Alle Frauen sind Pick Me Girls

Wenn alle Frauen denken, sie müssen anders sein, um Männern zu gefallen, sind dann nicht alle Frauen Pick Me Girls? Das ist nur eine der Fragen, die Sophie Passmann in ihrer One-Woman-Show stellt, während sie das Patriarchat und das Frausein seziert.

Von Lea Stockmann

Bild: Via Unsplash (bearbeitet), CC0

»Ich denke ständig an die Frau, die ich eigentlich geworden wäre.« Dieser Satz rahmt das komplette Theaterstück von Sophie Passmann ein. Welche Person hätte sie ohne den male gaze und ohne das Patriarchat sein können? Diese Frage stellt sich Passmann in Pick Me Girls, während sie 80 Minuten lang als One-Woman-Show alleine auf der Bühne steht. Sogenannte Pick Me Girls, die nur Männern gefallen wollen, sind für Passmann bloß die Spitze des Eisbergs. Sie deuten auf ein viel größeres Problem hin: Frauen fühlen sich in ihrer eigenen Haut unwohl, schrauben ihre Erwartungen immer weiter herunter und bekommen schon seit der Kindheit gesagt, wie sie zu sein und auszusehen haben, um für Männer attraktiv zu sein. Die Logik hinter Pick Me Girls? ›Ich bin anders als andere Frauen.‹ Ein Satz, der oft mit diesem Konstrukt in Verbindung gebracht wird. Es sind Frauen, die lieber mit ›entspannten‹ Männern befreundet sind, die alle ihre Erwartungen an Männer anpassen und die bloß nicht zu weiblich wirken wollen, um nicht als stereotypisch dramatisch oder zu emotional wahrgenommen zu werden.

Mit diesem Konzept räumt Passmann auf der Bühne auf und zeigt, wie absurd es eigentlich ist, wenn Frauen immer nur alles tun, um den Männern zu gefallen. Passmann sagt ganz klar: »Pick Me Girls als Konzept existiert, weil Männer ein Problem haben«. Egal, ob das Aufpassen darauf, dass man für Männer nicht zu laut ist, oder dass sich Frauen miteinander vergleichen müssen und immer im Wettbewerb miteinander stehen, um von heterosexuellen Männern begehrt zu werden. All diese beschriebenen Konstrukte lassen sich laut Passmann auf die patriarchalen Strukturen und die männlich geprägte Sozialisierung zurückführen, die Pick Me Girls überhaupt erst existieren lassen.

Sie verpackt die Sache in Stand-up-Elemente und Sarkasmus, dreht den Spieß um, aber nicht, um Frauen zu kritisieren oder um sich über sie zu stellen. Nein, Passmann ist selbst eines dieser Pick Me Girls gewesen und gibt zu, dass sie bis heute teilweise mit diesem verankertem Gedankenkonstrukt zu kämpfen hat. Sie spricht über ihre eigene Kindheit, in der sie mit dem Aufwachsen nicht nur als Frau, sondern auch als ›dickes Mädchen‹ haderte und von Männern ignoriert wurde. Auch ihre eigenen Dating-Fails, in denen sie immer mehr sich selbst aufgegeben hat, kommen zur Sprache.

Es ist schwer, eine Frau zu sein

Fast schon essayistisch, so wie man es aus vielen von Passmanns Büchern kennt, springt sie zwischen Stand-up-Comedy, feministischer Debatte, privaten Anekdoten und ermahnenden Appellen hin und her. Sie seziert das Konzept des Pick Me Girls und ganz nebenbei lenkt sie das Augenmerk auf performative Feminist:innen, die unter dem Deckmantel des Feminismus eigentlich nur andere Frauen kritisieren wollen. Auch die Frage, ob am Ende nicht alle gleich sind, wenn alle versuchen anders zu sein, beschäftigt Passmann über das gesamte Programm. Als Frau kann man sich mit Passmann identifizieren und in ihren Gedanken wiederfinden, wenn diese von der Scham gegenüber dem eigenen Körper und daraus resultierenden destruktiven Verhaltensweisen erzählt. Diese Ehrlichkeit und diese reflektierte Unsicherheit machen das Theaterstück so mitreißend.

