Wann geht die Welt unter?

Der Gedankenstrom einer Bibliothekarin in New York ist entgegen den Erwartungen nicht antiquiert und langatmig, sondern aktuell, kurzweilig und ausgesprochen lustig. Jenny Offill schafft mit Wetter ein Testament der Zeit, das sein Fundament tief im menschlichen Kern der Dinge ansetzt.

Von Anna Dahlke

Bild: Via Pixabay, CC0

Lizzie Benson ist eine Frau, die sich Gedanken macht. Über ihre Mitmenschen, über die Welt, über all das, worauf es keine eindeutigen Antworten gibt. So ist es kein Wunder, dass ihre Freundin Sylvia sie um Hilfe bei ihrem Endzeit-Podcast bittet. Lizzie soll die eingesandten Fragen der Zuhörer:innen beantworten, die thematisch von Weltuntergangssorgen bis zu ethischen Gedankenspielen reichen. Gelegen kommt ihr dabei, dass sie hauptberuflich als Bibliothekarin arbeitet und in ihrer Freizeit begnadete Hobby-Seelenklempnerin ist.

In tagebuchähnlichen Aufzeichnungen führt Jenny Offill in Wetter durch die alltäglichen Eindrücke in Lizzies Leben. Sie erzählt von den privaten Momenten mit ihrem Sohn Eli und Ehemann Ben im New York der Gegenwart sowie den schrägen Persönlichkeiten, denen sie in der Bibliothek begegnet. Aber auch ihre Überlegungen zum Klimawandel, zur anstehenden Präsidentschaftswahl im Jahre 2020 und der Vergänglichkeit des Lebens fordern ihre Aufmerksamkeit. Die Protagonistin beobachtet die Welt mit wachen Augen, bemüht sich, zu verstehen, statt zu urteilen und hinterfragt permanent ihr eigenes Verhalten. Viel ergiebiger sind dabei die aufgeworfenen Fragen als die Antwortversuche.

Apokalypse und Alltag

In schlichten Sätzen und kurzen Abschnitten tröpfelt Lizzies Gedankenstrom über die Seiten. Getragen wird der Roman von einem subtilen Humor, dessen Pointen immer ins Schwarze treffen. Zwischendrin streut sie humorvolle Anekdoten, philosophische Erkenntnisse und denkwürdige Lebensweisheiten ein. Diese freien Assoziationen erschweren es mitunter, den Handlungssträngen reibungslos zu folgen. Allerdings haben die vielen Referenzen und Andeutungen einen anderen Vorteil: Sie öffnen den Text für universale Thematiken, selbst wenn sie nicht ausbuchstabiert werden. Die Übersetzung von Melanie Walz bringt diesen dezenten Stil mühelos und authentisch ins Deutsche:

Die Vorteile von Neuseeland sind, dass es ein schönes Land ist, politisch stabil und von angenehmem Klima. Die Nachteile sind, dass die Regierung einem vorschreibt, wie man sein Kind nennen darf. Sexy Früchtchen und Fetter Knabe sind verboten. Gewalt und Bus Linie 16 sind erlaubt. Ich werde das Baby Fetten Sexy Bus nennen, sagt er mir.

Nahtlos verbindet Offill die flüchtigen Momente des Alltags mit den großen Sorgen der heutigen Zeit. So folgt auf eine unscheinbare Szene, in der Lizzies Sohn seine Filzstifte testet, urplötzlich die Angst davor, dass »in New York City um 2047 dramatische, lebensverändernde Temperaturen herrschen« werden. Sie bewältigt den Balanceakt, mit dem jeder aufmerksame Mensch des 21. Jahrhunderts konfrontiert ist: die erdrückenden Probleme einer globalisierten Welt mit der Banalität des eigenen Alltags unter einen Hut zu bringen.

Trotz Helfersyndrom keine Mutter Teresa

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Jenny Offill
Wetter

Übers. von Melanie Walz
Piper: München 2021
224 Seiten, 20,00€

In all dem Weltuntergangswahn besticht besonders der persönliche Zugang. Offill verleiht der abstrakten Materie eine durch und durch menschliche Perspektive. Lizzies Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Mitmenschen erdet so den Roman. Sie verfügt über einen ungebrochenen Glauben an das Gute im Menschen und daran, dass die Dinge besser werden können. Oder jedenfalls daran, dass man mit ihnen zurechtkommen kann. Sie gibt ihr Bestes bei der Erziehung ihres Sohnes, aber hat auch Schuldgefühle, als sie sich auf dem Weg zur Schule abhetzen müssen. Sie fürchtet, die wichtigen Momente zu verpassen. Wann wird einem die Vergänglichkeit wohl bewusster als bei der Sorge um ein Kind?

Außerdem steht sie ihrem Bruder Henry zur Seite, als dieser Vater wird und droht, drogenrückfällig zu werden. Es dauert nicht lange, bis Lizzies Helfersyndrom sich negativ auf ihre eigene Ehe auswirkt. Denn ihre eigenen Bedürfnisse finden in ihrem Leben nur wenig Platz.

Auch wenn Lizzie durchgehend recherchiert, ist sie kein gottesähnliches Universalgenie, das für alles eine Lösung parat hat. Sie darf sich auch mal überfordert fühlen, selbst wenn sie als »verdammte Bibliothekarin« scheinbar alles weiß. Um einen kühlen Kopf zu bewahren, versucht Lizzie es mit Meditation:          

Wenn ich einatme, weiß ich, dass ich eines Tages alles und jeden, was ich liebe, loslassen muss… Ach, komm schon, Mann. Alles und jeden, was ich liebe? Gibt es vielleicht ein Mantra für Anfänger?

Durch die vielfältige Abwechslung persönlicher Erfahrungen mit komplexen Problemen entwickelt sich ein thematisches Sammelsurium, das tiefgründig und dennoch nahbar ist. Lizzie kommt nicht neunmalklug daher, wartet mit keinen Appellen auf. Politik, Klimawandel, Religion – diese Themen existieren in ihrem Kosmos, doch der Fokus liegt immer auf dem menschlichen Kern. Die teils selbstironische, teils selbstreflektierte Ausdrucksart der Protagonistin ist für dieses Vorhaben tonangebend.

Das Podcast-Publikum bittet die Bibliothekarin zwar um Rat, dennoch drängt sie sich ihnen nicht auf. Wie eine gute Pädagogin es tun würde, macht sie Lösungsvorschläge. Die Umsetzung überlässt sie allen selbst. Die weltbewegenden Momente werden nicht über die beiläufigen gestellt. Denn alles trägt in irgendeiner Weise Bedeutung, solange sich jemand Gedanken darüber macht.

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