Platz für Semra Ertan

Der Abend mit den Herausgeberinnen von Semra Ertans erstem Gedichtband Mein Name ist Ausländer ist dicht bepackt mit den Gedichten und inhaltlichen Themen, die daran anschließen. Es geht um Ertan als Autorin mit universellem Blick, rassistische Kontinuitäten und die Arbeit der Herausgeberinnen.

Von Frederik Eicks

Bild: Dietrich Kühne

Triggerwarnung: Suizid, Rassismus

Hier kreuzen sich gelangweilt zwei Einbahnstraßen. Auf den Ecken finden sich Geschäfte, die es in einer großen oder auch kleinen Stadt gibt: Eiscafé Lela, Kneipe Millerntor, Barbershop Herrengut. Vielfältiges kulturelles und politisches Leben schlägt sich in Stickern nieder, auf Straßenschildern, Ampeln, Pollern. Graffiti-Tags von solchen, die es noch lernen wollen (oder sollten) zieren die Wände. Auf der virtuellen Straßenkarte von Google Maps befindet sich an dieser Kreuzung der Semra-Ertan-Platz. Im Gegensatz dazu sieht der echte Ort so aus, dass engagierte Menschen die Wände rund um die Kreuzung mit Ertans Gedichten plakatieren – ansonsten erinnert nichts an diesem Ort an den politischen Suizid, den die junge Schriftstellerin am 24. Mai 1982 hier begangen hat, um gegen den Rassismus der BRD zu protestieren.

Dieser Hintergrund macht schon die Publikation ihres ersten, fast 40 Jahre nach ihrem Tod veröffentlichten Gedichtband Mein Name ist Ausländer (2020), über den die Herausgeberinnen Zühal Bilir-Meier und Cana Bilir-Meier am 4. November im Alten Rathaus mit Moderatorin Şeyda Kurt sprechen, zu einem politischen Statement. So sagt Ertans Schwester Zühal Bilir-Meier gegen Ende der vom Göttinger Literaturherbst veranstalteten Lesung: Der Wert der Gedichte liege im Gedenken an Ertan als Opfer des wachsenden Rassismus; im Erinnern daran, dass dieser Rassismus als Problem immer noch aktuell ist; und nicht zuletzt in der Aufforderung, miteinander als Menschen umzugehen.

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Semra Ertan
Mein Name ist Ausländer

Edition Assemblage: Münster 2020
240 Seiten, 18,00€

Universeller Blick

Worin sich diese Aufforderung in Ertans Gedichten äußert, wurde dem Publikum zu diesem Zeitpunkt bereits eindrücklich vermittelt. Ertan schreibt von Diskriminierungserfahrungen und Gefühlen, die sicherlich insbesondere bei ebenfalls Betroffenen auf große Resonanz stoßen. Das sind nicht nur die Erlebnisse der Familie als ›Gastarbeiter:innen‹, die sich u.a. in ihrem bekanntesten, für den Gedichtband titelgebenden Gedicht Mein Name ist Ausländer widerspiegeln: »Wenn dir die Arbeit nicht gefällt, / Geh in deine Heimat, sagen sie.« Auch das Problem der Klassengesellschaft an sich kommt zur Sprache: »Ich konnte mich nie an die Reichen gewöhnen, / Die mit Abscheu / Die Klassen unter ihnen / Verachten.« Zurecht spricht Kurt außerdem von der feministischen Stimme in Ertans Gedichten:

In jungen Jahren werden sie verheiratet.

Nein zu sagen ist ihnen verwehrt

Aga, Vater, hat so entschieden.

Wer das Brautgeld gibt, greift nach ihr.

