In zwei persönlichen Gesprächen erzählen die Ensemblemitglieder Tara Helena Weiß und Gabriel von Berlepsch von ihrer Arbeit am Deutschen Theater Göttingen, ihrem Werdegang und ihren Gedanken zur aktuellen kulturpolitischen Lage. In getrennten Unterhaltungen reflektieren sie das Leben auf und neben der Bühne, politische Fragen, Kunst und Alltag. Ihre Perspektiven zeichnen ein vielschichtiges Bild eines Hauses, das für beide mehr ist als ein Arbeitsplatz.
Von Sofia Peslis
Bilder: Sofia Peslis
Der Vorhang ist noch geschlossen. Der Saal füllt sich langsam, draußen dämmert es. In den Gängen riecht es nach Staub und Samt, ein Summen liegt in der Luft. Hinter der Bühne herrscht konzentrierte Ruhe – Requisiten werden zurechtgerückt, letzte Abläufe abgestimmt. Noch ist alles im Übergang. Es ist dieser Moment zwischen Warten und Auftreten, zwischen Privatem und Rolle, der Schauspieler:innen wohlvertraut ist. Und es ist genau dieser Zwischenraum, der so viel über das Leben am Theater erzählt.
Ankommen und Aufbrechen
Gabriel von Berlepsch ist seit der Spielzeit 2014/2015 Teil des Ensembles. Seine Theaterreise begann früh – mit 13 Jahren trat er dem Jugendclub des Deutschen Theaters bei. Unterstützt wurde er dabei stets von seiner Mutter, die seinen künstlerischen Weg von Anfang an gefördert hat. Ein London-Aufenthalt mit Schulklasse und Shakespeare im Globe Theatre wurden zum Wendepunkt: »Diese Präsenz, das Miteinander mit dem Publikum – da hat es Klick gemacht.« Nach Stationen in Freiburg, Wien und Düsseldorf zog es ihn mit seiner Familie zurück nach Südniedersachsen. Gemeinsam mit seiner Frau, ebenfalls Schauspielerin, sprach er in Göttingen vor – beide wurden genommen, »ein Sechser im Lotto«, wie er es beschreibt.
Tara Helena Weiß hingegen fand über Umwege zur Bühne. Sie beobachtete Bühne. Erst Ballett, dann Probenhospitanzen in Halle. Sie beobachtete, lernte, saugte Atmosphäre auf. »Proben sind eine ganz andere Welt«, sagt sie. Später, in Berlin, ergriff sie selbst die Chance zu spielen, bewarb sich an Schauspielschulen und landete schließlich in Rostock. »Ich dachte immer, ich kann das nicht. Aber ich musste es einfach versuchen.« Seit der Spielzeit 2022/23 ist sie festes Mitglied im Göttinger Ensemble – ein Schritt, den sie bis heute als mutig und bedeutsam empfindet.
Theater als Zuhause
Beide beschreiben das Deutsche Theater als einen Ort des Ankommens. »Es ist sehr familiär«, sagt Berlepsch, »nicht nur wegen der Größe des Hauses, sondern auch durch die Ensemblepflege. Niemand spielt hier immer nur die großen Rollen, es ist eine gute Mischung.« Besonders schätzt er, dass sich über die Jahre ein Gefühl von Gemeinschaft aufgebaut hat – zwischen Ensemble, Technik, Regie und Publikum. »Man kennt sich, man vertraut sich. Und trotzdem bleibt es in Bewegung.« Weiß geht es ähnlich: »Ich liebe die Probenräume, selbst der Geruch bedeutet mir was. Das Theater gibt mir Halt.«
Sie spricht von der Seitenbühne, von Momenten des stillen Beobachtens während Bühnenumbauten, die für sie mehr bedeuten als bloße Übergänge. Für sie ist Schauspiel keine feste Rolle – eher ein ständiges Werden. Sie kämpfte lange darum, sich selbst die Erlaubnis zu geben, diesen Beruf auszuüben. »Ich kann bis heute nicht einfach sagen: Ich bin Schauspielerin. Es fühlt sich komisch an, weil es nichts Feststehendes ist und dadurch auch immer leicht porös.« Das DT ist für sie ein Ort, an dem sie genau das leben kann, mit all der Unsicherheit, der Lust und dem Zweifel, die dazugehören.
Was Theater leisten kann
Was ist Göttingen ohne Theater? Diese Frage schwebt über beiden Gesprächen – und sie ist alles andere als rhetorisch. Berlepsch findet klare Worte: »Theater ist live, keine Leinwand, keine Konserve. Es ist ein Ort der Begegnung. Davor, danach, und auf der Bühne.« Gerade dieser Aspekt ist ihm wichtig: dass Theater nicht reproduzierbar ist, dass jede Vorstellung ein einzigartiges Ereignis darstellt. Gerade in einer Zeit, in der alles digital konsumierbar ist, ist das Theater ein analoges Gegengewicht, etwas, das im Moment entsteht und vergeht.

Weiß beschreibt das Theater als ein soziales Experiment: »Du wirfst zehn Leute und ein Thema in einen Raum – was passiert dann?« Sie schätzt diesen demokratischen, widersprüchlichen Raum, in dem verschiedene Stimmen aufeinandertreffen – und auch mal streiten. »Es geht nicht immer darum, sich einig zu sein – aber ums Aushalten, ums Zuhören.« Beide betonen die Unmittelbarkeit des Theaters. Es ist ein Raum, der Bildung, Unterhaltung und gesellschaftliche Reflexion vereint. Weiß erinnert daran, wie stark sich ein Raum verändert, je nachdem, wer darinsitzt. Der Raum selbst verändere sich mit jeder einzelnen Person: »Du spürst, wenn jemand lacht, wenn jemand atmet, das Publikum verändert alles.« Theater, das wird deutlich, ist für beide mehr als eine Kunstform. Es ist Haltung, Begegnung, Möglichkeit – und gerade deshalb so unverzichtbar.
