Feministisch UND historisch?

Die zweite Staffel der Netflix-Serie Bridgerton entwickelte sich in nur zwei Tagen nach der Veröffentlichung zur meistgesehenen Serie der Woche. Sie wurde vor allem für ihre Diversität gelobt, da auch einige Hauptrollen von People of Colour besetzt wurden. Doch kann auch die Entwicklung der Protagonistin Eloise Bridgerton aus feministischer Perspektive überzeugen?

Von Magdalena Gerste

Bilder: Liam Daniel/Netflix

Am 25. März 2022 wurde die zweite Staffel des historischen Romantikdramas Bridgerton auf dem Streamingdienst Netflix veröffentlicht. Die Handlung basiert auf der gleichnamigen Romanreihe von Julia Quinn und erzählt die Geschichte einer fiktiven britischen Adelsfamilie zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Fokus beider Staffeln liegt auf zwei der erwachsenen Kinder der Familie, die auf der Suche nach geeigneten Heiratskandidat:innen sind. In der ersten Staffel geht es um Daphne, die älteste Tochter der Familie, während in der zweiten Staffel Daphnes jüngere Schwester Eloise zur Protagonistin wird. Bridgerton ist romantisch, dramatisch und spannungsgeladen – ein Muss für alle Fans von historischen Romanzen. Das meinen zumindest die einen, die anderen kritisieren, dass die dargestellten Ereignisse nicht den tatsächlichen Verlauf der Geschichte wiedergeben.

»Farbenblinde« Besetzung

Die »colour-blind« Besetzung von Bridgerton sorgte für Diskussionen. Bild: Liam Daniel/Netflix

In der Diskussion geht es vor allem um die Besetzung historischer Figuren mit Schwarzen Schauspieler:innen. So wird die Queen von England von der guyanisch-britischen Schauspielerin Golda Rosheuvel verkörpert. Zwar vermuten manche Historiker:innen tatsächlich, dass das reale Vorbild der Serienfigur, Queen Charlotte, afrikanische Vorfahren hatte, jedoch herrscht darüber Uneinigkeit. Doch selbst wenn eine britische Königin in der Realität Schwarz gewesen wäre, ändert das nichts daran, dass der englische Adel sonst durchgehend weiß war. Zunächst kann die Rollenbesetzung von adligen Figuren mit Schwarzen Menschen als klares Zeichen für eine bessere Repräsentanz von People of Colour in der Filmbranche interpretiert werden. Rassistische Strukturen führen schließlich auch auf der Leinwand dazu, dass nicht-weiße Menschen eine schlechtere Chance auf bedeutsame Film- und Serienrollen haben. Insbesondere bei Historienfilmen werden selten People of Colour für Hauptrollen gecastet, weil die historischen Persönlichkeiten selbst in der überwiegenden Mehrheit der Fälle weiß waren. Vielleicht ist es also wichtiger, die Repräsentanz nicht-weißer Menschen in Serien zu fördern, statt auf eine historisch korrekte Darstellung zu pochen.

Jedoch betonen Kritiker:innen dieser »colour-blind« Besetzung, dass es People of Colour nicht helfen würde, die Geschichte neu darzustellen. Es ist schließlich ein historischer Fakt, dass die britische Oberschicht im 19. Jahrhundert von weißen Menschen dominiert wurde und dass das zur Diskriminierung Schwarzer Menschen beigetragen hat. Die Vergangenheit einfach neu zu inszenieren, kann auch als Verleugnung rassistischer Strukturen angesehen werden. Beide Seiten bringen nachvollziehbare Punkte für ihre Ansichten vor, die Wahrheit liegt wohl wie so oft dazwischen. Klar ist, dass Bridgerton mit der Auswahl der Schauspieler:innen für Aufsehen gesorgt hat.

Eloise Bridgerton als Feministin ihrer Zeit

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Bridgerton

USA: 2020-heute
2 Staffeln, 16 Folgen
Von: Chris Van Dusen
Mit: Adjoa Andoh, Julie Andrews, Lorraine Ashbourne, und anderen

Allerdings steht in der Serie nicht die Position von People of Colour in der britischen Gesellschaft im Vordergrund. Stattdessen geht es vor allem um die Heiratspolitik der Familie Bridgerton. Dabei sticht besonders Eloise Bridgerton heraus, die im Gegensatz zu den anderen weiblichen Figuren kein Interesse daran hat, zu heiraten und ein häusliches Leben zu führen. Eloise kann als Antagonistin zu ihrer Schwester Daphne betrachtet werden, denn Eloise blickt auf alles herab, was Daphne besonders schätzt. Während es in der ersten Staffel darum ging, aus Daphnes Perspektive in die Welt des britischen Adels eingeführt zu werden, zeigt Eloise den Zuschauer:innen, dass dort Vieles mehr Schein als Sein ist. So geht es vielen Figuren nicht um die große Liebe, sondern vor allem um den Erhalt ihrer Machtposition oder eine finanziell vorteilhafte Partie.

