»Kinderbücher« an die Macht

Unter Literaturkenner:innen schämt man sich oft zuzugeben, dass man gerne »Kinderbücher« liest. Dabei steckt in Jugendliteratur großes Potenzial, gesellschaftlich und historisch relevante Themen auf spielerische Weise zu vermitteln.

Von Laura Theismann

Bild: Via Pixabay, CC0, Bearbeitung: Hanna Sellheim

Wer auf die Frage nach dem eigenen Lieblingsbuch mit Harry Potter, Tintenherz, Die Bücherdiebin oder anderen vermeintlichen »Kinderbüchern« antwortet, wird schnell mal belächelt. Vor allem in der Literaturszene scheint es geradezu verschrien zu sein, solch »triviale« Werke zu nennen. Schließlich sind sie ja ganz offensichtlich nur für Kinder geeignet oder wenn überhaupt als »Guilty Pleasure« zu bezeichnen. Dabei scheint es an sich schon fraglich, warum man sich für was schämen sollte, an dem man Freude empfindet. Wer diese Frage stellt, scheint sich auch oftmals eher mit der eigenen Lieblingslektüre profilieren zu wollen. Da wird dann auch gerne mal ganz tief in die Hochliteraturkiste gegriffen: »Also mein Lieblingsbuch ist ja Der Zauberberg (wahlweise ersetzbar mit »Buch xy von Literaturnobelpreisträger:in yz«)«. Natürlich hast du mit 15 den Faust gelesen und total viel davon mitgenommen, glaub ich dir sofort. Nicht, dass dies in jedem Fall eine Lüge wäre – es wirkt aber so, als würde es bessere und schlechtere Literatur geben und als würde man sich mit einer solchen Aussage von letzterer deutlich distanzieren wollen.

Dabei hat Kinder- und Jugendliteratur viel mehr zu bieten, als es auf den ersten Blick scheint. Ohne diese Art von Genre würden viele Menschen, wie ich selbst auch, erst gar keinen Zugang zu Büchern bekommen. Die wenigsten können wohl bereits im Kindesalter mit hochliterarischen Klassikern etwas anfangen. Harry Potter und die Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke, um hier nur zwei recht populäre Beispiele zu nennen, haben hingegen viel Potenzial, komplexe Zusammenhänge auf spielerische Weise zu vermitteln. Mithilfe fantastischer Elemente wird man als Leser:in auf eine Reise mitgenommen und lernt, mittels der eigenen Fantasie Welten zu erschaffen. Auch sind Kinder- und Jugendbücher meist voll von mehr oder weniger versteckten gesellschaftskritischen Aussagen, die den Lesenden auf diese Weise mit an die Hand gegeben werden. So wird zum Beispiel in Harry Potter, anhand des Antagonisten Voldemort und seiner Gefolgschaft der Todesser, Kritik an faschistischen Systemen geübt. Die Verfolgung und Ermordung von nicht »reinblütigen« Zauberern und »Muggles«, also Menschen ohne jegliche zauberische Fähigkeiten, erinnern an die Rassenideologie des Nationalsozialismus und den Holocaust.

»Comfort« und Nostalgie

Auch das weit verbreitete Vorurteil, jene Romane seien aufgrund ihres Genres nur für Kinder und Jugendliche geeignet, ist schlichtweg falsch. So wurde Harry Potter in vielen Familien generationsübergreifend gelesen und wird bis heute vielleicht sogar mehr von Erwachsenen rezipiert als von Kindern. Hier spielt die »Comfort-Lektüre« in Verbindung mit einer tief empfundenen Nostalgie wohl eine wesentliche Rolle – man greift darauf zurück, weil es an die eigene Kindheit erinnert und man sich wohlig wieder in eine Welt hineinlesen kann, mit der man bereits vertraut ist.

Aber warum wird die Kinder- und Jugendliteratur im Feuilleton so gut wie gar nicht besprochen und bekommt kaum Aufmerksamkeit?  In der Literaturkritik liegt der Fokus oftmals auf Literatur für erwachsene Menschen, die zwar auch die eigentliche Zielgruppe ist, aber trotzdem sicherlich von Besprechungen jugendliterarischer Romane im Feuilleton profitieren würde. Schließlich ist es auch für sie von großem Vorteil, Empfehlungen für ihre Kinder, Nichten, Neffen und Enkel zu bekommen.

Die Farben, der Tod und seine Bücherdiebin

Dabei sollte auch die gesellschaftliche Funktion von Kinderliteratur nicht unterschätzt werden – denn die eröffnet ihrer jungen Zielgruppe oftmals einen ersten Zugang zu schwierigen Themen. Die Bücherdiebin von Markus Zusak, im Original The Book Thief, ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Der Roman erschien 2005 und wurde unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Die Zeit des Nationalsozialismus wird darin auf recht ungewöhnliche Weise beschrieben, so beginnt die Geschichte der Bücherdiebin mit Farben. Und dem Tod:

Zuerst die Farben. Dann die Menschen. So sehe ich die Welt normalerweise. Ich versuche es zumindest. […] Die Frage ist, welche Farbe die Welt angenommen haben wird, wenn ich euch holen komme. Was wird der Himmel erzählen? Ich persönlich mag einen schokoladenfarbenen Himmel. Dunkle Bitterschokolade. Die Leute behaupten, das passt zu mir.

