Georgi Gospodinovs zweiter Roman Physik der Schwermut erhält in der Übersetzung von Alexander Sitzmann dieses Jahr im Aufbau Verlag eine Neuauflage. Darin zeichnet der bulgarische Autor ein schonungsloses Portrait des beginnenden 20. Jahrhunderts. Es ist ein Roman über das Erinnern und die Wichtigkeit der Empathie.
Von Lilian Lumme
Bild: Via Pixabay (bearbeitet), CC0
Die zugrundeliegende Idee klingt zunächst recht simpel: Ein Erzähler, der sich in alles und jeden hineinversetzen kann, sei es in den eigenen Großvater, eine Nacktschnecke oder aber den Minotauros aus der griechischen Mythologie. Doch bei dieser Idee verharrt der Roman nicht lange, verliert der Erzähler schließlich seine magische Fähigkeit der vermeintlich unerschöpflichen Empathie. Im Versuch, diese Fähigkeit wiederzuerlangen, beginnt er im Alter damit, Geschichten zu sammeln und sie in einer Art Zeitkapsel zu verschließen, welche schließlich zu dem Buch wird, das wir in den Händen halten. Bis sich irgendwann auch diese Form endgültig auflöst und der ›Roman‹ zu einer Abhandlung über die (Un-)Möglichkeit des Erzählens in einer durch Krisen und Empathielosigkeit gezeichneten Welt wird.
Postmoderner Genre-Mix
Georgi Gospodinov, der Erzähler der Geschichte, der nicht zufällig denselben Namen trägt und im selben Jahr geboren ist wie sein Autor, entwirft zu Beginn ein eindrucksvolles Porträt seiner Familie und erzählt vom Aufwachsen im spätsozialistischen Bulgarien. Schon als Kind gelingt es ihm, in die Erinnerungen seiner Familienmitglieder einzutauchen und diese am eigenen Leib zu erleben, um all jene Kapitel in der eigenen Familienhistorie zu erforschen, über die in der Regel geschwiegen wird: Wie der dreijährige Großvater im Ersten Weltkrieg vergessen und beinahe zurückgelassen wurde, wie er später im Zweiten Weltkrieg selbst kämpft und eine Affäre mit einer Frau beginnt, die ihn nach einer Schlacht verletzt auffindet und seine Wunden versorgt, ehe er zu seiner Familie zurückkehrt.
Nach und nach löst sich die nur scheinbar lineare Handlung auf. Immer wieder werden wissenschaftliche Abhandlungen oder Überlegungen darüber, was es wert ist, erzählt zu werden, eingestreut, sodass man sich zeitweise fragt, ob man tatsächlich einen Roman liest; auf dem Cover könnte genauso gut »Memoiren« oder bloß »Aufzeichnungen« stehen. Denn am ehesten scheint es sich um eine Sammlung von Gedanken und Erinnerungen des Autors zu handeln. Besonders eindrucksvoll ist dabei ein Kapitel über die Angst vor der Atombombe, welche die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wie kaum etwas anderes geprägt hat. Diese Angst verbindet der Erzähler mit dem christlichen Glauben seiner Großmutter und der Apokalypse.
»1980. Auf der einen Seite standen die Apokalypse, die Sintflut, das Ende der Welt nach Johannes und seiner Großmutter. Auf der anderen Seite lauerte ein zähnefletschender (und bis an die Zähne bewaffneter) Jimmy Carter. […] Damit es keine Überraschungen gab, trainierte er für beide Szenarien. Was auch passiert, du setzt die Gasmaske auf und fängst an zu beten.«
Man könnte das Jahr 1980 mit dem Jahr 2026 und den Namen Jimmy Carter mit Donald Trump ersetzen – die Rhetorik wäre heute vermutlich eine ähnliche wie damals: So hat Trump etwa in diesem Jahr den »Tod einer ganzen Zivilisation« angekündigt. In dem Vorwort zur Neuauflage des Romans spricht Gospodinov über die Bedeutung des Romans heute und die politische Dimension der Empathie: Physik der Schwermut konnte bei seinem ersten Erscheinen als Warnung vor einer gesellschaftlichen Erstarkung all dessen verstanden werden, was er »Schwermut« nennt: Hass, Rücksichtslosigkeit, Egoismus. Heute – 15 Jahre später – muss Gospodinov leider feststellen, dass diese Sorge nicht ganz unberechtigt war. Das Heilmittel, das der Autor vorschlägt, ist die Empathie, denn das Sich-Hineinversetzen in andere sei die beste Medizin gegen den Hass.
