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Reihe: Kritische Fachgeschichten
Alles hygge?

Warum schmieren extrem Rechte Runen an Wände und was hat das mit Wissenschaft zu tun? Ein Aufruf, sich kritisch mit der Geschichte der Skandinavistik in Göttingen auseinanderzusetzen, die nicht nur für Studierende des Faches relevant ist.

Von Anne Feindt und Inga Wenski

Bereits zum zweiten Mal im Jahr 2019 schmierten extrem rechte Akteur*innen Ende Oktober am Campus der Uni Göttingen Hakenkreuze, ›SS-Runen‹ sowie die sogenannte Lebensrune. Es blieb nicht nur bei Farbe an der Wand, sondern die Aktionen gehen Hand in Hand mit Brandanschlägen auf ein linkes Wohnprojekt, durchtrennten Bremsschläuchen an Fahrrädern und Farbbeutelwürfen auf das Büro des Fachschaftsrates der Sozialwissenschaftlichen Fakultät sowie das Übermalen eines trans*-solidarischen Schriftzuges. Hakenkreuze und ›SS-Runen‹ sind offensichtlich Zeichen für eine extrem rechte Täter*innenschaft, unbekannter ist hingegen der Gebrauch der Lebensrune in solchen Kreisen. In diesem Artikel geht es um die Faszination, die Runen auf die extreme Rechte ausüben und welches Germanenbild dahintersteht. Der Fokus liegt dabei auf den noch heute im Skandinavischen Seminar durch Fotos präsenten Wissenschaftlern der Nordischen Philologie und Skandinavistik: namentlich Gustav Neckel, Wolfgang Krause und Wolfgang Lange. Dabei wird auch nach der Verantwortung der Wissenschaft gefragt.

Sprachwissenschaft als nationale Wissenschaft

Die Ideologie der Rechten begründete sich im klassischen Nationalismus früherer Zeiten unter anderem auf einer starken Identifikation mit Nationalität und es scheint für die Bildung einer Nationalidentität relevant

Reihe

Kritische Fachgeschichten


Die Reihe ermöglicht Autor*innen wie Leser*innen eine kritische Auseinandersetzung mit Teilen der Fachgeschichte von Germanistik, Skandinavistik und Anglistik (alle drei angesiedelt am Jacob-Grimm-Haus/siehe Titelbild) in Göttingen. Was haben Koryphäen des Fachs im NS getrieben? Was schrieben die Grimms außer Märchen? Zu diesen und weiteren Themen informiert ihr euch hier.

 
 
zu sein, in die eigene Geschichte zu blicken. Sprachforscher*innen haben dabei die Entwicklung der Sprachen im Fokus. So ist das heute geschriebene und gesprochene Deutsch auf germanische Sprachen zurückzuführen und damit verwandt mit einem hypothetischen, das heißt sprachwissenschaftlich rekonstruierten Urgermanisch, aus welchem auch die noch heute gesprochen Sprachen in Skandinavien entstanden. Daher ist das heutige Deutsch auch verwandt mit unter anderem Norwegisch und Isländisch. Wenn man davon ausgeht, dass es eine ›Ursprache‹ wie Urgermanisch gegeben habe, so müsste es in den Augen mancher Anhänger*innen einer Germanischen Altertumskunde im 19. und frühen 20. Jahrhundert auch ein ursprüngliches ›Volk‹ gegeben haben, das diese Sprache gesprochen haben soll. Das erklärt vielleicht das Interesse deutschtümelnder Wissenschaftler*innen an (Indo-)Germanen als ›Urvolk‹ und damit als der ›eigenen Vorfahren‹. Hinzu kommt die verstärkte Ideologisierung des ›Nordischen‹ im ausgehenden 19. Jahrhundert als rau, ursprünglich und frei. Es entsteht der Mythos eines starken, blonden, an toxischer Männlichkeit kaum zu überbietenden Germanen1 als Ideal, geprägt und verbreitet durch Populärkultur wie Filme und Bücher, aber auch die Wissenschaft in Reiseberichten oder Beschreibungen.

