Grenzenlosigkeit bei Nacht

Leïla Slimani teilt in ihrem Roman Der Duft der Blumen bei Nacht mit berührender Ehrlichkeit ihre Gedanken – nachts in einem Museum in Venedig. Dabei findet sie sich in ihrer Jugend in Rabat wieder und entdeckt den Duft nach Freiheit neu, der ihr letztlich den Mut gegeben hat, ihren eigenen Weg zu gehen.

Von Laura Sill

Bild: Via Pixabay, CC0

Was passiert mit einer Schriftstellerin, wenn ihr die Worte ausgehen und sie in eine Schreibkrise zu rutschen droht? Verzweiflung macht sich breit. Das sonst so vertraute Refugium, in das man sich zurückzieht, um in Ruhe zu schreiben, wird zum Gefängnis und Fluch. Aus diesem Grund kommt der (realen?) Autorin Leïla im ersten Romanteil, der im Dezember 2018 spielt, die unvermittelte Frage ihrer Lektorin »Würde dir das gefallen, eine Nacht im Museum eingeschlossen zu sein?« gerade recht. Damit bietet sich ihr die Möglichkeit, eine Nacht in der Punta della Dogana zu verbringen und aus jener Erfahrung einen ergreifend persönlichen Text zu erschaffen.

Zwischen den Kulturen

Die Wahl des Museums für Moderne Kunst wirkt zu keinem Zeitpunkt zufällig: Venedig wird von vielen Geschichten umrankt und hat bis heute nicht seinen Reiz verloren. Jahr um Jahr treibt es Millionen von Menschen auf den Canal Grande und über die Brücken dieser dem Untergang geweihten Stadt. Schon Jahrhunderte zuvor lebte sie vom Handel und war Schnittpunkt zwischen »Okzident und Orient«, wie es im Klappentext heißt. So stand nicht nur der Austausch von Waren im Vordergrund, sondern ebenso das kulturelle Miteinander und Ineinandergreifen. Genauso wie es auch bei Leïla als marokkanisch-französische Schriftstellerin der Fall ist. Wie gut ihr diese Verknüpfung beim Schreiben gelingt, zeigt sich durch ihre Erfolge, zuletzt 2016 mit der Verleihung des Prix Goncourt für ihr Buch Dann schlaf auch du (btb 2017; 2019 verfilmt). Auch ihre darauffolgenden Bücher Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt (btb 2018), die noch nicht abgeschlossene Trilogie Das Land der Anderen (btb 2022) sowie die Essaysammlung Warum so viel Hass? (btb 2018) werden immer noch in der Öffentlichkeit diskutiert. Feminismus, Sexismus, Rassismus: Es sind Themen, die unsere heutige Gesellschaft beschäftigen und die Leïla Slimani aufgreift und verarbeitet.

Eine Nacht im Museum

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Leïla Slimani
Der Duft der Blumen bei Nacht

Übers. von Amelie Thoma
Luchterhand: München 2022
160 Seiten, 20,00€

Mit Der Duft der Blumen bei Nacht (frz. Le parfum des fleurs la nuit) gelingt Leïla Slimani ein Roman, der vielversprechend ist und an ihre Erfolge anknüpfen könnte, auch oder gerade obwohl er die stärksten biographischen Bezüge herstellt. Die Stille der Museumsräume und darin ausgestellten Kunstwerke und -installationen versetzen die Protagonistin Leïla im April 2019, dem zweiten Romanteil, in eine andere Zeit, eine andere Dimension, die es ihr ermöglichen, ihre Vergangenheit in Schlaglichtern Revue passieren zu lassen. Sie lässt sich von ihren Gedanken treiben, setzt sich ihnen aus und erträgt den Schmerz, die Wut, die Angst, aber auch Freude, Vertrauen und Wohlbefinden, die damit einhergehen. Während Leïla durch das nächtliche Museum streift, verleitet sie jede neue Entdeckung und Sinneswahrnehmung dazu, in Episoden zu erzählen.

Bereits seit Leïlas Geburt ist ihr eine bestimmte Tageszeit zugeteilt: die Nacht (arab. lailā). In ihrer Jugend gewährte ihr die Nacht Schutz, sich ihre Freiheiten zu nehmen, sie selbst zu sein, auszubrechen, zu leben in einer Welt, die Frauen sonst strenge Regeln und unüberwindbare Grenzen auferlegt.