Wie sich hier vielleicht schon erahnen lässt, ist der Tod höchstpersönlich der Erzähler der Geschichte. Um der Tristesse seiner Arbeit zu entfliehen, die darin besteht, die Seelen toter Menschen zu begleiten, erfreut sich der Tod an den vielfältigen farblichen Spektren des Himmels. Bereits der Anfang verdeutlicht also, dass es sich bei diesem Roman um ein besonderes Buch handelt. Aus meiner Sicht erstaunlich ist, dass ich Die Bücherdiebin als Jugendliche so gerne gelesen habe, da es zu dem Zeitpunkt bei weitem kein typischer Roman für mich war. Bis dahin war mir vor allem wichtig gewesen, dass ein Roman im weitesten Sinne dem Fantasy-Genre angehört und sich mit nicht realen, wunderbaren Dingen befasst. Bücher, die jenem Schema entsprachen und mir sehr gefallen hatten, war beispielsweise die Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke, in der die Figuren aus Büchern zum Leben erweckt werden können.

Fantasy, Realismus, Kinderbuch?

Die Bücherdiebin lässt sich nicht eindeutig dem Fantasy-Genre zuordnen, auch wenn der Tod als Erzähler sicherlich als fantastisches Element zählt, und gehört trotzdem bis heute zu einem meiner absoluten Lieblingsbücher. Auch ist es keineswegs ein klassisches Kinderbuch: Die Geschichte zeigt realitätsnah und schonungslos auf, welche Zerstörung und Grausamkeit der Nationalsozialismus mit sich brachte. Im Zentrum der Handlung steht die neunjährige Liesel, ein Waisenkind, das bei der Familie Hubermann aufgenommen wird. Liesel hat ein ungewöhnliches Hobby: Sie stiehlt Bücher. Ihr erstes Buch klaut sie bei der Beerdigung ihres Bruders, das »Handbuch für Totengräber«. Im Laufe der Geschichte sollen noch einige weitere Bücher folgen. Der Tod entwickelt eine Schwäche für sie, was zur Folge hat, dass Liesel die Bombenangriffe auf München überlebt. Sie ist zu Anfang der Geschichte Analphabetin und lernt das Leben und Schreiben von ihrem Pflegevater. Da sie besonders diesen sehr ins Herz schließt, beginnt sie auch Bücher zu lieben. Sie bieten ihr Zuflucht aus der schrecklichen Realität des Krieges und der stets herrschenden Angst.

Besonders hervorzuheben ist die Erzählweise in Die Bücherdiebin, denn der Tod ist als auktorialer Erzähler allwissend. Immer wieder streut er Rückblenden oder Vorausdeutungen in seine Erzählung ein oder stellt in kurzen Kommentaren seine eigene Sicht der Dinge dar. Auch das Motiv der Farben kommt dabei immer wieder vor, da er stets den Himmel beschreibt, wenn eine Figur stirbt und er deren Seele in Empfang nimmt. Wenn eine wichtige neue Figur eingeführt wird, stellt sie der Tod in einem Kommentar vor. Mit der Überschrift »Ein paar Worte über…« beschreibt er in ein paar prägnanten Sätzen die Charaktere. Die Figuren in Die Bücherdiebin sind mit Präzision und viel Liebe zum Detail dargestellt. Beispielsweise beschreibt der Tod Liesels Pflegevater Hans Hubermann folgenderweise:

Denn Hans Hubermann war wertvoll und Liesel Meminger erkannte dies. (Das Menschenkind – manchmal viel schlauer als der unfassbar schwerfällige Erwachsene.) Sie bemerkte es sofort. Seine Haltung. Die Ruhe, die ihn umgab. Als er an jenem Abend das Licht in dem kleinen, lieblos wirkenden Badezimmer einschaltete, betrachtete Liesel die außergewöhnlichen Augen ihres Pflegevaters. Sie waren aus Freundlichkeit gemacht und aus Silber. Weiches Silber, schmelzend. Liesel sah diese Augen und begriff, dass Hans Hubermann eine ganze Menge wert war.

Eine besondere Sprache

Deutlich wird hier auch, mit welch beeindruckend sprachlicher Varietät Zusak schreibt. Seine Sprache besteht aus unzähligen Metaphern, Vergleichen und vielen anderen Stilmitteln, die sowohl das besonders Schöne, als auch das absolut Abscheuliche beschreiben. Die poetische Sprache mag vielleicht auf einige teilweise kitschig wirken – da sie jedoch nur hier und da eingestreut wird, ist sie nicht allzu übergreifend und hebt stattdessen pointiert schöne und schreckliche Momente hervor.