Runen

Ein Zeugnis alter Sprachen in Skandinavien sind Runensteine, auf denen unter anderem Texte wie zum Beispiel Sprüche oder Gedenkinschriften eingeritzt wurden. Heute ist bekannt, dass Runensteine nicht als kulturell abgeschlossen gelten konnten und sie auch nicht ohne äußere Einflüsse waren. Es wurden Steine gefunden, die neben Runen auch lateinische Buchstaben enthalten und Latein als Sprache wurde auch in Runenschrift geritzt.2 Gleichzeitig scheinen sie der Wortherkunft nach (urgermanisch *rūnō mit Grundbedeutung ›Geheimnis‹) etwas Rätselhaftes, Magisches an sich zu haben und sind Quelle eines eigenen Forschungsschwerpunktes, der mithilfe der Runen als schriftliche Überlieferung die Geschichte Nordeuropas rekonstruieren will.

Geschichte der Runenforschung. Eine politische Wissenschaft?

Historisch gesehen beschäftigen sich schon im 16. Jahrhundert Wissenschaftler*innen mit dem Ursprung der Runen. Mit den ersten Universitäten in Schweden im 15. Jahrhundert wird das Interesse an Runen zu einer akademischen Angelegenheit. Die wissenschaftliche Erforschung von Runen beginnt Mitte des 17. Jahrhunderts in Dänemark mit Ole Worm.3 Schon damals ist die Erforschung von Runen politisch: Worm versucht den Ursprung der Runen in Dänemark zu beweisen, während Olof Rudbeck die Herkunft der Runen, wie auch der Menschen allgemein, in Schweden sieht.4 In Deutschland ist Jacob Grimm der Erste, welcher sich wissenschaftlich mit Runen auseinandersetzt. In seinem Buch Ueber deutsche Runen von 1821 versucht er, Runen als ›Deutsch‹ zu erklären.5 Außerdem vertritt Grimm neben anderen Forschenden eine im 19. Jahrhundert populäre Position: Da die Quellenlage zu deutschsprachiger Literatur sehr dürftig ausfällt, müsse man die altnordischen Quellen als gesamtgermanisches Substrat verstehen, das unbeeinflusst von der ›Entgermanisierung‹ durch Christentum und römische Kultur sei. Über »das Nordische« könne man also Einblicke in eine »rein deutsche« Vergangenheit bekommen.6

Es zeigt sich deutlich, dass die Erforschung von Runen aus einer politischen Motivation heraus geschah. Ein patriotisches Interesse zusammen mit einem gestiegenen politischen Selbstverständnis begründet die »Wiedererweckung der Runen«, und Forschende in Nordeuropa wollen den Ursprung der Runen im eigenen Land ausfindig machen.7

Runen im Nationalsozialismus

Mit Erstarken der NS-Ideologie wird es systemkonformen Wissenschaftler*innen ein Bedürfnis, der ›arischen Rasse‹ eine glorreiche Vergangenheit anzudichten. Sprachwissenschaften, Archäologie und Geschichtswissenschaften erfahren große Beliebtheit und Anerkennung der Nazis. So geraten auch Runen verstärkt in den Fokus und werden immer mehr als ›Erbe der eigenen Vorfahren‹ verstanden. Wissenschaftler*innen sehen es als ihre Aufgabe, das Spezialwissen über Runen, welche als Schriftzeichen der ›Germanen‹ gesehen werden, allgemeinverständlich aufzubereiten. So wird die wissenschaftliche Forschung popularisiert:

Der lawinenartige Zuwachs der runologischen Literatur nach 1933 machte die Runenkunde zum populärsten Gebiet der älteren Germanistik. […] Lesung und Deutung der Inschriften im älteren Futhark waren oft unsicher und blieben der Auffassung des jeweiligen Runenforschers überlassen. […] Über Alter, Herkunft, Bedeutung, Verwendung und Reihenfolge der Runen konnten nur unbefriedigende Feststellungen getroffen werden. […] Die spezifische Situation des Fachs erscheint wissenschaftlich reizvoll; sie erregt freilich auch die vorschnelle Spekulation.8

Auch auf institutioneller Ebene wird das Interesse an archäologischer, anthropologischer und geschichtlicher Forschung ersichtlich. Bereits 1935 gründet Heinrich Himmler zusammen mit Herman Wirth die sogenannte Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e.V., um die NS-Ideologie wissenschaftlich zu fundieren und damit die begangenen Verbrechen zu legitimieren. Die Forschungsmethoden der Mitglieder des Ahnenerbes lassen allerdings an der Wissenschaftlichkeit Zweifel aufkommen. So formuliert Otto Höfler, der Mitglied des Ahnenerbes war, als einziges Ziel der »Germanenforschung« das Finden einer »Kontinuität des Germanischen«. Zusammen mit seiner Benennung der Forschung als »Volkskunde des Politischen« wird deutlich, dass er die Wissenschaft nie als ergebnisoffen versteht, sondern ideologisch und gefühlsgeleitet arbeitet.9

Alles keine Absicht?