Der Nachtjasmin ist der Duft meiner Lügen, meiner Jugendlieben, heimlich gerauchter Zigaretten und verbotener Feste. Er ist das Aroma der Freiheit.

In dieser besonderen Nacht in der Punta della Dogana begegnet Leïla sich selbst, wird überwältigt von Eindrücken, verliert sich in dem Duft des Nachtjasmins, der durch künstliches Licht nachts nicht blühen kann, wie er es sonst als Nachtschattengewächs auf natürliche Weise tun würde (eine Installation von Hicham Berrada: Mesk-Ellil, 2015-2019) und stößt unverhofft auf Stimmen aus ihrer Jugend, wie Marilyn Monroe (in einem Kurzfilm von Philippe Parreno). Schicht für Schicht wird freigelegt, je tiefer Leïla in ihre Erinnerungen dringt. Schließlich ist es auch die distanzierte, »unvollendete« Beziehung zum Vater, seine Haft und ihre damit verbundenen Gefühle, die nach außen drängen und ans Licht befördert werden. Ein kompliziertes Verhältnis der Tochter zum Vater prägt Leïla und trägt einen nicht zu verachtenden Anteil zu ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin bei, einer Tätigkeit in einem bisweilen selbsterschaffenen Gefängnis. Dennoch hat das Schreiben auch eine zweite, heilende Eigenschaft, die es Leïla ermöglicht, zu verarbeiten, nicht zu verzweifeln und eine Welt zu erschaffen, in der ihre Vorstellung von Gerechtigkeit realisierbar ist. Sie wird als Schöpferin der Figuren zu deren »Anwältin«.

Schreiben ist die Erfahrung eines ständigen Scheiterns, einer unüberwindbaren Frustration, einer Unmöglichkeit. Und dennoch macht man weiter. Und man schreibt.

Umgeben von den Mauern der ehemaligen Zollstation Dogana da Mar (der jetzigen Punta della Dogana) beginnt sich Leïla zu fragen, ob sich ihr Leben als Schriftstellerin mit ihrer feministischen, aktivistischen Einstellung vereinen lässt. Verlange das eine Rückzug, um Worte zu finden, sei es für das andere umso wichtiger, laut zu sein, Präsenz zu zeigen, Grenzen zu sprengen. Offen bleibt die Frage, ob nicht genau das (heutzutage) auch durch Literatur möglich ist.

Kunst und Literatur

Zu Leïlas Erinnerungen gehören nicht nur Momente aus ihrer Kindheit und Jugend im marokkanischen Rabat, sondern wie einen Schatz wird sie sich auch ihres literarischen Gedächtnisses bewusst. Zahlreiche Schriftsteller:innen aus aller Welt und verschiedener Jahrhunderte wie Etel Adnan, Lew Tolstoi, Marguerite Duras, Léopold Sédar Senghor und Emily Brontë fügen sich zu einem dichten, untrennbaren Geflecht im Text zusammen. Jede Person bekommt ihren Platz bei Leïla. Und auf erstaunliche Weise gelingt es ihr dann doch spielerisch leicht bildende Kunst und Literatur miteinander zu verbinden, obwohl sie von ersterem keine Ahnung habe und zweiteres sie bereits ihr Leben lang begleite.

Während Romane zugängliche, vertraute Objekte waren, die ich bei einem Straßenbuchhändler in der Nähe meines Gymnasiums kaufte und dann in meinem Zimmer verschlang, war die Kunst eine ferne Welt, deren Werke sich hinter hohen Mauern europäischer Museen versteckten.

Trotz all der hervorgerufenen, so unterschiedlichen Empfindungen ist die Nacht endlich und die Erfahrung im Museum findet ihr Ende: Bei Tagesanbruch schließen sich die Blüten des Nachtjasmins in der Natur ebenso wie der Zugang zu dieser ganz bestimmten Dimension, in der Leïla die Nacht verbringen durfte – nicht ohne vorher all die Erinnerungen und Gedanken in poetischen Worten festzuhalten und zu bewahren, um die Leser:innenschaft zu verzaubern.

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