Eine überforderte Mutter rutscht in die trügerische Geborgenheit einer Tradwife-Welt und nähert sich dabei unbeabsichtigt rechten Ideologien. Der Roman Heimat öffnet gesellschaftliche Bruchlinien zu Fürsorge, Gemeinschaft und Verführungskraft rechter Narrative, skizziert sie jedoch nur.
Von Katharina Fiedler
Bild: Via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, bearbeitet
Warum lassen Frauen Selbstbestimmtheit und Emanzipation hinter sich, um als ultrakonservative Tradwife zu leben? In Hannah Lühmanns neuem Roman Heimat (2025) beobachten die Leser:innen, wie eine Frau aufgrund persönlicher Freundschaft, der Faszination mit einer fremden Familie und wegen eines Wunschs nach Stabilität immer stärker nach dem traditionellen Hausfrauendasein strebt: Nach ihrem Umzug in ein ländlich gelegenes Neubauquartier verstärkt sich Janas Überforderung mit ihren zwei Kindern, bei deren Erziehung ihr Mann kaum Unterstützung bietet. Sie ist schwanger mit dem dritten Kind, hat ihren Job gekündigt und verschwindet irgendwo zwischen Haushalt, Fürsorge für ihre Kinder und zu kurz kommender Zeit für sich selbst.
Als Karolin in ihr Leben tritt, ist Jana sofort fasziniert von deren Bilderbuchleben mit fünf Kindern und ihrem Mann Clemens auf einem waldnahen Grundstück, wo sie ihre Kinder ohne staatliche Institutionen großzieht. Karolin stellt eine unumstößliche Instanz für die Frauen des Wohngebiets dar, lädt zu Leseabenden und Bastelnachmittagen ein, organisiert private Kinderbetreuung und kritisiert frühkindliche Förderung als staatliche Propaganda, die die Bindung zwischen Kind und Mutter zerstören soll. Auf Instagram teilt sie ihr Leben in perfekt inszenierten Koch- und Familienvideos, die Jana in einen Sog aus Heimatideologie, Systemverweigerung und Antifeminismus ziehen.
Jana dachte an Karolins Seite, an die vielen Follower und den seltsamen Post über das Zertrümmern feministischer Ideale, sie fragte sich, was das eigentlich für ein Profil war, wie das seltsam Rückwärtsgewandte und Karolins funkelnder Intellekt zusammenpassten.
Lühmann (Auszeit 2021) portraitiert auf nur 170 Seiten zwei Frauen, die mit der Abhängigkeit von einem Mann bei gleichzeitiger weiblicher Solidarität eine gefährliche Dualität in ihr Leben lassen: Janas und Karolins Freundschaft zeigt, wie sich Fürsorge, Solidarität und Mutterschaft zwar als Räume des Zusammenhalts unter Frauen, aber auch als Einfallstore rechter Ideologie erweisen können. Die Grenze zwischen hilfsbereiter Gemeinschaft und idealisierter Ablehnung moderner Entwicklungen verschwimmt kontinuierlich zu rechter Heimatsymbolik.
(K)ein Heimatroman
Wie auch im realen Tradwife-Content auf Social Media wird die rechte Tendenz in Karolins Posts meist erst durch ihre verwendeten Hashtags wie etwa »#wachtauf« oder »#Heimatliebe« deutlich. Subtil werden so traditionelle Werte und neue rechte Politik miteinander verknüpft, das glückliche Familienidyll mit festen Geschlechterrollen und häuslicher Protektionismus werden idealisiert. Die Abgabe von Entscheidungsgewalt an ihren Ehemann, dem Karolin offen das letzte Wort lässt (»Mir geht es auch darum, ein Zeichen der Gehorsamkeit meinem Mann gegenüber zu setzen.«), stellt für Jana dabei genau die Sicherheit und Stabilität dar, die sie in ihrem Leben vermisst.
Diese Eingliederung in ein bestehendes soziales Gefüge des Dorfes wäre ein Hinweis darauf, dass Lühmann nicht nur dem Titel, sondern auch den Genrekonventionen nach einen Heimatroman geschrieben hat: Eine Fremde zieht von der Stadt in einen Vorort mit dörflichen Strukturen, sie stößt dort auf neue Identifikationsangebote und baut sich im idyllischen Waldhäuschen ihre neue Zukunft auf:
Karolin, Verena, Becci, Nina und sie hatten beschlossen, die Kinder abwechselnd zu betreuen in den nächsten Wochen, eine neue, wunderbare Perspektive, die Jana einiges erleichtern würde. Ihr Dorf.