Es wirkt nun so, als hätten die Forscher*innen vor 90 Jahren ein grundlegend anderes Wissenschaftsverständnis gehabt und mit so sehr anderen Methoden als heute gearbeitet, dass sie zwangsläufig auf andere Ergebnisse kommen mussten, die dem heutigen Forschungsstand widersprechen. Dabei muss beachtet werden, dass seit der Aufklärung (18. Jahrhundert!) ein Maßstab für wissenschaftliches Arbeiten gesetzt war, den Forschende im NS nicht einhielten. Nachweisbar hat beispielsweise Otto Höfler sehr bewusst nur diejenigen Quellen herangezogen, die seine These unterstützen. Das Vetorecht der Quellen wurde nicht berücksichtigt und es war den Forschenden bewusst, dass sie manipulativ und teilweise ohne Belege arbeiteten. Demzufolge war die Beschäftigung mit Runen geprägt von völkisch-esoterischer Interpretation. Auch wenn viele der damals aufgestellten Theorien inzwischen fachlich als strittig beurteilt werden, gibt es dennoch Akteure, die auch nach 1945 an den Universitäten lehren und forschen konnten.

Wolfgang Krause und die ›Germanen‹

Ein Beispiel für einen Forscher, der nach 1945 keine Konsequenzen zu spüren bekommt, ist Wolfgang Krause. Krause ist seit den 1920er Jahren ein anerkannter Runologe, welchen 1938 die Bitte erreicht, eine Rune als Symbol für die Eliteschule Hitlers zu entwickeln, welcher er auch nachkommt.10 Krause ist zu dieser Zeit gerade zum Leiter der ›Indogermanischen Sprachwissenschaft und Runenkunde‹ als Teil der Germanistik in Göttingen berufen worden.11 Auch wenn Krauses Forschung nicht – wie etwa die Höflers – auf völkische Gegenstände zielt, so wirkt er als Wissenschaftler dennoch in Göttingen direkt am Missbrauch der Runen durch die NS-Ideologie mit.

Gustav Neckel und die »Kultur der alten Germanen«

Bereits Krauses Vorgänger in Göttingen, Gustav Neckel, beschäftigt sich mit der »Kultur der alten Germanen«,12 wie der Titel seines 1934 erschienen Buches lautet.


Die ehemaligen Göttinger Direktoren des heutigen Skandinavischen Seminars, zu sehen im Flur der Skandinavistik, links Gustav Neckel, gefolgt von Wolfgang Krause und Wolfgang Lange, ©Inga Wenski

Neckel ist vom Wintersemester 1935/36 bis 1937 Professor für Nordische Philologie in Göttingen und hat dabei seine Forschungsschwerpunkte in Nordischer Philologie und Germanischer Altertumskunde. Er ist zu dem Zeitpunkt, an dem er nach Göttingen kommt, bereits seit 1932 Mitglied im NS-Beamtenbund.13 Seine Schrift Kultur der alten Germanen dürfte dabei seine Gedanken anschaulich abbilden, da er zur damaligen Zeit bereits berufener Professor in Berlin war und damit eine sichere Position und eine gewisse Autorität erlangt hat. Die Schrift soll und muss also nicht einer Karriere Vorschub leisten. Er liefert darin einen Gesamtüberblick über die verschiedenen Bereiche, die er der germanischen Kultur zuordnet: unter anderem Bevölkerung, Wirtschaft, Familie und Gesellschaft.