»Der Minotauros in uns«
Bei aller Unübersichtlichkeit des Romans zeigt sich doch ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch alle Kapitel des Buches zieht: Die Geschichte des Minotauros. Denn mit ihm hat der Erzähler am meisten Mitgefühl, er scheint sich sogar bis zu einem gewissen Grad mit ihm zu identifizieren. Zuerst begegnet dieser dem Minotauros in einer Erinnerung, als er mit seinem Großvater über den Jahrmarkt läuft, wo das Wesen der griechischen Mythologie als Attraktion ausgestellt wird.
In der griechischen Mythologie geht die Geschichte so: Minos, der König von Kreta, verweigert sich dem Befehl Poseidons, den Stier, den dieser ihm sendet, zu opfern. Poseidon bringt daraufhin Pasiphaë, die Frau Minos‘ dazu, mit einem Stier zu verkehren, woraus der Minotauros, ein Mensch mit Stierkopf, entsteht. Minos lässt daraufhin ein Labyrinth erbauen, das zum Gefängnis für den Minotauros wird. Nach zahlreichen Menschenopfern gelingt es dem Helden Theseus, den Minotauros zu töten und mit einem Faden wieder aus dem Labyrinth herauszufinden.

Physik der Schwermut
Übersetzt von Alexander Sitzmann
Aufbau: 2026
391 Seiten, 24 €
Gospodinov sieht in dieser Geschichte den von den Eltern verlassenen und weggesperrten Minotauros als das Opfer in der Geschichte: Er wird weder von den Menschen noch von den Stieren als einer der ihren anerkannt und verbringt sein Leben in Einsamkeit, bis er schließlich ermordet wird. Ihm versucht der Erzähler nun eine Stimme zu geben. Gegen Ende des Romans wird der Erzähler selbst zu einer Art Minotauros: Er schließt sich selbst in dem Tiefparterre ein, in dem er als Kind gelebt hat, und findet sich so in seinem ganz persönlichen Labyrinth wieder, das sich als ein Labyrinth von Erinnerungen offenbart.
»Nirgends in der ganzen aufgezeichneten Antike ist die Stimme des Minotauros überliefert. Er spricht nicht, andere sprechen für ihn. […] Es ist leicht, Ikaros zu bemitleiden, es ist leicht, zu Theseus zu halten, zur betrogen Ariadne, sogar zum alten Minos… Niemand hat Mitleid mit dem Minotauros.«
Gospodinov, der große Erzähler
Die Erinnerungen, das Dokumentieren und Sammeln: All dem liegt eine Angst vor dem Vergessen zugrunde, die den Erzähler antreibt. Gegen dieses Vergessen schreibt er an. Das geschieht mit einer solchen Kompromisslosigkeit, wie sie kaum in der Literatur zu finden ist. Das Geschichtenerzählen wird nicht bloß zu einem »Sammeln von Erinnerungen«, sondern zu einer Revolte gegen die Vergänglichkeit selbst, indem der Roman die Generationen oder die besagte »Apokalypse« überdauern will.
»Schreiben, schreiben, schreiben, aufschreiben und bewahren, wie eine Arche Noah sein, nicht ich, dieses Buch. Nur das Buch ist ewig, nur sein Einband wird auf den Wellen schwimmen, nur die Kreaturen darin, zwischen den Seiten, wo es von Leben wimmelt, werden überleben. Und wenn sie eine neue Erde sehen, werden sie fruchtbar sein und sich vermehren.«
Als wichtige Stimme der Gegenwartsliteratur ist Gospodinov nicht mehr wegzudenken. Spätestens mit Physik der Schwermut hat er gezeigt, dass er sich in die Reihe bedeutender Autoren wie beispielsweise Jorge Luis Borges oder Thomas Mann einfügt, die er fleißig in seinen Romanen zitiert. Sein Werk zeigt sich auch als ein »Gesamtwerk« im Wortsinn: Immer wieder finden sich in seinen Romanen Bezüge zu seinen anderen Romanen, verkörpert in der Figur Gaustín, die in zahlreichen Kurzgeschichten und auch hier seinen Auftritt findet. Gaustín ist auch in Gospodinovs Folgeroman Zeitzuflucht zu finden, in dem die Figurdie »Klinik für die Vergangenheit« eröffnet. Gospodinov hat für diesen Roman den International Booker Prize eingeheimst. Wer weiß: Vielleicht wird ihm sein Gaustín auch eines Tages den Nobelpreis bringen?

