Odi et amo

Das Deutsche Theater bringt unter der Regie von Moritz Franz Beichl Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe auf die Bühne und beweist glänzend, dass dies alte Werk seltener Dichtheit und Dringlichkeit nichts an Strahlkraft eingebüßt hat.

Von Leonard Herbst

Bilder: Thomas Aurin

1973 strahlt das schwedische Fernsehen erstmals Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe als sechsteilige Serie aus. Später folgt eine kürzere Kinofassung, deren schiere zeitliche Länge noch immer monumental anmutet. Dieser Umfang mag darüber hinwegtäuschen, dass Objekt der Darstellung Allzu-Tägliches ist und dass die Kunst der Darstellung in Beschränkung und Verdichtung liegt: räumlich, zeitlich, personell. Kein noch so banales Wort ist darin zu viel. Der hohe Grad der Abstraktion, nicht weniger als der Logozentrismus (in einem wörtlichen Sinne) des Films, welcher der Logozentrismus moderner Beziehungen ist, lassen den Film in einem klassischen Sinne dramatisch und besonders geschmeidig für die Umsetzung auf dem Theater erscheinen. Von dieser Möglichkeit weiß man am Deutschen Theater unter der Regie von Moritz Franz Beichl ausgezeichneten Gebrauch zu machen.

Tönendes Erz und klingende Schelle

Die Inszenierung hält sich sehr dicht an den Film und lässt von seinen Qualitäten nichts verloren gehen. Die Handlung ist auf Johan und Marianne (gespielt von Bastian Dulisch und Rebecca Klingenberg) konzentriert, ein bürgerliches Ehepaar, dessen Leben sich auf die Bahn feister Gewöhnlichkeit eingependelt hat. Er Wissenschaftler, sie Anwältin, Kinder, abends Theater, sonntags Essen bei Muttern. Bis unter anderem die Krise eines befreundeten Ehepaars (Katarina und Peter, gespielt von Andrea Strube und Volker Muthmann), gleichsam ein Drama im Drama, höllische Abgründe zutage fördert, haben sie sich die Langeweile ihres verwöhnten Lebens nicht einzugestehen gewagt und die heimliche Sehnsucht einer abgestumpften Sinnlichkeit verdrängt: nach leidenschaftlicherer Liebe und glühenderer Erotik, nach Intensität und Authentizität des Daseins, die es vielleicht gar nicht gibt. Bürgerliches Leben erscheint als Lüge, als Theater. Der Wunsch nach einem Wahren, Ersten und Echten ist groß.

Gerade Johan macht die Midlife-Crisis zu schaffen: Jugendlicher Optimismus und vielversprechender Studenteneifer sind zynischer Bitterkeit gewichen als Schild eines unsicheren und leichtverletzten, kindischen und bedürftigen Selbsts. Etwas in ihm empfindet ein ungeheures Unbehagen an der modernen Zivilisation. Die Mitte des Lebensweges ist für ihn auch die Zeit der Mittelmäßigkeit. Erst beginnt er, Gedichte zu schreiben, doch sie führen ihm nur noch schmerzlicher seine Durchschnittlichkeit vor Augen. Dass er dann Marianne für eine junge Studentin verlässt, ist Ausbruch dessen, was lange brodelte. Dass er auch dort nicht lange bleiben kann, wieder zu Marianne zurückkehren muss, darin zeigt sich das Grundprinzip der Handlung.

Das Reden und der Rest

Das Drama zeigt in prägnanten, einzelnen Szenen das jahrelange Ringen Mariannes und Johans um Glück. Dabei wechseln Abstoßung und Anziehung sich ab, liegen Liebe und Hass eng beieinander wie Lachen und Weinen (auch für das Publikum: das schwierige Gleichgewicht von Leid und Freude gelingt dem DT meisterlich). Auf Dauer voneinander lassen können sie nicht: Beide bleiben doch Verwundete der Liebe. Das schmeckt zugleich bitter und süß. Ihr Ringen besteht im Reden. Darin wird das Urelement des Dramas, der Dialog, selbst problematisch: Als Gefährdung des Glücks durch Lüge und Verstellung einerseits, andererseits durch zerredende Zergliederung.

Trotz oder wegen alles schulischen und szientifischen Wissens erscheint das Leben karg und verarmt. Erst wird unter den Teppich gekehrt, dann wird analysiert, erforscht und mehr gedacht als gefühlt. Schließlich geht es immer um die Frage nach einer angemessenen Sprache des Herzens und einem dem menschlichen Glück frommenden und förderlichen Verhältnis zur Wahrheit über Welt und Psyche, das in völliger Indifferenz ebensowenig bestehen kann wie in völliger Affirmation.

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Info

Das Deutsche Theater Göttingen (DT) zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf vier Bühnen. Seit August 2014 stellen Intendant Erich Sidler und sein Team Themen aktueller gesellschaftlicher Ereignisse in den Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens. Studierende können fast alle Vorstellungen kostenlos mit dem Kulturticket besuchen. Mehr Infos zum Stück findet ihr hier.