Bereits in der ersten Staffel fällt Eloise durch provokante Kommentare auf, die sich gegen das patriarchale Gesellschaftssystem richten. Anders als ihre Schwester, die sich nichts sehnlicher wünscht, als einen Ehemann zu finden, graut es Eloise davor. Eloise bringt auf diese Weise einen feministischen Blickwinkel in die Serie, der zum Hinterfragen der vermeintlich romantischen Traditionen, wie das gemeinsame Tanzen bei Bällen, anregt. Außerdem kritisiert sie offen die Erwartungen, die ihr soziales Umfeld an Frauen stellt. So erklärt Eloise, dass es weder eine besondere Leistung sei, sich zu verlieben, noch hübsch auszusehen. Sie träumt stattdessen davon, zur Universität zu gehen und als Schriftstellerin Erfolg zu haben. Ihr Vorbild ist dabei Lady Whistledown, die unbekannte Autorin eines Klatschmagazins.

Aller (feministischer) Anfang ist schwer

Eloise Bridgerton (Claudia Jessie) hadert mit den sozialen Erwartungen ihrer Zeit. Bild: Liam Daniel/Netflix

Jedoch ist Eloise nicht in jeder Hinsicht so reflektiert, wie sie tut. So ist sie sich ihrer privilegierten gesellschaftlichen Position nicht bewusst. Das zeigt sich zum Beispiel in einem Gespräch mit ihrer besten Freundin, in der diese ihr vorwirft, sich nur mit der unreifen Suche nach der Identität Lady Whistledowns zu beschäftigen und keine Ahnung von wirklich wichtigen Problemen, zum Beispiel im Familienkreis, zu haben. Penelopes Familie befindet sich nämlich immer wieder in finanziellen Schwierigkeiten, die sie versucht, vor dem britischen Adel zu verstecken. Eloise kann dies mit dem Hintergrund ihrer eigenen reichen Familie nicht verstehen.

In der ersten Staffel ist Eloise verzweifelt, weil sie mehr vom Leben will, als möglich zu sein scheint. Dagegen entwickelt sie in der zweiten Staffel eine klarere Vorstellung davon, wie sie ihre Zukunft gestalten möchte. Die Grundlage dafür schafft sie sich durch das Lesen feministischer Literatur, zum Beispiel durch ein Buch der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft. Außerdem lernt sie die Welt des sozialen Aktivismus kennen, indem sie an Versammlungen teilnimmt, auf denen Rednerinnen für die Rechte von Frauen argumentieren.

Privilegierte Perspektive

Allerdings kann sie diesen Interessen nicht so viel Zeit widmen, wie sie es sich wünscht, da ihre Familie darauf besteht, dass Eloise ihr Debut vor der Königin gibt. Damit wird sie in die adlige Gesellschaft und den Heiratsmarkt eingeführt. Sie genießt die Aufmerksamkeit der Männer jedoch nicht und versucht, so oft wie möglich festlichen Anlässen zu entfliehen. Eloise hat das Gefühl, den Erwartungen ihrer Familie nicht gerecht werden zu können. Hier zeigt sich, dass ihre Rebellion gegen die Konventionen ihrer Zeit auch eine Bürde für Eloise ist. Am Ende der Staffel wird sie erneut mit dem Vorwurf konfrontiert, nichts von wirklichen Problemen der ärmeren Menschen zu wissen, da sie die Privilegien einer reichen Oberschicht genießt. Jedoch zieht sie daraus keine weiteren Schlüsse.

Eloise ist auch in der zweiten Staffel davon überzeugt, dass sie nicht heiraten will und eine unabhängige Frau mit einer eigenen schriftstellerischen Karriere sein möchte. Im Gegensatz zur ersten Staffel schafft sie es aber, ihre feministischen Überzeugungen auf eine theoretische Grundlage zu stellen und bricht durch die Teilnahme an Versammlungen für Frauenrechte aus dem behüteten Umfeld ihres Elternhauses aus. Trotzdem gelingt es ihr nicht, einige arrogante Überzeugungen abzulegen oder ihre beruflichen Interessen zu verwirklichen. Letzteres ist allerdings auch dem engen Korsett aus gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit geschuldet. Eloise‘ Fans können darauf hoffen, dass sie in den folgenden Staffeln die Möglichkeit bekommt, ihre Träume zu verwirklichen. Jedoch bewegt sich die Serie immer im Spannungsfeld zwischen historischer Glaubwürdigkeit und künstlerischer Freiheit. Da die tatsächliche Geschichte jedoch auch in anderen Aspekten der Serie, wie zum Beispiel der »colour-blind« Besetzung keine besondere Rolle spielt, wäre es für die Produzent:innen der Serie nicht allzu schwierig, die feministische Entwicklung von Eloise auszuweiten.

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