Die Ambivalenzen der Generation Z

Valentina Vapauxs Debüt Generation Z – Zwischen Selbstverwirklichung, Insta-Einsamkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt setzt sich als Mischung aus Prosa, Lyrik und gesellschaftlicher Analyse mit den Ambivalenzen der Generation Z auseinander. Dabei verbindet Vapaux Themen wie Social Media, Influencer:innen, Sex und Liebe mit politischem Aktivismus und philosophischen Ansätzen.

Von Laura Theismann

Bild: Via Pixabay, CC0

»Ich liebe pinke Miniröcke, Glitzernägel und Glow-in-the-dark-Dildos, but bro, I love some politics, finance and philosophy as well!«, heißt es in Valentina Vapauxs Debüt Generation Z – Zwischen Selbstverwirklichung, Insta-Einsamkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt. Diese Aussage spiegelt die Ambivalenzen der Autorin selbst, aber auch die der Themen ihres Buches, auf gekonnte Art und Weise wieder. Während von Social Media, Influencer:innen, Sex, Liebe und Princess Culture erzählt wird, werden in gleichem Atemzug politischer Aktivismus, der Drang nach Freiheit und philosophische Ansätze besprochen. Dieses ungewöhnliche Zusammenspiel ermöglicht einen intensiven Einblick in das, was die Generation Z aus der Sicht Valentina Vapauxs bewegt.

Soziopolitische Analysen und tiefe Gefühle

Generation Z lässt sich nicht eindeutig einem Genre zuordnen, denn neben gesellschaftspolitischen Themen wird auch von tiefen Gefühlen, Poesie und Philosophie erzählt. So ließe sich Vapauxs Werk mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus Lyrik, Prosa, gesellschaftspolitischer Analyse und Autobiographie als Essaysammlung beschreiben. Jedes Kapitel wird zunächst mittels eines Gedichtes aus der Gefühlswelt der Autorin heraus betrachtet. Vor allem das erste Kapitel mit dem Titel »Internet« enthält zunächst recht kryptisch wirkende, längere Einleitungen, die aus dem persönlichen Leben Vapauxs berichten. Auch wenn sich oftmals die Verbindung zur eigentlichen Thematik des Kapitels nicht sofort erschließt, liegt hier auch eine große Stärke des Romans: Vapaux schafft es, gesellschaftliche und wissenschaftliche Erkenntnisse mit persönlichen Erzählungen auf außergewöhnliche Art und Weise zu verbinden.

In den persönlichen Passagen gibt Vapaux Einblicke in ihr Leben und erzählt unter anderem von exzessiven Partys, ihrem Liebesleben und ihrer mentalen Gesundheit. Dabei erzählt Vapaux unter anderem von ihren Depressionen und den damit einhergehenden Gesprächen mit ihrer Therapeutin. Darüber hinaus geht sie offen mit ihrer Bisexualität um, berichtet von Online Dates und darüber, was für sie sexuelle Freiheit bedeutet. So beschreibt sie auch die tragische Liebesgeschichte zu einem Mädchen namens Cas, die mit gebrochenen Herzen, einem Gedicht und vielen Tränen endet. Diese Abschnitte erschaffen eine berührende Metaebene innerhalb des Romans, welche die teilweise komplexen gesellschaftspolitischen Themen sehr viel greifbarer erscheinen lässt.

Vapauxs Lyrik lässt sich ebenfalls jener Metaebene zuordnen, ist allerdings sehr viel abstrakter als ihre Prosa-Erzählungen, wie sich hier anhand ihres Gedichtes Mein Museum erkennen lässt:

Hautfetzen an Eichenholz

Stechen durch zerbrochene

Splitter.

Vorne hängt ein Meisterwerk.

Die Gedichte sind sowohl in englisch als auch auf deutsch verfasst und arbeiten, wie jenes Beispiel zeigt, mit starken Bildern, die an Lyrik aus dem Expressionismus erinnern – eine Epoche mit der sich die Autorin, wie sie es selbst beschreibt, sehr intensiv beschäftigt hat. Vapauxs Lyrik ist aufgrund recht konstruierter Metaphern und hochtreibender Symbolik oftmals schwer zugänglich, was eine kleine Schwachstelle ihrer Essaysammlung darstellt.