Gustav Neckels Wissenschaftsverständnis

Da in der Zeit, in der er den Text verfasst, das Bild des Germanentums politisch instrumentalisiert ist,14 distanziert er sich zu Beginn des Textes aus nicht genannten Gründen sowohl von dem im Ersten Weltkrieg von verschiedenen Seiten kommenden Germanenhass als auch der patriotischen Germanenverherrlichung. Da er die germanische Kultur unvoreingenommen zu beschreiben intendiert, vergleicht er laut eigenen Angaben alle verfügbaren Quellen – und nicht nur die römischen, die seiner Meinung nach die Germanen einseitig als Barbaren darstellen würden. In der folgenden Untersuchung der germanischen Kultur schließt er sich jedoch weitgehend den Thesen des Römers Tacitus an. Dieser bereiste nie die entsprechenden Regionen Europas und verließ sich vollständig auf Informationen Dritter.15 Daraus ergibt sich eine römisch motivierte Perspektive auf die Germanen, die zwar ein Bild der Germanen wiedergibt, jedoch nicht als Beleg für die Existenz einer ethnischen Gruppe der ›Germanen‹ gelten kann.

Warum Neckel sich welchen Thesen anschließt, begründet er selten und wenn doch, dann meist mit eigenen subjektiven Beobachtungen, wie beispielsweise zur regionalen Häufigkeit verschiedener Phänotypen. Nach seinem Verständnis ist Wissenschaft nie komplett objektiv, weshalb es für ihn auch kein Problem darstellt, die aus seiner Sicht objektiven und allgemeinen Werte der »Keuschheit «und »Treue« bei den Germanen auch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu loben. Zudem steht Neckel anderen wissenschaftlichen Disziplinen als der eigenen durchaus kritisch gegenüber. Während ihn die Knochen- und Schädelkunde mit ihren Messungen und ihrer eindeutigen Rassenzuordnung der jeweiligen Knochen überzeugen kann, schenkt er den Ergebnissen der Archäologie keinen Glauben, da Kulturfunde überall zu finden sein könnten und damit keinen eindeutigen Rückschluss auf eine Rassenzugehörigkeit möglich sei.

Die ›Ursprünglichkeit‹ der Germanen

Neckels inhaltliche Untersuchung der Germanen stützt sich vor allem auf die Annahme, dass die ungetauften Germanen das »Ursprüngliche« verkörpern, wobei die Betonung auf dem vorchristlichen Aspekt liegt, ohne den es diese ›Ursprünglichkeit‹ nicht gäbe. Die ›Ursprünglichkeit‹ wird seiner Meinung nach noch dadurch verstärkt, dass die Germanen die »Ureinwohner« des Nordens seien – eine These, von der er sehr überzeugt ist und deren Widerlegung er für unwahrscheinlich hält. Damit seien die Germanen die indogermanische Gruppe, die durch den langen Verbleib in der ›Heimat‹ am ursprünglichsten sei und daher einen Beispielwert für die Untersuchung der Kultur hätte.

Aussehen und vorrömischer Charakter

In dieser Untersuchung wendet er sich jedoch zunächst dem Aussehen der Germanen zu. Aus den ihm vorliegenden Quellen schlussfolgert er: Es sähen – trotz einiger Abweichungen, wie er zugibt – alle Germanen gleich aus: Sie hätten dunkelblaue und trotzige Augen, rot-blondes Haar und seien groß. Die Aussage ist in dieser Deutlichkeit zu bezweifeln. Anschließend wendet er sich der Wirtschaft zu, die aus Ackerbau, Weide- und Waldbetrieb, Viehzucht, Jagd, Handel und Beutewesen bestanden habe. Handwerkliche und künstlerische Tätigkeiten seien dagegen nur für den Eigenbedarf betrieben worden. Dabei ist es Neckel wichtig zu betonen, dass die Germanen bereits vor dem Kontakt mit dem Römischen Reich die Nutzung von Pflug und Furche im Kontext des Ackerbaus gekannt hätten. Neben dem Beutewesen hätten die Germanen auch friedlichen Handel betrieben, und auch dabei hebt er hervor, dass es diesen bereits vor dem Kontakt mit dem römischen Reich gegeben habe. Mit der Betonung des vorrömischen Charakters bestimmter ›Errungenschaften‹ der Germanen, stellt er hier heraus, dass weder technische Erfindungen noch der friedliche Umgang miteinander von den Römern erlernt werden musste, sondern bereits vorhanden gewesen sei.