Doch inwiefern hinter der Verklärung, hinter den positiven Aspekten für Janas Leben auch Kritik an diesem Entwurf steckt, bleibt Interpretationssache. Ob der Roman möglicherweise in eine Anti-Heimatliteratur kippt, in der die ideelle Aufwertung einer herkunftsbezogenen Erzählung angeklagt wird, ist eine der großen Leerstellen des Romans.
Ein Blick durch’s Schaufenster
Die Leser:innen sind für etwa ein halbes Jahr Teil von Janas Leben und stehen in dieser Zeit am Schaufenster einer fiktiven Welt, in der die Figuren ohne ihr Innenleben betrachtet werden. Der Roman setzt weniger auf emotionale Bindung als auf strukturelle Beobachtung der Geschehnisse, wodurch eine auffällige Distanz zwischen Lesenden und Figuren entsteht. Die Emotionen der Figuren werden eher registriert als nachempfunden, ihre Beweggründe lassen sich teilweise nur erahnen.
Ein eigentümlicher Zwiespalt entsteht, in dem die Lesenden Zeugen einer inneren und gesellschaftlichen Entfremdung werden, ohne selbst an ihr teilzuhaben. Erzählerisch spiegelt dies die Isolation wider, die die Figuren in ihren Rollen erfahren, und sich damit auch von den Leser:innen abwenden. In der Abwendung entstehen inhaltliche Leerstellen, die auch reale Hilflosigkeit abbilden, wenn es um den Umgang mit radikalen Meinungen geht. Die fehlende Nähe zu den Figuren fungiert einerseits als ästhetisches Mittel, Menschen nur vor und nicht in den Kopf gucken zu können; andererseits bildet sie auch einen Kommentar zu der sozialen Entfremdung zwischen gesellschaftlichen Milieus, die der Roman verhandelt. Als Außenstehende werden die Leser:innen für kurze Zeit in das Familienleben eingelassen – sie dürfen zugucken, aber nicht nachempfinden oder abschließend verstehen.
Literarisches Potenzial nicht voll ausgekostet
So bleibt bis zum Ende auch uneindeutig, ob Lühmann möglicherweise ein Plädoyer für das traditionelle Hausfrauendasein und eine Rückkehr zur Kindererziehung ohne staatliche Unterstützung schreibt. Für Jana stellt das Leben als Tradwife mit einem starken und führenden Ehemann nach kurzer Zeit das zentrale Ziel dar, nach dem sie ihr neues Leben ausrichtet: »Sie spürte, dass sie bereit war, mit Karo zu gehen, egal wohin es sie zog.« Doch warum genau das so ist, inwiefern dieses Leben sie erfüllen würde, welche Schwierigkeiten hinter Karolins perfekter Fassade lauern und welche neurechten Mythen mit der Glorifizierung des häuslichen, naturnahen und weiblich zentrierten Familienlebens mitschwingen, wird im Roman nicht explizit behandelt.

Heimat
hanserblau 2025
176 Seiten, 22€
Auf der einen Seite die Überforderung einer quasi alleinerziehenden Mutter, die nach Stabilität und Sicherheit sucht, auf der anderen Seite der gesellschaftliche Rechtsruck – der Roman entwickelt seine Geschichte anhand zeitgenössischer Bruchlinien: rechte Propaganda in den sozialen Medien, der notwendige Zusammenhalt unter Frauen, die anhaltende Faszination traditioneller Rollenbilder und ein unterschwelliger Antifeminismus, der all dies verbindet. Die Stärke des Romans liegt in der erzählerischen Verdichtung, die ihn mit Spannung und Tempo zu einem Pageturner macht, den man an einem freien Abend inhaliert. Zugleich zeigt sich darin auch seine Schwäche, denn die Kürze des Textes lässt viele der aufgeworfenen Themen nur an der Oberfläche anklingen. Eine Vertiefung der Widersprüche und Ambivalenzen in Karolins bzw. Janas Leben bleibt aus, wobei die aufgezählten Themen das Potenzial hätten, die Mechanismen einer verunsicherten Gesellschaft stärker auszuleuchten.
Der Roman zeigt besonders eindrücklich, wie schnell weibliche Solidarität in ideologische Gemeinschaft kippen kann – dort, wo Fürsorge und Heimatgefühl zu Werkzeugen einer klar abgegrenzten Weltanschauung werden. In Erinnerung bleibt Heimat vor allem durch seine Anregungen zu weiteren Diskussionen: über die Rolle von Gemeinschaft, Mutterschaft und moralischer Verantwortung in einer Zeit, in der Ideologie oft wie Fürsorge klingt.