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Markus Zusak
Die Bücherdiebin

Übers. von Alexandra Ernst
cbj: München 2005
592 Seiten, 9,99€

Immer wieder durchbrechen die ironischen, teilweise zynischen Kommentare des Todes jene poetischen Ausführungen. Die Erzählweise ist somit in gewisser Weise auch ein Spiegelbild des Erzählten: Auf der einen Seite wird die Geschichte einer Waisen erzählt, welche die Liebe zu Büchern entdeckt und durch ihre Pflegeeltern und ihren besten Freund Rudi Zuneigung und Wärme kennenlernt. Auf der anderen Seite wird allerdings vom Nationalsozialismus, der Judenverfolgung und der Zerstörung des Krieges erzählt. Aus diesem Grund ist die Erzählweise in Die Bücherdiebin so gut gewählt, um von dieser Zeit zu berichten: Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene können für die Grausamkeit des Nationalsozialismus sensibilisiert werden, eingewoben in die herzerwärmende Geschichte rund um Liesel.

Erwähnenswert ist auch, dass die Familie Hubermann einen Juden namens Max Vandenhorst bei sich aufnimmt und im Keller versteckt. Dieser reißt einige Seiten aus Mein Kampf, bemalt sie weiß und kreiert daraus sein eigenes illustriertes Buch, das auch in den Roman integriert wird. Darin wird unter anderem eine Karikatur gezeigt, auf der ein Paar zu sehen ist, das die Sonne mit einem Hakenkreuz in der Mitte betrachtet. Eine der Personen zeigt auf die Sonne und ruft »Was für ein schöner Tag!«, während unter ihnen ermordete Juden:Jüdinnen liegen. Dies sollte abermals verdeutlichen, dass Die Bücherdiebin schonungslos ist und hier am Beispiel der Karikatur die Grausamkeit des Holocausts nicht verschleiert.

Ein besonderes Buch

Reihe

Ob Essen oder Popkultur: Der Begriff »Guilty Pleasure« beschreibt alles, für das wir uns schämen, wenn wir es mögen. Doch warum glauben wir überhaupt, dass mancher Genuss schamvoll ist? In unserer Reihe »Unguilty Pleasures« wollen wir dem Begriff auf den Grund gehen und ihn dabei hinterfragen. Dafür erzählen Litlog-Autor:innen, welche Unterhaltungs-Genres und Trash-Formate sie am liebsten konsumieren – und fordern: Vergnügen ohne Scham! Weitere Beiträge findet ihr hier.

Aus diesem Grund beinhaltet der Roman meiner Meinung nach, abgesehen von der sprachlichen Schönheit und der außergewöhnlichen Erzählweise, eine weitere Komponente: Die Bücherdiebin lehrt Vieles über die Zeit des Nationalsozialismus, das in der Schule auf diese Weise gar nicht vermittelt werden kann. Gerade weil es ein Jugendbuch ist und junge Menschen die Zeit nicht miterlebt haben, erscheint es wichtig, das Thema auch in der Jugendliteratur zu verarbeiten. Es ist eine Sache, aus Schulbüchern von den Schrecken des Nationalsozialismus zu erfahren, aber ihn in einem Roman durch die Linse einer fiktiven Person mitzuerleben, sensibilisiert noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise. Zudem sind es nicht nur Kinder und Jugendliche, die jene dunkle Zeit nicht miterlebt haben – angesichts der wenigen verbliebenen Zeitzeug:innen sind es heutzutage fast alle Erwachsenen. Somit wird es dem Roman nicht gerecht, ihn lediglich als »Kinder- und Jugendbuch« zu deklarieren, wo es doch ein Thema behandelt, mit dem sich ausnahmslos jeder Mensch auseinandersetzen sollte.

Wenn ich in der Vergangenheit nach Buchempfehlungen gefragt wurde, habe ich  jeder:m Die Bücherdiebin in die Hand gedrückt. Und das waren hauptsächlich junge Erwachsene und Erwachsene, die alle zugleich betroffen und begeistert von dem Roman waren. Als Leser:in versteht man, warum der Tod Liesel so in sein Herz schließt, da man es genauso tut. Die Bücherdiebin ist kurz zusammenfasst zweierlei: eine Hommage an die Literatur selbst und eine Erinnerung an eine Zeit, die niemals in Vergessenheit geraten sollte. Zusak stellt die Liebe zu Büchern und die Bedrohungen des Zweiten Weltkrieges gegenüber und vermittelt, welche große Macht die Literatur innehaben kann – auch oder vielleicht gerade vermeintliche »Kinderbücher«.

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