Nun werden im Gespräch zwei Punkte betont, um Ertans Schreiben zu charakterisieren: Erstens, so Zühal Bilir-Meier, handele es sich bei diesen Gedichten um »Schreie«, in denen sich in ihren Augen fast alle Menschen wiederfinden können oder können sollten – denn beschrieben werden nicht nur spezifische Erfahrungen, sondern auch Gefühle, die wesentlich zur menschlichen Existenz gehören. Zweitens bemerkt Kurt, dass Ertan eben nicht nur für bestimmte Gruppen schreibt und spricht, sondern einen universellen Blick hat, der marginalisierten Menschen oft abgesprochen wird. Dazu Ertans Nichte Cana Bilir-Meier: »Man hat ihr verweigert, Poetin zu sein.« Nicht zufällig endet das erste an diesem Abend gelesene Gedicht mit den Versen: »Ich bin ja keine professionelle Schriftstellerin, / Verbessern werde ich meine Gedichte nicht, / Schreibend wird mein Leben verlaufen.«

Kontinuitäten und Konsens

Zentrales Thema des Abends sind die Kontinuitäten, die sich bis in die Gegenwart fortsetzen und dazu führen, dass immer noch dieselben sozialen Kämpfe bestritten werden müssen. Dass Ertan damals wie heute nicht als Schriftstellerin anerkannt wird, zeige sich laut den Herausgeberinnen unter anderem in der Schwierigkeit, einen geeigneten Verlag für die Veröffentlichung der Gedichte zu finden. Es habe sogar längere Verhandlungen mit einem großen Verlag gegeben, der sich schlussendlich gegen eine Publikation entschieden hat. Einerseits sei die Forderung der Herausgeberinnen, alle Gedichte auf Deutsch und Türkisch abzudrucken, ein Problem gewesen. Andererseits habe dieser Verlag auf den eigenen hochkulturellen Anspruch und die Tatsache verwiesen, dass Ertan zwar als Autorin Potential gehabt hätte, ihre Texte so einem Anspruch aber nicht genügen.

Der Semra-Ertan-Platz in Hamburg. Bild: privat

Bei der Schilderung dieser Anekdote macht sich im Saal leise Empörung breit, sachtes Schnauben, Kopfschütteln, vereinzelt ungläubiges Lachen. Leider ist das Gespräch an dieser Stelle des Abends deutlich unterkomplex. Das liegt sicherlich auch an der Zusammensetzung der Personen auf dem Podium. Şeyda Kurt ist aus vielen Gründen eine hervorragende Wahl als Moderatorin – belesen, herzlich, schlagfertig, türkischsprachig. Sie schafft eine Atmosphäre, in der sich ihre Gesprächspartnerinnen sichtlich wohlfühlen. Gerade wenn die Herausgeberinnen betonen, dass sie immer wieder ihre Kräfte mobilisieren müssen, um über dieses schwere Thema zu sprechen, ist so eine Atmosphäre besonders wichtig. Sie entsteht allerdings auch dadurch, dass sich alle drei sehr einig in dem sind, was sie sagen, sodass ihre gegenseitigen Ergänzungen mitunter fast gescriptet wirken. Bei vielen Aussagen gibt es auch guten Grund, darüber im Konsens zu sein: Beispielsweise, dass Rassismus ein strukturelles und institutionelles Problem ist oder dass die Betroffenenperspektive nach wie vor oft nicht den Raum einnimmt, den sie einnehmen sollte, etwa in der medialen Berichterstattung.

Ertan lesen, wie sie ist

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Literaturherbst 2021

Vom 23. Oktober bis 7. November fand der 30. Göttinger Literaturherbst statt. Als Nachklapp veröffentlicht Litlog in der Woche ab dem 8. November jeden Tag einen Bericht zu den diversen Veranstaltungen des Programms. Hier findet ihr unsere Berichterstattung im Überblick.