Jener Positivismus übersieht das Irrationale und bleibt Klarheit über das Unerklärliche schuldig. Ratlos rätselnd stehen Johan und Marianne vor ihrem Begehren, das sich so indifferent gegenüber bürgerlichen Moralvorstellungen, Ehe- und Familienpflichten äußert. Planend und berechnend versuchen sie, Unkontrollierbares und Unergründliches durch bürgerliche Vernunft beherrschbar zu machen und das Glück herbeizuzwingen. Allein es zeigt sich nur, wenn es will. Johans und Mariannes Leben und Streben besteht in seiner Unvollkommenheit aus sehnender Suche nach dem Vollkommenen. Dabei ermüden gleiches Maß und gerade Linie auf Dauer und die Höhepunkte kommen nicht ohne den Fall ins kontrastrierende Tiefe aus.

Immer scheint ein Rest zur Vollkommenheit zu fehlen, zur imaginierten Ganzheit des Ichs und der Liebe. Immer bleibt da die quälende Ungewissheit über das eigene Selbst und das Wesen der Liebe. Immer klagt da ein ängstliches »Da muss doch noch mehr sein«, eine Erwartung des Noch-Höheren treibt weiter und lässt keine Ruhe – selbst, wenn man objektiv schon auf dem Gipfel des Glückes steht, selbst, wenn es keine Steigerung mehr gibt, kein Mehr und kein Dahinter.

Schleier und Spiel

Dieses leidenschaftliche, schillernde Spiel von Liebe und Hass, von Ernst und Heiterkeit beherrschen die unter Beichls Regie Spielenden virtuos. Rebecca Klingenberg und Bastian Dulisch spielen Marianne und Johan, indem sie unermüdlich dem ständigen Schwanken zwischen den Extremen feinnuancierten Ausdruck geben: Die Höchstes und Tiefstes verbindende Rutschbahn wird der Länge nach abgefahren, auch wenn es quietscht und zerrt, ohne sich festzuhalten, ohne abzusteigen. Und ist man unten, dann auf ein Neues.

Das minimalistische Bühnenbild von Ute Radler unterstreicht die Allgemeinheit der Aussage und lenkt die Aufmerksamkeit aufs Wort wie auf die in ihm sich äußernden Vorgänge. Die Umgebung wird noch stärker als im Film als etwas Konkretes, Kontingentes und damit Unwesentliches disqualifiziert. Die wenigen Requisiten setzen dezente Akzente. Die Scheinwerfer sind grell und auf die Figuren fokussiert, aber manchmal umarmt eine sublime Heiterkeit die ganze Szene in einem sanften, türkisen Kleid: Verheißung der lebenskünstlerischen Balance, um die Johan und Marianne so verzweifelt streiten.

Andrea Strube und Volker Muthmann stellen im Spielen gleich mehrerer Rollen ihre Wandlungsfähigkeit unter aussagekräftigen Beweis. Als Katarina und Peter, aneinander gekettet, quälend gequält, bestätigen sie eindrucksvoll Sartres »L’enfer, c’est les autres.« Auch sind sie zuständig für die Einlagen von Gesang und Musik zwischen den Szenen: Popmusik erscheint als modernes Substitut des alten Chorliedes. Ihre auf Einfachheit und allgemeinste Verständlichkeit hin angelegten Worte und Melodien reflektieren und dienen lyrisch-kontemplativem Ausdruck. So streicheln und trösten sie mit ihrer Klage und in glücklicheren Momenten scheinen Johan und Marianne im Einklang mit ihnen zu schweben.

Zugleich wohnt ihnen eine gleichmacherische, gesellschaftliche Gewalt inne, die das Individuum und seinen Schmerz übertönt: In ihr wird die objektive Gewöhnlichkeit dieses Leidens erkannt, die eigenem Empfinden konträr ist. Schmerz rührt daher, dass die Welt achtlos ihren Gang weiter geht. Mariannes markerschütternde Schreie, nachdem Johan sie verlassen hat, zerreißen den Schleier der Musik und begehren auf gegen ihren angleichenden und einordnenden Zwang.

Stückwerk

Aus ihnen schreit die Sehnsucht nach einer einzigartig vollkommenen und erfüllt-erfüllenden Liebe. Am Ende aber nehmen die Eheleute hin, was ihre Angst längst ahnte: dass ihre Liebe nur Stückwerk ist und sein kann, selbstsüchtig, unvollkommen, irdisch. In diesem Moment scheinen sie die Jagd aufgegeben zu haben: Sie finden sich ab – und darin ein süßes, ephemeres Glück. Es ist ein Abend-, ein Sonnenuntergangs-Glück. Sie sprechen – beide mittlerweile neu und anderweitig verheiratet – von ihrer nunmehr zwanzigjährigen Ehe, als ob es so und nicht anders sein sollte.

Sinnbild sind die Flecken, die sie wie spielende Kinder mit Wasserbomben an der Bühnenwand hinterlassen haben: Im Gepfuschten, im Zufall als Lebensprinzip lernen sie das Schöne entdecken. Die richtige Sprache, das richtige Verhältnis scheint gefunden: Johan und Marianne liegen – wohlgemerkt ihre offiziellen Ehepartner betrügend – beieinander und tun nichts als miteinander zu reden. »Danke für das Gespräch«, heißt es. Offen, ob das Geregelte und Alltägliche ganz auszulöschen oder als Folie für den lustvollen Ausbruch unerlässlich sei wie umgekehrt jener für die Rückkehr in ruhige Geborgenheit. Der Vorhang fällt in einem Augenblick skrupellosen, vielleicht nur vorläufigen Glücks: Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.

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