»Germanische Sittlichkeit«

Ein weiteres wichtiges Thema für Neckel ist die »germanische Sittlichkeit«, nach der der gesamte Lebensstil dem Begriff der Ehre untergeordnet wird, der mit Selbstbeherrschung, Tapferkeit, sexueller Beherrschung und eingegrenzter Gewalt verbunden wird. Um Tapferkeit zu beweisen, sei daher die kriegerische Arbeit angesehener als die friedliche, und zur Wiederherstellung der Ehre seien Beutezüge und Plünderungen mit nicht mehr ausgeübter Gewalt das Mittel der Wahl. Durch die »germanische Sittlichkeit« seien außerdem germanische Dichtungshelden frei von sexuellen Makeln. Denn die Norm für Sexuelles und das Liebesleben sei bei den Germanen die Ehe, wobei die monogame Ehe bis in die »unüberschaubare« Vorzeit zurückreiche. Dieser »nordischen Keuschheit« und »germanischen Sittlichkeit« stellt Neckel dann die »südliche Sittenlosigkeit« und »Erotik der Neger« gegenüber. Denn in den Überlieferungen »des Südens«16 seien ein »Herd der Indecenz und Pornographie«; in germanischen Quellen seien Übergriffe gegen Frauen, Männerliebe und Sodomie dagegen nur in Ausnahmefällen zu finden. Dass es sich dabei wirklich um Ausnahmen handelt, sieht er durch den vermeintlichen Wahrheitsgehalt der Sagaschilderungen belegt: »Die Lebensbilder der Sagas sind so reich und tragen so unverkennbar den Stempel wesentlicher Wahrheit, daß das Verhältnis von Regel und Ausnahme, welches sie aufweisen und das die Regel so ausgesprochen triumphieren laßt, der Beurteilung der Wirklichkeit zugrunde gelegt werden darf.«17

Neckel versucht in seiner Darstellung der germanischen Kultur also vor allem immer eine deutliche Abgrenzung gegenüber einer oder mehreren ›südlicheren Kulturen‹, die als Negativbeispiel dienen. Außerdem ist ihm wichtig zu betonen, dass viele Errungenschaften, die Anfang des 20. Jahrhunderts einen hohen gesellschaftlichen Wert haben (Ehe, friedlicher Handel, technischer Fortschritt), bereits bei den Germanen nachweisbar gewesen und von ihnen unabhängig von äußeren (vor allem römischen) Einflüssen entwickelt worden seien. Mit dieser Schlussfolgerung sowie seiner positiven Bewertung der germanischen Normen stellt er sich ebenfalls in die Reihe derjenigen Forscher, die eine vermeintliche ›Kontinuität des Germanischen‹ sehen.

Wolfgang Lange, der wiederum ab 1963 Nachfolger von Wolfgang Krause ist, ist ebenfalls seit 1937 Mitglied in der NSDAP.18 Insgesamt hat er in seiner akademischen Laufbahn vergleichsweise wenig publiziert, weshalb die Einordnung seines wissenschaftlichen Standpunkts schwerer fällt. Klar ist jedoch, dass er sich mit seiner Forschung und deren Ergebnissen von dem bereits mehrmals genannten Gedanken der Kontinuität zwischen vorchristlichen ›Urgermanen‹ und Deutschen abwendet. Denn einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die christliche Skaldendichtung und die Bekehrungsgeschichte »des Nordens.« Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die Germanen und ihre schriftlichen Zeugnisse nicht komplett frei von christlichem Einfluss (»vorchristlich«) seien, sondern Einflüsse des Glaubens verarbeitet hätten. Er wendet sich damit gegen die Forschungsergebnisse seiner Lehrer, die – wie er selbst anmerkt – christlichen Einfluss auf germanische Dichtung immer als eine Aufweichung und einen Zerfall der Dichtung verstanden hätten. Stattdessen merkt er an, dass die Skaldendichtung in alter Form, aber mit neuem Inhalt, auch nach der Bekehrung zum Christentum stattgefunden hätte.19 Für ihn sind die Germanen und ihre Überlieferungen nicht mehr als ›vorchristlich‹ zu verstehen, sondern er meint, gerade in ihren Überlieferungen wichtige Hinweise auf die Glaubensgeschichte zu finden:

Von keinem germanischen Volk besitzen wir aus den ersten Tagen seiner Bekehrung schon Dichtung über den neuen und aus dem neuen Glauben – außer von den Isländern.20

Mit den Fotos Gustav Neckels, Wolfgang Krauses und Wolfgang Langes im Flur des skandinavischen Seminars ist die personelle Geschichte sehr präsent. Genauso präsent sollte jedoch auch die wissenschaftliche Geschichte des Fachs sein. Denn nur mit dem entsprechenden Wissen ist die notwendige kritische Einordnung der Fachgeschichte, ihrer Forschungsthemen und der (un-)wissenschaftlichen Arbeitsweise21 möglich und kann den Fehlinterpretationen heutiger Neonazis entgegenstellt werden. Runen werden von Neonazis als extrem rechte Symbole semantisiert. Es liegt deshalb auch in der Verantwortung der Wissenschaft, auf den Missbrauch von Runen aufmerksam zu machen und diesen wissenschaftsgeschichtlich weiter als bisher aufzuarbeiten.

