Angela Steidele greift in ihren Romanen historische Figuren heraus und erzählt deren Geschichte. Ins Dunkel widmet sich spannenden Episoden aus dem frühen Hollywood, lässt stilistisch aber einiges Potenzial liegen.
Von Anna Domdey
Bild: Anna Domdey
In ihrem neuen Roman Ins Dunkel schreibt Angela Steidele über ein Stück Filmgeschichte. Auf zwei sich abwechselnden Zeitebenen folgen die Leser:innen den Leben der Schauspielerinnen und Künstlerinnen Marlene Dietrich, Greta Garbo, Erika Mann, die in den 20er- und 30er-Jahren in die Vereinigten Staaten auswanderten, und der ein oder anderen Person um sie herum. Eine Zeitebene ist 1969, wo sich die Protagonistinnen in den Schweizer Bergen treffen. Die andere erstreckt sich mit mal mehr, mal weniger großen Sprüngen chronologisch von 1924 bis 1974. Damit schließt Steidele an eine temporale Struktur an, die sie bereits in ihren vorherigen Romanen genutzt hat und die von Hanna Sellheim hier hervorragend zusammengefasst wurde.
Inhaltlich geht es um die Entstehung der Filmindustrie in Hollywood, technischen Fortschritt und die moralkonservative Zensur (den Hays Code), die für amerikanische Produktionsfirmen ab 1934 zur Pflicht wurde. Rückschläge, die auch die Protagonistinnen betreffen: Sie müssen abwägen, welche Rollen sie spielen und wie nah sie dabei an der historischen Wahrheit bleiben können. So muss Greta Garbo sich entscheiden, ob sie in Königin Christine das gleichnamige Oberhaupt von Schweden weiterhin als unabhängige Frau spielt oder sich den neuen Vorgaben fügt und sie für die große Liebe abdanken lässt. Thematisiert wird außerdem der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, wie sich jede der Frauen dazu verhalten und welche Spuren diese Zeit hinterlassen hat.
Intermedialer Schreibstil als Problem
Die Handlung basiert auf spannendem historischen Material, über das sich viel erzählen lässt. Aber das Buch hat ein Manko. Darauf verweist ein Satz aus der Danksagung, in der es heißt, dass Steidele beim Schreiben »den Roman […] vor [ihr] auf der Leinwand sah«. Nur: Ein Roman ist kein Drehbuch. Steidele möchte schreibend an ›filmische‹ Szenen heranführen, die eigentlich bloß Buchkapitel sind. Dies kann beispielsweise so aussehen:
»Wir hören es noch einmal klopfen, aber anders, scheppernd. Dann erst sehen wir ein offenes Automobil mit Reserverad an der Seite durch dichten Verkehr gleiten. Im hellen Sonnenschein glänzt der schwarze Scheitel des Manns hinterm Lenkrad. Noch einmal klopft er mit der linken Hand gegen die Fahrertür.«
Jedes Kapitel beginnt und endet mit solch einer szenischen Beschreibung, die wohl Leser:innen aktivieren und einbeziehen soll. Doch in erster Linie erzeugt das sprachliche Herauszoomen einen Bruch, der den Lesefluss stört und keinen Mehrwert bietet, weil die Handlung auf eine künstliche Metaebene gehoben wird. Zudem wird ein fiktives »wir« heraufbeschworen, das die zwischen der Erzählerin bzw. Autorin und ihrem Publikum klaffenden Wissenslücken nicht zu überbrücken vermag.
Das Selbstgespräch
Mehrfach stellt der Text den Leser:innen offene Fragen, die jedoch nur vermeintlich offen sind. Etwa, als in der Romanhandlung gerade eine Hausparty stattfindet, deren Gastgeberin Salka heißt:
»[D]a klingelt es. Salka lässt einen Mann mit Hornbrille ein, den wir noch nicht kennen. ›Ach, Rouben, schön, dass du doch noch kommst!‹ Hat Salka einen Unterton?«
Zu diesem Zeitpunkt ist unklar, wer Rouben ist, was seine Beziehung zu Salka ist und warum diese einen wie auch immer gearteten Unterton haben könnte. Man bekommt beim Lesen das Gefühl, dass die Erzählinstanz den Leser:innen gegenüber einen Vorsprung hat – sie weiß schließlich, wer der fremde Mann ist und warum Salka einen Unterton hat (dass sie einen hat, ist durch die suggestive Fragestellung klar).
So wird die Erzählung zu einem Selbstgespräch. Sie lässt die Leser:innen etwas hilflos zurück, weil diese sich selbstständig nichts erschließen können, bis es ihnen erklärt wird: Im obigen Fall etwa gehen aus dem Text keine Informationen über Salkas Tonfall oder Mimik hervor. Stattdessen wird die Deutung eines Untertons vorweg- und den Leser:innen das Denken abgenommen; man muss bzw. darf die eigene Vorstellungskraft nicht nutzen. Wie Zuschauende im Kino sitzt das Romanpublikum gleichsam im Dunkel und wartet, bis ihm die Handlung offenbart wird. Ob der Buchtitel sich auf das Dunkel eines Kinosaals, Hollywood-Geheimnisse oder aufziehende Autoritarismen bezieht, bleibt übrigens offen.