Zwischen Alltag und Vorstellung
Der Beruf ist intensiv – besonders, wenn beide Partner in der Branche sind und sich Alltag und Verständnis überschneiden, erzählt Berlepsch. Proben morgens und abends, Vorstellungen am Wochenende, Textlernen in der Freizeit. Zugleich beschreibt er, wie stark das Theater in das Leben hineinwirkt, Gespräche prägt, Gedanken nachhallen lässt und auch abseits der Bühne präsent bleibt. Diese enge Verbindung zwischen Bühne und Leben ist für ihn zentral, wenn auch mitunter fordernd. Der Alltag sei dabei stark durch das Haus, die Proben und Vorstellungen strukturiert – Vieles spiele sich innerhalb dieses Rahmens ab.
Auch Weiß beschreibt, wie sehr das Theater sie beeinflusst. Sie nimmt Inhalte mit nach Hause, reflektiert, beobachtet. Gleichzeitig beschreibt sie ein Spannungsfeld, das sie häufig erlebt: »Man ist oft in einer Bubble, vom Rhythmus anderer Leute abgeschnitten. Dabei will man eigentlich genau das verstehen – draußen sein, beobachten.« Für sie ist diese Widersprüchlichkeit Teil des Berufs. Weiß beschreibt, wie eigenartig es sich manchmal anfühlt, als Schauspielerin wahrgenommen zu werden – oder besser gesagt: wie andere sich ein Bild davon machen, was es bedeutet, auf der Bühne zu stehen. »Es gibt eine seltsame Ehrfurcht, die sich überträgt – als sei das Selbstbewusstsein auf der Bühne auch das im echten Leben.« Diese Zuschreibung kann trügerisch sein. Denn was auf der Bühne als Stärke erscheint, ist das Ergebnis von Arbeit, Suche und auch Ungewissheit. Nicht von einem konstanten inneren Selbstbewusstsein. Für sie liegt in der Kunst etwas viel Persönlicheres: »Ich will mich ausdrücken, aber geht nicht um mich. Ich bin nur ein Teil davon. Und genau das finde ich schön.«
Vor dem ersten Satz
Es ist der Moment kurz vor Beginn. Das Licht im Publikumsraum wird schwächer, das Stimmengewirr verebbt, die Konzentration auf und hinter der Bühne steigt. Für Weiß ist es ein Gefühl zwischen Fluchtreflex und Vorfreude: »Ich möchte wegrennen – ach nee, doch nicht.« Sobald die ersten Sätze gesprochen sind, verwandelt sich diese Spannung in Präsenz. Auch Berlepsch kennt diesen Übergang. Er erinnert sich an einen Moment während seiner Schauspielausbildung, in dem er auf der Bühne stand und der Text war weg. Eine Ballade, Prüfungsdruck, völlige Leere. »Heute würde ich einfach nach dem Text fragen und weitermachen – aber damals dachte ich, ich sei gescheitert.«

Es sind diese Augenblicke, direkt vor dem Auftritt, mitten in einer Szene, beim Spiel mit anderen, die beiden Schauspieler:innen besonders in Erinnerung bleiben. Weiß spricht von Momenten, in denen plötzlich alles stimmt: »Wenn man merkt, alle in der Szene wollen gerade dasselbe.« Berlepsch betont, dass ihn nicht nur die großen Rollen geprägt haben, auch wenn diese oft zuerst in den Sinn kommen. Es sind ebenso die stillen, unscheinbaren Figuren, die ihn überrascht und berührt haben.
Applaus für die Zukunft?
Beide beobachten eine Veränderung. In der Stadt, im Haus, in der Branche. Berlepsch spricht über den Kulturabbau, gegen den sich das Theater wehrt: mit Aktionen, Postkartenkampagnen, Präsenz auf dem Wochenmarkt. »Es wird so viel weggekürzt, weil man denkt, Kultur sei optional. Ist sie aber nicht.« Weiß formuliert es noch politischer: »Wofür wir kämpfen, ist nicht nur unser Job. Es ist grundsätzlich politisch.« Theater solle ein Ort bleiben, der Vielfalt abbildet und Ausgrenzung, Klassismus, Rassismus keinen Raum geben. Es dürfte nicht vergessen werden, dass Theater eine repräsentative Aufgabe hat.
Und was ist mit denen, die selten oder nie ins Theater gehen? »Geh nicht nur einmal«, sagt Weiß. »Theater ist kein Netflix. Es verändert sich mit jedem Abend, jedem Publikum. Auch wenn dir ein Stück nicht gefällt, es ist eine Erfahrung, die bleibt.« Berlepsch betont: »Theater bringt Literatur zum Leben. Es ist ein Bildungsauftrag, ein Begegnungsraum. Und es gehört zu Göttingen genauso wie Clubs oder Cafés.« Theater ist mehr als eine Bühne. Es ist Lebensraum, Arbeitsort, politische Plattform und in Göttingen fest verankert. Die Schauspieler:innen des Deutschen Theaters gestalten nicht nur Rollen, sondern auch ein kulturelles Klima, das Resonanz schafft. Was genau eine Vorstellung mit dem Publikum macht, bleibt nie gleich. Manchmal sind es leise Momente, manchmal eben ein unerwartetes Lachen, oder ein Gedanke, der nachhallt. Doch genau darin liegt die Kraft des Theaters, es kann berühren, irritieren, inspirieren. Und eins bleibt sicher: Wenn sich der Vorhang hebt, beginnt jedes Mal eine neue Begegnung.