Dennoch hätte das Gespräch stellenweise durchaus differenzierter sein können. Um zur Verlagsanekdote zurückzukommen: Unbestritten ist, dass der Begriff ›Hochkultur‹ problematisiert werden muss – im Allgemeinen und im Speziellen. Wenn er zur Abgrenzung von einer rassifizierten Person wie Ertan, deren Erstsprache zudem nicht Deutsch ist, verwendet wird, ist die Annahme von dahinterstehenden Rassismen naheliegend. Dessen ungeachtet muss es möglich sein, Ertans Gedichte als das zu lesen, was sie sind. Dazu gehört auch die Einsicht, dass alle veröffentlichten Gedichte von Ertan im Alter von 19-25 Jahren geschrieben wurden. Das ist wahrscheinlich nicht die Zeit im Leben von Autor:innen, in der sie ihre schönsten, besten, einfluss- oder erfolgreichsten Texte veröffentlichen – falls sie überhaupt publizieren können, was in dem Alter ohne Kontakte in den Betrieb ohnehin schwierig ist (relevante Bonusfrage: Wer hat diese Kontakte und wer nicht?). Das kreative Schreiben ist bis zu einem gewissen Grad erlernbar und kann damit auch verbessert werden. Die chronologische Anordnung der Gedichte nach Entstehungsdatum in Mein Name ist Ausländer lässt eine:n bei der Lektüre Semra Ertans Entwicklung nachvollziehen. Heißt: Ihre Texte werden erkennbar besser. Es ist kein Zufall, dass ihr bekanntestes Gedicht erst Ende 1981 entstanden ist.

Diese Sichtweise rückt auch die Probleme bei der Veröffentlichung in ein etwas anderes Licht (womit nicht bestritten werden soll, dass Rassismus hier eine Rolle gespielt hat): Der Büchermarkt ist angespannt. Auf diesem Markt gibt es auch einen Bereich für Lyrik, um den es noch deutlich schlechter bestellt ist – mit Gedichtbänden lässt sich üblicherweise kein Geld verdienen. Damit Verlage überhaupt bestehen können, ist es notwendig, sich diesen Zwängen zu einem gewissen Grad zu beugen – das bedeutet, sich die Frage zu stellen, ob man es sich leisten kann, Ertans Gedichte zu veröffentlichen; ob ihre Gedichte mit der Lyrik Schritt halten, die wenigstens in der ›Szene‹ zurzeit erfolgreich ist – Maren Kames, Safiye Can, Jan Wagner, Anja Kampmann – und dann lautet die Antwort schlicht: Nein. Natürlich ist es unfair, gegenwärtige Autor:innen mit einer Autorin zu vergleichen, die in den 70er- und 80er-Jahren geschrieben hat – aber das ist eben die Konkurrenz, der man als nicht-veröffentlichte Schriftstellerin auf dem Markt gegenübersteht.

Die Kunst ist kein Gebäude

Reflexhaft das Gegenteil zu behaupten und Ertan zu einer großen Lyrikerin zu stilisieren, ist dem Unterfangen eines angemessenen und notwendigen Erinnerns abträglich. Der Punkt ist, dass eine differenzierte Betrachtungsweise von Ertans Werk kompatibel damit ist, diesem Werk hohe Relevanz und Daseinsberechtigung zuzusprechen. Schließlich ist es, wie Mely Kiyak in ihrem viel zu wenig beachteten Frausein (Hanser 2020) schreibt:

Man kann nicht schreiben. Man versucht es. Die Kunst – nicht der Kunstbetrieb – ist demokratisch und gerecht. Sie hat ihre Arme weit geöffnet. Das hier ist kein Gebäude. Ich muss nicht warten, dass man mich hineinlässt. Ich brauche keine Einladung und daher kann mich auch niemand rauswerfen. Niemand kann etwas gegen mein Schreiben unternehmen.

Im Betrieb war Ertan lange Zeit nicht willkommen. Aber dieser Betrieb ist im Wandel. Nicht zuletzt die Tatsache, dass Ertan endlich veröffentlicht wurde und damit für ein gut gefülltes, wenn leider nicht ausverkauftes Altes Rathaus sorgen kann, ist eine Bestätigung dieser Veränderung. Die Literaturlandschaft wird mit Autor:innen wie Deniz Utlu, Hengameh Yaghoobifarah oder Sasha Marianna Salzmann diverser. Auf diese Entwicklung weist auch Zühal Bilir-Meier hin, wenn sie sagt: »Damals hat man Semra nicht gegönnt. […] Heute hätte man sie gefördert.« Im Nicht-Gebäude der Kunst jedenfalls hatte Semra Ertan die ganze Zeit schon ihren Platz. Es wird Zeit, dass sie diesen Platz auch jenseits der Kunst erhält.

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