»Postracial« Identitätssuche

Niveditas Welt bricht zusammen: Ihre Professorin Saraswati ist weiß! An der Hochschule, aber auch im Netz und im Leben von Nivedita entbrennt eine Debatte um Identität und Hautfarbe. MithuSanyals Roman Identitti ist ein Gedankenspiel, das eine:n voller Fragen zurücklässt.

Von Jana Schaefer

Bild: Via Wikipedia, gemeinfrei

Für Nivedita, Protagonistin von Mithu Sanyals Roman Identitti, ist die Professorin Saraswati ihre Heldin. Durch sie kann sie nach jahrelanger Unsicherheit endlich ihre eigene Identität begreifen – als Kind einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters in Deutschland. Nivedita studiert in Düsseldorf Postcolonial Studies. Saraswati ist eine gefeierte Professorin und Autorin, die sich selbst als Person of Color definiert, als Inderin. Als herauskommt, dass sie in Wahrheit weiß ist, kochen an der Universität, in der Presse und im Netz die Emotionen hoch und eine Debatte entsteht. Für Nivedita bricht eine Welt zusammen – wie soll sie sich verhalten, was kann sie nun aus dem Studium bei ihrer früheren Heldin mitnehmen und muss sie sich distanzieren?

»Definiere indisch sein«, fordert Saraswati. […] »Ah ich vergaß, das ist ja die große Fragestellung deines Lebens.«

Die Protagonistin bloggt selbst unter dem Namen Mixed-Raced Wonder-Woman, oder eben Identitti. In ihrem Blog unterhält sie sich vor allem mit der indischen Göttin Kali. Sie ist für Nivedita zugleich Teufel und Gottheit, Ratgeberin, Kritikerin oder auch die Stimme ihres Gewissens. Doch nachdem ein Interview mit Identitti aus dem Kontext gerissen wird, spürt auch Nivedita die auf ihre Professorin projizierte Ablehnung. Während besonders im Netz heiß diskutiert wird, eigens für Saraswati Hashtags geschaffen werden, etwa wie #SackSaraswati oder #SaraswatiGate, versucht Nivedita, durch persönliche Gespräche mit ihrer Professorin die Hintergründe zu verstehen.

»As long as you think that you are white, there is no hope for you.« 

James Baldwin
macbook

Mithu Sanyal
Identitti

Hanser: München 2021
432 Seiten, 22,00€

Der Roman ist in drei Teile gegliedert, die wiederum in kleinere Teile und Kapitel aufgeteilt sind, wie ein Puzzle oder Mosaik. Die Lesenden springen zwischen Blogbeiträgen, Zitaten, Online-Kommentaren und dem Erlebten aus Sicht Niveditas. Während in der Öffentlichkeit die Diskussion über Saraswati köchelt, stellt ihr Nivedita ihre persönlichsten Fragen zu Namen, Identität und Zugehörigkeit.  Idee für das Buch war die 2015 geführte Debatte um Rachel Dolezal, eine amerikanische Professorin, die vorgab, Schwarz zu sein.

Gespickt mit Anspielungen aus Film und Literatur, verflicht die Autorin Mithu Sanyal die Frage nach Identität zu einem faszinierenden Kaleidoskop, wunderschön anzusehen, schwieriger zu verstehen. Aber geht es überhaupt darum zu verstehen? Geht es nicht viel mehr um die Diskussion als solche? Saraswati stellt immer wieder die Frage, was macht eine:n zur BIPoC? Sie versteht sich als transracial, postracial. Ist das alles also nur ein Konstrukt?

Fatma Aydemir @fatma_morgana whiteprivilege at itsbest: wenn es money und fame gibt, wollen sie plötzlich so sein wie wir #Saraswhitey

Für die Tweets hat Sanyal beispielsweise bekannte Twitter-Persönlichkeiten wie Patrick Bahners, Fatma Aydemir und Meredith Haaf gebeten, etwas zu schreiben. In einem Interview mit dem NDR sagt Sanyal, dass diese Tweets »gespendet« und ganz anders geschrieben seien, als sie sie selbst verfasst hätte. Diese anderen Blickwinkel geben den Lesenden nochmal die Möglichkeit zu reflektieren, wie sie sich vielleicht selbst im Angesicht eines solchen Skandals verhalten würden. Das Buch regt zum Hinterfragen der eigenen Identität an, der Privilegien, die man als weißer Mensch in Deutschland genießt. Aber es ist auch verwirrend, aufwühlend und lässt eine:n ratlos zurück.

Das literarische Puzzle lässt eine:n anfangs nicht gerade einfach in das Buch einsteigen, entwickelt aber mit fortschreitenden Seiten einen Sog, sodass man neugierig auf die nächste Seite, das nächste Kapitel ist. Nicht unbedingt an einem Stück zu lesen, aber durch die Kraft der Sprache, die Lebendigkeit der Hauptfiguren und die aufkommenden Fragen an eine:n selbst, lässt die Erzählung es nicht zu, das Buch lange aus der Hand zu legen.

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