Wenn nur ein Leberfleck vom Erzeuger bleibt

In seinem Debütroman Vatermal erzählt Necati Öziri aus mehreren Perspektiven eine Familiengeschichte, die vom Verschwinden des Vaters dominiert wird. Was bleibt, wenn ein Elternteil über Nacht wortlos die Familie verlässt?

Von Lisa Neumann

Bild: via Pixabay, CC0

Arda ist krank, schwer krank. Sein eigenes Immunsystem greift fälschlicherweise seinen Körper an, Autoimmunerkrankung genannt. Die Ärzte probieren verschiedene Therapien, keine hat bisher angeschlagen. Arda bleibt vielleicht nicht mehr viel Zeit, also beginnt er zu schreiben. An seinen Vater Metin, den er nicht kennt, dessen Verschwinden jedoch sein Leben prägte. Briefe an den Vater gibt es viele, in der deutschsprachigen Literatur ist vor allem Kafka dafür bekannt. Öziri gelingt es mit seinem Roman, diese Form keineswegs veraltet erscheinen zu lassen, sondern sie mit neuem Zeitgeist zu beleben.

Ein Leberfleck als Gemeinsamkeit

Arda hat von seinem Vater keine Erinnerung, nur einen Leberfleck im Gesicht, den Metin auch besaß. »Vatermal« nennt der Ich-Erzähler diese Stelle. Der Roman beginnt mit der direkten Ansprache Metins:

»Papa? Vater? Baba? Das Wort auszusprechen, ist gar nicht so schwer, nur danach geht es nicht weiter. Merkwürdiger noch, als »Papa« zu sagen, ist, es mich sagen zu hören. Es klingt wie ein Fremdwort, das ich irgendwo aufgeschnappt oder nachgelesen habe. […] Wie sagt man »Papa«, ohne dass ein Fragezeichen zu hören ist? Bis ich eine Antwort habe, bleibe ich bei Metin. Also: Wenn du das hier liest, Metin, werde ich wahrscheinlich tot sein.«


         
Metin soll mit diesem Brief daran erinnert werden, wen er zurückließ, wie es seiner Familie in Deutschland nach seinem Verschwinden erging. Stellenweise erinnern Ardas Schilderungen, die Art, wie der Roman konstruiert ist, dabei an Fatma Aydemirs Werk Dschinns (Hanser Verlag 2022). Hier wie dort geht es um die Frage, wie Kinder aus Einwandererfamilien ihre Wurzeln finden können: Wie ankommen in einer Gesellschaft, die einen immer auch als fremd, als nicht zugehörig betrachtet?

Jugend am Busbahnhof

Arda und seine Freunde verbringen einen großen Teil ihrer Zeit am lokalen Busbahnhof, schweigend, kiffend und redend. Ihre Dialoge gehören zu den stärksten Stellen des Romans. Die Jungs sprechen oft nur über das Oberflächliche, vieles bleibt ungesagt und doch wird offensichtlich, dass sie dieselben Erfahrungen teilen, das Warten bei Behörden, die Furcht vor Abschiebung, als Zielgruppe für Polizeikontrollen zu gelten. So werden die Jungs einmal verdächtigt, einen Laden überfallen zu haben und der dortigen Kellnerin vorgeführt, die nur anhand von Ardas Stimme erkennt, dass er keiner der Täter war, denen er ja ähnlich sehe.

»Die hatten alle so andere Gesichter. Bis auf den da vielleicht.« Sie nickt in meine Richtung. »Das kann nicht Ihr Ernst sein?«, platzt es aus mir heraus. Einen Moment lang schaut sie mich an. »Ah«, sagt sie. »Der hatte ’ne ganz andere Stimme. Viel höher.«

Im Folgenden soll Arda zum Stimmenvergleich »Rück die Kohle raus«, sagen:

»Rück die verdammte Kohle raus!«, schreie ich mit der tiefsten Stimme, die ich habe, und dabei sehe ich, wie meine Spucke auf ihrem Gesicht landet. Alle schauen sie an. »Nee, so klang der wirklich nicht.« Glück gehabt, sagt der Blick des Bullen, bevor er uns gehen lässt.«

Hier wird die Verdächtigung von nicht westeuropäisch weiß aussehenden Männern ad absurdum geführt, doch die Bedrohung ist für Arda und seine Freunde real: ein Eintrag im Führungszeugnis und der Weg zum zukünftigen Asyl – Arda selbst besitzt noch keinen deutschen Pass, Bojan hat viele unterschiedliche Pässe, aber keinen deutschen – kann verbaut sein.

Aufgezogen von Mutter und Schwester

Nach dem Verschwinden von Metin wird Arda von Mutter und Schwester aufgezogen, doch seine Mutter Ümran trinkt immer mehr Alkohol und ist zu sehr mit anderen Männern beschäftigt, sodass Aylin – Ardas Schwester – schließlich selbst zum Jugendamt geht, um eine neue Familie zu bekommen. Nun sitzen beide Frauen abwechselnd an seinem Krankenbett, darauf bedacht, einander nicht zu begegnen. Der Roman erzählt auch Aylins und Ümrans Lebensgeschichten, zeigt, wie Aylin zwischen einem kaputten Zuhause und erlebter Diskriminierung – sei es ein abfälliger Kommentar über ihre Armbehaarung oder die Aussage ihrer Pflegemutter, dass man keine Notunterkunft sei, als eine Freundin bei Aylin übernachtet – ihren Weg finden muss. Während Ümran ihrer eigentlichen Liebe, einem verwaisten, ärmeren Jungen aus ihrem Heimatdorf in der Türkei aus Standesgründen nie gänzlich nah sein konnte, lebt Ardas Schwester seit Jahren mit einer Frau zusammen, einer Polizistin namens Johanna.

Mehr als Protestliteratur

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Necati Öziri
Vatermal

Claassen: Berlin 2023
304 Seiten, 25,00 €

Der Roman ist dabei mehr als reine Protestliteratur, denn er zeigt eindeutig Diskriminierung auf, ohne die Welt dabei in Gut und Böse einzuteilen: Die Polizisten diskriminieren Arda und seine Freunde, doch Ardas Schwester lebt später mit einer Polizistin zusammen. Der Beamte in der Ausländerbehörde besitzt selbst einen polnischen Migrationshintergrund und die Jugend aus der Flüchtlingsunterkunft um die Ecke versucht den kleinen Arda auf dem Schulweg abzupassen, um an sein Geld zu gelangen.

Vatermal erfasst damit gesellschaftliche Phänomene, ohne Vorurteile in Stein zu meißeln: Es ist keine Frage der Herkunft, ob ein Mensch Gewalt gegen seine Familienangehörigen ausübt oder sich fürsorglich für seine Familie einsetzt. Es ist keine Frage des Polizist:innen-Seins, ob ein:e Polizist:in diskriminierend handelt oder nicht. Damit leistet der Roman einen wichtigen Beitrag zu politischen Diskursen rund um Migration und gegen Urteile, die auf Fremdenfeindlichkeit und Rassismus beruhen.

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