Ozan Zakariya Keskinkılıçs Debütroman Hundesohn ist ein Spiel mit Sprache, ein Erinnern und ein Sehnen. Von außen hipp (rote Adidashose lässig hingeworfen), sprachlich schön, aber irgendetwas fehlt.
Von Lisa Marie Müller
Der Ich-Erzähler von Hundesohn ist schwul, muslimisch, in Berlin lebend, Kafka mögend. Diese Dinge prägen den Text. Der Roman ist laut Umschlag »eine Liebesgeschichte« und wessen genau, wird durch eine Art Countdown, der in den Romantext eingebaut ist, deutlich: »In neun Tagen werde ich Hassan wiedersehen.« Der Ich-Erzähler, Zeko, und Hassan kennen sich seit der Kindheit. Zekos Großvater (Dede) gab Hassan die titelgebende Bezeichnung »Hundesohn« in einem Sommerurlaub in der Türkei. Als Leser:in wartet man auf das große Etwas, die Auflösung, auf das, was auch immer nach neun, acht, irgendwann zwei Tagen passieren wird.
Diese Tage werden nicht als stringente Geschichte erzählt, vielmehr gibt es einen Mix aus Erinnerungen an die Großeltern, Grindr-Profilen, Sex-Dates, Koran, Sprachreflexionen und anderen Dingen. Die Grindr-Chats lesen sich so, wie man sie sich vielleicht auch vorstellt, wenn man grob weiß, was das für eine App ist: »I think I’m too tired to fuck tonight, schrieb Matteo. But we can do other stuff. Eine halbe Stunde später klingelte ich an seiner Tür, viertes Obergeschoss, Tür links. Eine WG, aber außer Matteo war niemand da. Wir haben other stuff gemacht. Filzläuse kriegt man auch von other stuff.« Das Lesen solcher losen Bekanntschaften und einzelnen Ereignisse ist (okay) unterhaltsam, aber in die Tiefe geht es nicht. Mehrmalige Treffen mit demselben Mann finden nicht statt und außer dem kurzen Versuch, zurückzuverfolgen, von wem Zeko Filzläuse bekommen hat, passiert auf Handlungsebene den größten Teil des Romans über nichts Spannendes.
Die Catchyness des Fragmentarischen
Die Gestaltung des Buchumschlags mit der Abbildung von Wolfgang Tilmanns Fotografie Faltenwurf Prinzessinnenstraße/Pines (2019) ist extrem catchy: Auf hellem Hintergrund ist eine rote Adidas-Shorts in Szene gesetzt – sie hängt lässig über einem Badehandtuch, das wiederum lässig herumhängt. Worüber beides hängt: So tiefgehend sollte man sich nicht damit beschäftigen, denn es ist auf dem Cover nicht erkennbar. Neben der Lässigkeit: in schwarzen Blockbuchstaben, schön gesetzt von unten nach oben der explizite Titel Hundesohn. Menschen, die auch gern mal eine Adidas-Shorts tragen oder das zumindest als ästhetisch empfinden, werden von diesem Buch automatisch angezogen. Das Buch eignet sich durch das auffällig schöne Cover hervorragend zum performativen Lesen – auch, aber nicht nur für Personen in Adidas-Shorts. Wird man beim performativen Lesen nach der Meinung zum Buch gefragt, wird es weniger catchy. Eher sucht man nach den richtigen Worten, um das Fragmentarische in seinem Schreiben, das Fehlende auf Handlungsebene in Teilen zu kritisieren, ohne dem Autor Unrecht zu tun.
Zuerst: Schon mit seinem Gedichtband Prinzenbad hat Keskinkılıç bewiesen, dass er das Spiel mit Sprache(n) beherrscht. Doch bei der Lektüre seines Romans sucht man nach Halt, nach etwas, worauf die verschiedenen Gedanken, Erinnerungen und Textfragmente hinauslaufen sollen. Nach wenigen Seiten zu Erinnerungen an Hassan folgt ein Kapitel mit dem Titel Menü, das über zwei Seiten erklärt, was für Penisse der Ich-Erzähler schon (gern) im Mund hatte: »Beschnittene Penisse habe ich gerne im Mund. Vielleicht ein narzisstischer Selbst-Blowjob auf Umwegen, das werde ich meine Therapeutin fragen.« Die Therapeutin kommt häufig vor und solche Gedankenfragmente sind elementarer Teil des Romans. Das Fragmentarische ist stilbestimmend und im ersten Moment auch ähnlich catchy wie der Umschlag, jedoch nicht über den ganzen Text hinweg. Es stellt sich die Frage: Worum geht es eigentlich in dem Text? An einigen Stellen wirkt der Text noch wie eine Aneinanderreihung von (gelungenen, aber nicht genug verbundenen) Notiz-Fragmenten. Laut Keskinkılıç selbst ist der Roman viel am Handy und im Unterwegssein entstanden – also tatsächlich aus losen Notizen.
