturen schlagen musste, in denen sie nie ganz zu Hause war. Sie sah sich schon früh mit der Frage konfrontiert, was Heimat eigentlich bedeutet, sowohl für ihre Eltern als auch für sie selbst. Es sind die Grenzräume, die Kinder der zweiten Generation häufig navigieren müssen, die Gyasi in ihrem zweiten Roman auch erforscht.

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Yaa Gyasi
Ein erhabenes Königreich

Übers. von Anette Grube
Dumont: Köln 2021
304 Seiten, 22,00€

Der abschließende Teil der Veranstaltung wendet sich vor allem technischen Fragen zu, dem tatsächlichen Roman-Schreiben. Professor Gross bewundert die Genrevielfalt, die in dem Roman enthalten ist und die narrativen Finessen, die durch die Ich-Erzählerin entfaltet werden. Sehe Gifty sich als Kind noch als Prinzessin ihrer eigenen Geschichte (»It starts as a fairytale«), so verwandele sich die Handlung später beinahe in einen Schauerroman (»It quickly becomes reminiscent of American Gothic«). Gifty wird verfolgt von den Geistern ihrer Vergangenheit und von ihrem toten Bruder, der sie nicht loslässt und der Grund ist, warum sie Neurowissenschaften studiert.

Hier vernimmt man ein Echo aus Gyasis Debutroman Homegoing, in dem die Versklavung der Vorfahren eine Familie bis in 21. Jahrhundert heimsucht. Auf die Publikumsfrage, ob die anachronistische Erzählstruktur des Romans in Bezug auf die Themen Depression und Sucht eine intentionale Entscheidung war, antwortet Gyasi, dass sie zu diesem Zweck sogar »how to use structure in novels« gegoogelt habe. Trotz ihrer vielen Preise, darunter der PEN/Hemingway Award, erscheint die Autorin unprätentiös und publikumsnah.

Mit einem signierten Exemplar in der Tasche und herzlichen Abschiedsworten der Autorin bewegen sich die Zuschauer:innen langsam zum Ausgang. Wortfetzen voller Lob für Gyasis ruhige, intelligente Vorstellung ihres Romans wehen durch den Raum und die Aufregung eines Abends voller persönlicher Begegnungen ist deutlich zu spüren. Die Lesung hat nicht nur gezeigt, wie untrennbar die Frage nach dem menschlichen Dasein mit Literatur verbunden ist, sie hat auch bewiesen, wie sehr Menschen das Bedürfnis haben, sich über dieses Medium mit anderen über ihre eigenen Geschichten auszutauschen. Zum Glück ist das nun wieder möglich.

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