  1. Hier wird nur von Germanen gesprochen; German*innen anderen Geschlechts werden bewusst ausgeklammert, um den Fokus auf das Männlichkeitsideal zu legen.
  2. Vgl. Svärdström, Elisabeth: Runes and Runic Inscriptions. In: Medieval Scandinavia: an encyclopedia. Hg. von Pulsiano, Phillip et al. New York u.a. 1993, S.545ff.
  3. Vgl. Von See, Klaus: Barbar, Germane, Arier. Die Suche nach der Identität der Deutschen. Heidelberg 1994, S.71.
  4. Vgl. Düwel, Klaus: Runenkunde. Stuttgart u.a. 4. Aufl. 2008, S.219.
  5. Vgl. ebd., S.220.
  6. Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie. Erster Band. Unveränderter Nachdruck der 4. Ausgabe (1875). Darmstadt 1965, v. ff./S.1 ff.
  7. Vgl. Hunger, Ulrich: Die Runenkunde im Dritten Reich. Ein Beitrag zur Wissenschafts- und Ideologiegeschichte des Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1984, S.294.
  8. Ebd., S.331f. Das Futhark ist ein runisches Alphabet.
  9. Höfler, Otto: Das germanische Kontinuitätsproblem. In: Historische Zeitschrift, Sonderdruck aus Bd. 157, H. 1 München/Berlin 1937.
  10. Er schlägt eine Mischung (Binderune) aus Mann-Rune, Lauch-Rune und der Tyr-Rune vor, welche »Mann, Gedeihen, Sieg!« bedeuten soll. Es ist aus den Quellen nicht ersichtlich, ob der Vorschlag angenommen wurde.
  11. Vgl. Hunger: wie Anm. 7, S. 93f.
  12. Vgl. Neckel, Gustav: Kultur der alten Germanen. In: Kindermann, Dr. Heinz (Hrsg.): Handbuch der Kulturgeschichte. Potsdam 1934.
  13. Vgl. Zernack, Julia: Neckel, Gustav Karl Paul Christoph. In: König, Christoph. (Hrsg.): Internationales Germanistenlexikon: 1800 – 1950. Berlin u.a. 2003, S. 1311.
  14. Vgl. Zernack, Julia: Nordenschwärmerei und Germanenbegeisterung im Kaiserreich. In: Henningsen, Bernd u.a.: Wahlverwandtschaft. Skandinavien und Deutschland 1800 bis 1914. Berlin 1997, S. 71–78.
  15. Vgl. Wolters, Reinhard: Tacitus. In: Beck, Heinrich/Geuenich, Dieter/Steuer, Heiko (Hgg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Zweite, völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Bd. 30: Stil-Tissø. Berlin/New York 2005, S. 264f.
  16. Damit dürften vor allem römische Überlieferungen gemeint sein; Neckel definiert den Bereich, auf den er sich mit diesen Aussagen bezieht, jedoch nicht genauer.
  17. Neckel, Gustav: wie Anm. 12, S.27.
  18. Vgl. Düwel, Klaus: Lange, Wolfgang Friedrich-Karl. In: Internationales Germanistenlexikon. Bd. 2. Hg. von Christoph König. Berlin/New York 2003, S. 1053f.
  19. Vgl. Lange, Wolfgang: Christliche Skaldendichtung. Göttingen 1958, S. 5ff.
  20. Lange, Wolfgang: Studien zur christlichen Dichtung der Nordgermanen 1000-1200. Göttingen 1958, S. 13.
  21. Einen vertiefenden Einblick in die Thematik ›Wissenschaft im Nationalsozialismus‹ bietet eine Dokumentation von arte.


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 Veröffentlicht am 27. Dezember 2019
 Kategorie: Wissenschaft
 ©Anna-Lena Heckel
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