Die Beziehung zwischen der Anfang vierzigjährigen Anja und ihrer egozentrischen Mutter, wie sie in Katja Frühs Debütroman Vielleicht ist die Liebe so beschrieben wird, war schon immer von Lieblosigkeit und Unverständnis geprägt. Als die ehemalige Schauspielerin dann noch von ihrer Mutter erfährt, dass diese ihr Ableben mithilfe eines assistierten Suizids in bereits absehbarer Zeit fest eingeplant hat, gerät ihr ohnehin schon fragiles inneres Gleichgewicht endgültig aus den Fugen.
Von Irina Lefevre
Triggerwarnung: In diesem Text wird Suizid erwähnt. Wenn du psychische Probleme oder Suizidgedanken hast, kannst du Unterstützung beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Göttingen, beim Wegweiser der Gesundheitsregion Göttingen, bei der Universitätsmedizin Göttingen oder beim Asklepios Fachklinikum finden.
Ihr Todestag steht fest: Anjas Mutter ist sehr zufrieden mit der Entscheidung, ihrem Leben mittels Sterbehilfe ein Ende zu setzen. Anja hingegen ist entsetzt und hat kein Verständnis dafür, schließlich ist ihre Mutter noch topfit für ihr Alter. Doch Anjas Gefühle waren für ihre egozentrische Mutter noch nie von Priorität. Diese betrachtet andere Menschen höchstens in Bezug auf sich selbst und stellt stets ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund. Den Traum ihrer Tochter, Schauspielerin zu werden, unterstützt sie zwar, da es ihrem eigenen Prestige schmeichelt, trotzdem ist sie im selben Atemzug eifersüchtig auf die paar wenigen Erfolgserlebnisse, die ihre Tochter vorzuweisen hat.
Flach und vorhersehbar
Jede Aussage von Anjas Mutter ist berechenbar und gegenüber ihrer Tochter in irgendeiner Weise verletzend oder abwertend. Dadurch wirkt das Geschehen weniger realistisch motiviert und ihr Charakter stark überzogen. Dabei ist das Konzept einer selbstverliebten Person, die frühzeitig aus dem Leben treten möchte, zunächst sehr spannend. Diese Entscheidung wird anfangs erklärt durch Eitelkeit, Anjas Mutter möchte nicht als alt und unattraktiv wahrgenommen werden. Dann gegen Ende scheint der wahre Grund durch: Anjas Mutter schreibt sich fälschlicherweise die Schuld an den Selbstmorden ihrer eigenen Schwester und Mutter zu. Eine unverarbeitete Last, mit der sie bis zuletzt nicht umgehen konnte, denn prompt nach ihrem Geständnis lenkt sie ihr Schuldgefühl an ihre Tochter weiter. Gefangen in ihrer narzisstischen Denkweise schafft sie es nicht, sich Hilfe zu suchen oder ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und kommt damit nicht in eine moralische Grauzone, sondern verbleibt im Kopf der Leser:innen durch und durch als Rabenmutter.
Nachdem sie ihre Schauspielkarriere an den Nagel gehängt hat, arbeitet Anja als Kellnerin in einer Bar. Ihr Vorgesetzter Mike taucht häufiger im Roman auf, doch obwohl er ihr bester Freund ist, gibt es kaum Anhaltspunkte, die seine Persönlichkeit tiefergehend beschreiben. Mikes einzige Funktion scheint darin zu bestehen, Anja in ihren Notlagen zu trösten und ihr, wann immer sie es braucht, den Abend freizugeben. Er agiert als kompletter Stereotyp des »gay bestie« und tiefgründiger, als dass er hilfsbereit ist und sie manchmal mit »Baby« anspricht, wird es nicht.
Selbst Anja als Erzählinstanz besitzt keine besonderen Charaktereigenschaften oder persönlichen Merkmale, durch die sie herausstechen würde. Sie hat keine Hobbys, keinen erkennbaren Humor und keinerlei tiefgreifende Interessen. Solche Eigenschaften werden ihr zwar von anderen Figuren zugeschrieben aber für Lesende werden diese Merkmale nie greifbar umgesetzt und bleiben damit eher willkürlich gewählt. Ihre einzige Leidenschaft scheint ihr Ex-Freund Carlos zu sein, der ihre Gefühle jedoch nicht erwidert.