Szenenwechsel: Auftritt Angelika Steidele
Deutlich wird hingegen, dass die Protagonistinnen der Autorin offenbar am Herzen liegen. Das würde nämlich erklären, weshalb Steidele sich in die literarische Handlung einschreibt, um ihnen zu begegnen: Ein Kapitel bzw. eine Szene spielt in der Gegenwart, plötzlich wechselt die Erzählperspektive und eine fiktionalisierte Angelika Steidele sitzt mit Marlene Dietrich und Erika Mann in einer Pariser Wohnung. Steidele wird von der Erzählerin zur Protagonistin und nimmt an der Handlung teil. In dem Gespräch, das aus ihrer Perspektive erzählt wird und in dem sie Mann und Dietrich zu ihren Leben befragt, ist sie mal allwissend, mal unfähig, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.
Dieser differenziert-kritische Umgang mit dem historischen Material ist angemessen, denn natürlich besteht keine Sicherheit darüber, wie intime Details aus den Leben zweier ikonischer Schauspielerinnen ausgesehen haben. Aber ohne die plötzlichen Szenenwechsel und leisen Andeutungen würde es sich runder lesen. Was für Steidele auszureichen scheint, liest sich für das Publikum unfertig. Man ist mit den Gedanken noch nicht so weit, kann nicht so weit sein, weil man das Skript nicht kennt.

Ins Dunkel
Suhrkamp: 2025
357 Seiten, 26 €
Dies gilt auch für die Beziehungen der Protagonistinnen untereinander. Steidele ist bekannt dafür, sich in ihren Büchern gleichgeschlechtlich begehrenden Personen zu widmen, und enttäuscht dahingehend auch in diesem Roman nicht. Wer von den drei Frauen war eigentlich mit wem zusammen, wer eifersüchtig? Vielerlei Beziehungen werden angedeutet. Doch immer, wenn es ernst werden könnte, bricht die Erzählung leider ab.
Sprachliches Niveau zwischen bayrischem Schmäh und deutschem Cringe
Wenn Steidele die Handlung einfach geschehen lässt, versinkt man darin. Denn das historische Setting und die Persönlichkeiten bieten tollen Stoff, auf den man sich leicht einlässt. Das Niveau ist dabei nie das der Klatschpresse, sondern einer historisch informierten Fiktion, die sich spannend liest, bis man von der nächsten ›Szenenbeschreibung‹ wieder herausgerissen wird.
Auch einige sprachliche Eigenheiten stechen heraus. So liest man Erika Manns ständiges »ach geh« in lautem bayrischen Schmäh, ohne dass dies besonders hervorgehoben werden müsste. Ein phonetischer »Di Dabbelju Griffis« (D. W. Griffith) und andere falsch ausgesprochene englische Wörter fallen hingegen eher unangenehm ins Auge, verdeutlichen aber, wie viele Deutsche am Aufbau der (Stumm-)Filmindustrie in Hollywood beteiligt waren – und weshalb der Tonfilm für viele europäische Schauspieler:innen das Ende ihrer Kariere bedeutete.
»Faksimile der Wirklichkeit«
Ein zentrales Thema des Romans ist – neben dem Zusammenhang von Fiktion und Wirklichkeit – die politische Instrumentalisierung der Geschichte. Darüber lässt Steidele auch ihre Protagonistinnen diskutieren. Über die Rezeption eines Greta-Garbo-Films in ihrem Heimatland Schweden heißt es etwa: »Man begrüßte eine ›sehenswerte Mischung aus Fakten und Fiktionen‹«, wohlgemerkt in einer Phase, als Hollywood zunehmend der Zensur unterlag. Weniger überzeugt bezeichnet Erika Mann Filme als »Faksimile der Wirklichkeit«. Sie sprechen über den (oben erwähnten) Regisseur D. W. Griffith, der in seinen Filmen seine rechte Geschichtsdeutung auf die Leinwand brachte: »So viel Talent und Können – und so wenig Verantwortung«.
Ein rasanter Schluss
Besonders gelungen ist der Schluss, in dem es rasant zugeht: Während eines Ausflugs im Jahr 1969 machen die Protagonistinnen sich gegenseitig Vorhaltungen. Im rückblickenden Gespräch über den Nationalsozialismus erscheint keine der Frauen mehr unschuldig, wenn die alte Frage aufgeworfen wird: Was hast du eigentlich damals getan? Steidele traut sich hier endlich, Urteile anzubieten, statt Dialoge im Sinne einer historischen ›Korrektheit‹ vorzeitig zu beenden. Trotzdem entsteht keine moralisierende Schwarz-weiß-Zeichnung, sondern ein differenziertes Bild, das die idolisierten Charaktere am Ende nicht von ihren Sockeln stößt, aber vielleicht etwas menschlicher erscheinen lässt.
Wer über die ›filmischen‹ Intermezzi hinwegsehen kann, hat viel Spaß beim Lesen und an den fesselnden Protagonistinnen, ihren persönlichen Entwicklungen und Karrieren. Aus dem Buch werden diejenigen Leser:innen mehr mitnehmen, die sich mit den erwähnten Personen und Filmen bereits auskennen. So stellt sich der mysteriöse Rouben, der von Salka beäugt wird, schließlich als der Regisseur von Greta Garbos berühmtestem Film Königin Christine heraus. Folgen kann man der Handlung aber auch, wenn man nicht parallel Wikipedia geöffnet hat. Gekonnt erweckt Steidele eine turbulente Ära zum Leben – und obwohl der gewöhnungsbedürftige Stil des kollektiven Selbstgesprächs den Roman nicht in einen Film verwandelt, lässt er das Publikum doch an Hollywoods ›Gossip‹ und Geschichte teilhaben.