Segen oder Fluch? – Die Sache mit Social Media

Vapaux baut in ihren Roman immer wieder Studien ein, die ihre eigenen Beobachtungen wissenschaftlich fundieren. So stellt sie heraus, dass die Generation Z stark mit psychischen Problemen aufgrund von Social Media zu kämpfen hat, was verschiedenste Studien inzwischen belegen können. Sehr anschaulich dekonstruiert Vapaux die Mechanismen, die hinter Algorithmen stecken, und geht trotz ihrer Rolle als »Influencerin« sehr kritisch mit dem Thema um. Dabei stellt sie unter anderem heraus, wie Likes und Klicks den Drang nach Anerkennung stillen, woraus oftmals eine Social-Media-Sucht entsteht. Der Algorithmus erkennt schnell, welche Vorlieben der:die Nutzer:in hat und schlägt die passenden Konsumgüter dazu vor, was Vapaux treffend kommentiert: »Der Spätkapitalismus hat uns beigebracht, die kreisenden Gedanken mit Konsum zu stillen.«

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Valentina Vapaux
Generation Z

Gräfe und Unzer: München 2021
192 Seiten, 14,99€

Während Social Media auf der einen Seite für viele ein »Safe Space« sein kann, in dem man sich mit Gleichgesinnten austauscht und sich aufgehoben fühlt, birgt es auch die Gefahr des unreflektierten Vergleichens. Die Influencer:innen, die man tagtäglich sieht, führen ein scheinbar perfektes Leben und haben perfekte Körper. Hier sei es nach Vapaux immens wichtig, nicht das »Highlight-Reel« anderer mit dem eigenen »Behind the Scenes« zu vergleichen. Auch hinsichtlich der Social-Media-Thematik wird eine Ambivalenz innerhalb der Autorin deutlich, denn sie beschreibt, wie sie selbst Teil eines »zerstörerischen Systems« sei:

Soziale Medien lassen uns passiv werden, doch es ist vor allem das aktive Leben, das uns glücklich macht.

Der Wunsch nach einer besseren Welt

Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass die »jüngere Generation« unpolitisch sei, beschreibt Vapaux in ihrem Roman eine durchaus politisch aktive Generation Z. Sie wird bewegt von Themen wie Gerechtigkeit, Klimaschutz und Menschenrechte. Allerdings zeigen sich auch hier, wie von Vapaux eingänglich beschrieben, wieder Ambivalenzen der Generation Z auf, die sich in einer Kapitelüberschrift des Romans treffend zusammenfassen lassen: »Zwischen Holzzahnbürsten und Flugreisen«. Der Widerspruch einer Generation, die den Klimawandel sehr ernst nimmt, aber gleichzeitig ihre Freiheiten vollkommen auskosten will, wird hier sehr deutlich. Die Autorin nimmt auch diese Ambivalenz durchaus wahr, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass gerade aus jenem politischen Aktivismus, wie die Fridays-for-Future-Bewegung,  gewachsen ist: »Es braucht keine einzelnen perfekt moralischen und ökologischen Menschen, um eine Klimakatastrophe zu verhindern, wir brauchen ein System, dass dies mit unserer Unterstützung schafft.« Nach Vapaux sei die Generation Z nicht politikverdrossen, sondern lediglich parteiverdrossen, da es keine Partei ihre Lebenswelt vollends versteht und ihr Programm danach ausrichtet.

An dieser Stelle schlägt Vapaux gekonnt die Brücke zur Philosophie des Existenzialmus, mit der sie sich selbst, wie sie erklärt, sehr gut identifizieren kann. Dabei geht sie unter anderem auf Erkenntnisse Jean-Paul Sartres, Simone de Beauvoirs und Albert Camus ein, die sie mit den Erfahrungen der Generation Z in Verbindung setzt. Nach Vapaux liegt die Widersprüchlichkeit der Generation Z an ihrer Existenz selbst:

Wir sind die traurige Generation mit den glücklichen Bildern, die großen Träumer mit den psychischen Problemen. […] Der Existenzialismus erkennt die klaffenden Abgründe, zwischen denen wir uns befinden, und bietet uns Wege an, um mit ihnen umzugehen.

Während dies sicherlich eine recht treffende Analyse ist, fehlt Vapauxs Ausführungen stellenweise, wie hier auch, ein wenig mehr Differenzierung. Sicherlich können sich viele junge Menschen mit dieser Beschreibung identifizieren, andere hingegen überhaupt nicht. Das Bild der »Träumer mit psychischen Problemen«, passt vielleicht zu der »Berliner Künstlerszene«, in der sich Vapaux auch selbst bewegt, jedoch sicher nicht zu der ganzen Generation Z. Oftmals scheint es, als würde Vapaux ihre Erkenntnisse vor allem aus ihrer eigenen »Bubble« schöpfen, ohne sehr weit über den Tellerrand hinauszuschauen.

Dennoch schafft es Vapaux, das Bild einer bestimmten Gruppe innerhalb der ambivalenten Generation Z zu zeichnen, welche von Social Media Sucht, politischem Aktivismus und Sinnsuche geprägt ist. Eine Generation, die alle Möglichkeiten zu haben scheint, doch gleichzeitig maßlos überfordert damit ist. Vapaux unterhält durch ihren Mut, verschiedene Stile miteinander zu vermischen und autobiografische Erfahrungen mit gesellschaftlichen Analysen zu verflechten. Mit ihren essayistischen Fragmenten kreiert sie damit fast schon ein eigenes Genre, welches zum einen Unterhaltung bietet und zum anderen Verständnis für eine oft missverstandene Generation schafft, die vor allem eines zu vereinen scheint: der Wunsch nach einer besseren Welt.

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