Ruck Zuck durchs Gefühl
Gegen Mitte des Romans wird deutlich, dass Carlos eine neue, bildhübsche Freundin hat, die auch noch schwanger von ihm ist. Ein harter Schlag für Anja, die trotz Trennung die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben nie aufgegeben hat. Sie ist zunächst schockiert, doch der Schmerz hält nicht allzu lange an. In den 57 kurzen Kapiteln des Buches werden zu viele Themen in zu kurzer Zeit aufgegriffen, sodass Anjas Gefühlswelt dabei mehr als zu kurz kommt. Ein anderes Beispiel hierfür ist der plötzliche Tod von Nelly, eine Figur, die Anja geliebt hat und sogar als »Ersatzmutter« bezeichnet. Direkt nachdem sie von dem Tod erfährt, verspürt Anja zwar das Verlangen, sich zu betäuben, doch nur Minuten später denkt sie schon an die potentiell positiven Auswirkungen dieses Schicksalschlages. Ganz nach dem Motto »Tell, don‘t show« hören sich ihre inneren Monologe dann so an: »Ich glaube es nicht, dass Nelly tot ist, ich glaube es nicht, ich glaube es nicht«. Dann weint sie, ihr Innenleben wird nicht weiter beschrieben, geht heim und denkt über ihr nächstes Problem nach. Von angeblicher Trauer dringt nichts zum:zur Leser:in durch.
Generell wirkt es so, als ob die Autorin beim Schreiben des Buches in Zeitdruck geraten wäre. Sätze wie »Mit seiner dunklen, schönen Stimme beschreibt er erst einmal das Wetter, das sehr schön zu sein scheint« oder »“Ja“, sage ich. Und dann gründen wir eine Familie, denke ich. „Natürlich“, sage ich.« wirken so, als hätte es keine Zeit für eine Überarbeitung gegeben.
Trotz der vielen ernsten Thematiken gelingt es dem Roman kaum, die Emotionalität der Figuren, allen voran von Anja, greifbar zu machen. Abgesehen von gescheiterten Liebesbeziehungen, Kindheitstraumata oder auch einer »Fastvergewaltigung« (wie Anja es nennt), kommt besonders in der Szene, auf die sich das gesamte Buch zugespitzt hat, die existenzielle Schwere der Situation zu kurz – Anjas letzte Worte an ihre Mutter auf dem Sterbebett:
»Mama, lass es! Lass es doch! Du musst das nicht machen! Wir könnten was unternehmen, Wiener Schnitzel essen! Mama bitte!«
Frustrierend unreflektiert
Anja wird ein Helfersyndrom zugeschrieben und die Fähigkeit, sich gut in andere hineinversetzen zu können. Dabei ist sie es, der ununterbrochen geholfen werden muss und die sich kaum mit den Problemen ihrer Freund:innen auseinandersetzt. Ihr Psychiater (der zum Teil fälschlicherweise als Therapeut bezeichnet wird) beschreibt sie als eine reflektierte Person, womit er seiner Patientin gnadenlos ins Gesicht lügt. Denn Anja befindet sich in einer konstanten Gedankenspirale aus Einsicht und Rückfall. Manchmal scheint es, als hätte sie etwas über sich selbst verstanden, nur um ein paar Seiten weiter wieder bei null anzufangen. Zuweilen wirkt Vielleicht ist die Liebe so nicht wie die Erzählung einer erwachsenen Frau, sondern eher wie die einer kognitiv herausgeforderten Jugendlichen. So legt Anjas Mutter in einer Szene den Song My Way von Frank Sinatra auf und ihre Tochter wundert sich allen Ernstes über diese Liedwahl. Obwohl sie mehrfach erwähnt, wie wichtig ihrer Mutter das selbstbestimmte Handeln ist, wundert sie sich über dieses Lied, dessen Thematik allein schon vom Titel her abzuleiten ist. Solche offensichtlichen Verbindungen kommen mehrmals im Buch vor und wirken so, als könnte Anja nicht eins und eins zusammenzählen.

Vielleicht ist die Liebe so
Diogenes: 2025
304 Seiten, 25 €
Besonders kritisch ist der Schlusspart, in dem Anja die schädliche Stimme ihrer Mutter in ihrem eigenen Kopf einfach akzeptiert. Anja könnte wissen, dass Liebe zuallererst von innen heraus kommen sollte und dazu zählt es, den zerstörerischen Einfluss der Mutter nicht einfach hinzunehmen, sondern zu lernen, behutsam damit einen Umgang zu finden, um ihn dann aus dem eigenen System zu verweisen. Trotz langjährigem Trauma könnte Anja schädliche Gedanken auf reflektierendeWeise verorten und ihnen somit Stück für Stück ihre Kraft nehmen. Doch Anja hat keinerlei Absicht, ihren Trauma-Kreislauf zu durchbrechen, was nochmal unterstrichen wird in ihrem Gedanken, dass sie ihren Psychiater nur aufgrund von Sympathie und den verschriebenen Medikamenten besucht.
Trotzdem wird am Ende des Buches suggeriert, dass Anja eine glückliche Zukunft bevorsteht, denn was rettet sie zum Schluss? Genau: die Liebe. Genauer: die Beziehung mit einem neuen Mann. Damit sind es wieder einmal die äußeren Faktoren, von denen Anja sich die Liebe erhofft, die sie sich selbst nicht zu geben vermag. Doch vielleicht ist die Liebe so, so unterwürfig, abhängig und blind.