Von Daddy Issues und Frauen, die zuhören
Diese Notizen wurden zu vielen kurzen Kapiteln, die zum Teil sehr treffende Namen haben und assoziativ funktionieren, wie zum Beispiel »Dede Issues« (Daddy Issues) oder »PARI II« – Pari ist Zekos beste Freundin und das Kapitel stellt ihre Beziehung zueinander zum zweiten Mal in den Mittelpunkt. Die Überschriften sind gut gewählt und machen neugierig, aber viele Abschnitte bleiben unverbunden und je länger man drüber nachdenkt, desto oberflächlicher wirken manche zunächst tiefgehend klingenden Kapitel und Gedanken. Beispielsweise die Tatsache, dass er eine beste Freundin hat, die ihn immer wieder auf eine entwaffnend ehrliche Art mit Dingen konfrontiert: Das ist in erster Linie einfach sehr sympathisch und man liest die Parts mit Pari gern. Zu Pari bemerkt der Ich-Erzähler an einer Stelle, dass er wünschte, sie wäre ein Typ und er eine Frau – heißt das, er wünscht sich, von ihr begehrt zu werden? Man kann über die Andeutung lange nachdenken – sie wird nicht wieder aufgegriffen oder erklärt und bleibt leider zusammenhangslos.
Die beste Freundin und die Therapeutin sind die Menschen in seinem Leben, mit denen er über wichtige Dinge wie Gefühle, Sex, Muster im Datingverhalten oder Politik redet. Und beim Lesen kann eine:n der Gedanke beschleichen: Natürlich hat er mindestens zwei Frauen im Leben, die ihm ehrlich empathisch Rückmeldungen geben, natürlich in Form von bester Freundin und Therapeutin. Zu keinem Mann in seinem Leben hat er eine ähnlich stabile Beziehung, mit keinem führt er mal ein tiefergehendes Gespräch. Jedoch gibt es auch das Kapitel Was ich meiner Therapeutin niemals sagen werde. Auf der Liste geht es um verschiedenste Dinge, die sehr wahrscheinlich enorm gute Themen für eine Therapiesitzung wären: als Kind erlebte sexualisierte Gewalt, das Verhältnis zu seinen Eltern und widersprüchliche Bedürfnisse. Einerseits stellt Zeko die therapeutische Behandlung als etwas völlig Normales dar, andererseits fällt es ihm auch dort schwer, wirklich wichtige Themen anzusprechen.
»Eine Zunge macht Salto, zwei Zungen springen Seil«
Immer wieder geht es um Sprache und einzelne Wortbedeutungen und an vielen Stellen ist das Verflechten von Sprachen sehr gelungen, beispielsweise: »Wenn Dede wütend war, sagt er himar, er sagte eşek, er sagte Esel. Wenn er noch wütender war, sagte er köpek, und am wütendsten war er, wenn er köpek oğlu köpek sagte, Hundesohn, ibn el kalb. Und Nene sagte, ist schon okay, komm her, mein Sohn, ya qalbi, mein Herz.« Das funktioniert im Sinne von: Es ist schön zu lesen, ist stimmig. Auch die Hierarchien verschiedener Sprachen werden thematisiert: »Das Türkische fand niemand poetisch, malerisch und blumig. […] Lea konnte sagen, Arthur est un perroquet. Et boum, c’est le choc. Tim konnte sagen, excuse me, how can I get to the post office? Max konnte sagen, una cerveza, por favor, aber bei Ali Usta konnte er den Ayran nicht auf Türkisch bestellen.« Diese Sprachreflexion spiegelt die Erfahrungen der Sprachwissenschaften wider und ist nett rübergebracht – aber, wenn man ehrlich ist, inhaltlich auch nichts Neues.

Hundesohn
Suhrkamp 2025
218 Seiten, 24 €
Die fragmentarische Erzählweise ist poetisch gelungen, doch nicht zusammenhängend genug, um einen wirklich überzeugenden Roman hervorzubringen. Es ist ein assoziativer Stil, der sich angenehm weglesen lässt – bis das Buch plötzlich fast durch ist und immer noch nichts von tiefergehender Bedeutung passiert ist. Man wartet. Und lernt in der Zwischenzeit viel über schwules Datingleben in Berlin sowie Sprachfetzen verschiedener Sprachen kennen – nicht verkehrt, aber auch nicht so krass, wie es sein könnte.