Bei all der Nahbarkeit und Nachempfindbarkeit für das Publikum spricht Passmann auch über das Berühmtsein und ihre absurden Probleme in ihrem »Fantasiejob« bei Fotoshootings oder Presseevents. Mit diesen persönlichen Geschichten und der Kritik an ihrer Person geht Passmann weiter als in ihrem gleichnamigen Buch. Sie bezieht sich auf aktuelle Schlagzeilen zu ihrer Person: Als Frau könne sie in der Öffentlichkeit immer nur eine »Inspiration oder eine Enttäuschung« sein, ohne überhaupt jemals gefragt worden zu sein, ob sie ein Vorbild für andere sein wolle. Obwohl das Publikum die mit der Berühmtheit einhergehenden Probleme nicht nachvollziehen kann, lässt Passmann die Zuschauenden trotzdem mitfühlen, wenn sie über ihre Vorbildrolle und über die Doppelmoral im Internet bezüglich der Bewertung von Frauen spricht. Sie performt das gleichnamige Buch von etwa 200 Seiten auf der Bühne zwar nicht eins zu eins, aber es finden sich ganze Passagen und Zitate zu ihrer eigenen Kindheit und ihren Gedanken zum Patriarchat auf der Theaterbühne wieder.

Eine Frau auf der Bühne reicht

In Pick Me Girls geht es nicht um Selbstmitleid oder Männerhass, sondern sowohl um eine Reflexion der Gesellschaftsstrukturen als auch um die eigene Rolle als Frau. Bei all der Scham und dem Druck muss man sich als Frau trauen dürfen, die eigene Meinung öffentlich zu äußern, sie auch zu ändern und sich auch genauso laut wie manch ein Mann an politischen Debatten und öffentlichen Kontroversen zu beteiligen – ohne dass das Frausein im Weg steht. Diesen Freiraum zur Veränderung und zur starken Meinung nimmt sich Passmann in Pick Me Girls und gleicht die angesprochene Unsicherheit mit Coolness auf der Bühne aus, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Bild: IMDb
Pick Me Girls
Regie: Maximilian Duwe
Drehbuch: Sophie Passmann
2026

Bei der Fülle an Themen und Gedanken, die Passmann unter dem Konzept des Pick Me Girls abdeckt, braucht sie niemand anderen auf der Bühne. Mit einer Bandbreite an Emotionen von Wut bis Verzweiflung und Stilmitteln wie Ironie und Sarkasmus sowie einem perfekten komödiantischen Timing füllt Passmann über eine Stunde die Bühne. Sie steht nicht nur am Mikro, sondern spielt alleine verschiedene Rollen und Situationen aus ihrem Leben nach oder sinkt theatralisch immer weiter zu Boden, während sie eine Liste von Dingen vorliest, die sie sich beim Dating von einem Mann hat gefallen lassen: Sei es, dass sie stundenlang ein romantisches Abendessen vorbereitet, nur damit das Date dann verspätet absagt, oder dass sie doch in den überteuerten Zug steigt und für ein Date durch Deutschland fährt, weil es dem Mann zu anstrengend wäre, selbst zu fahren, obwohl er es versprochen hat. Von der ersten Minute an lacht das Publikum mit und unter den weiblich gelesenen Personen im Saal entsteht eine Verbundenheit, weil alle dasselbe denken: ›So oder so ähnlich geht es mir auch‹, oder ›Das und das habe ich auch eins zu eins so erlebt.‹

Diese Verbundenheit fühlt man nicht nur im Kinosaal, sondern auch durch den Bildschirm mit dem Theaterpublikum. Das Sprechtheaterstück funktioniert auch als Kinofilm so gut, weil die verschiedenen Kameraeinstellungen mit den Nahaufnahmen von Passmanns Mimik und den Publikumsreaktionen im Weitwinkel die Zuschauenden ganz nah dabei sein lassen. Fast so als würde man gemeinsam mit ihr auf der Bühne stehen und durch den Abend geführt werden.

Sind Frauen nicht alle Pick Me Girls?

Besonders stark ist genau dieser Vorteil eines Kinofilms – die Nähe durch die Schnittbilder und die verschiedenen Perspektiven auf die Bühne – am Ende der Aufzeichnung, als Passmann all die Ironie, die Rage und auch die Comedy fallen lässt und ohne großes Theater am Bühnenrand sitzt und direkt zum Publikum spricht. Was lernt man aus Pick Me Girls? Was soll Frau tun, wenn sie sich fragt, wer sie geworden wäre ohne das Patriarchat? Passmann gibt die Antwort selbst: »Ich habe aufgehört mich dafür zu schämen, dass ich den Verstand verliere beim Versuch eine Frau zu sein […] und angefangen mich über die Frau zu freuen, die ich trotzdem geworden bin.«

Das ist am Ende die starke Message des Abends mit Sophie Passmann. Egal, wie sehr man sich über das Patriarchat aufregen kann, wie absurd das Konzept der Pick Me Girls ist und wie viele Frauen die Identitätskrisen des Erwachsenwerdens in dieser Welt nachvollziehen können – am Ende muss Frau selbst in den Spiegel schauen können. Wenn sie sich dann fragt, ob sie anders ist als andere Frauen, ist die Antwort meistens: Viele Frauen denken dasselbe, also sind Pick Me Girls letztendlich nichts mehr als ein von Männern kreiertes Gedankenkonstrukt.

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