Das Klima der Zukunft

Dass der Klimawandel ein ernstzunehmendes Problem ist, ist seit mehreren Jahrzehnten bekannt. Doch wie ernst die Lage tatsächlich ist, hat der amerikanische Journalist David Wallace-Wells in seinem Sachbuch Die unbewohnbare Erde. Leben nach der Erderwärmung gezeigt.

Von Laura Henkel

Bild: Via Pexels, Pexels License

Wie wäre das Leben auf der Erde in hundert Jahren, wenn die globale Erwärmung weiter wie bisher voranschreitet? Wäre menschliches Leben überhaupt noch möglich? Diese und ähnliche Fragen erläutert der amerikanische Journalist David Wallace-Wells in seinem 2019 erschienen Sachbuch Die unbewohnbare Erde. Leben nach der Erderwärmung, das im englischen Original den Titel The Uninhabitable Earth. Life after Warming trägt.

Das Buch ist die Fortführung des gleichnamigen Artikels, den der Autor im Sommer 2017 für das New York Magazine schrieb. Ausgehend von dem Gedanken, dass weiterhin keine weitreichenden Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden, entwirft Wallace-Wells in seinem Artikel mögliche Szenarien für die Veränderung unserer Erde. Hungersnöte, Wirtschaftskrisen, Hitzetode, Luftverschmutzung, Süßwassermangel und sterbende Meere beschreibt der Journalist als längst nicht auszuschließende Probleme, die eines Tages vielleicht sogar den Normalzustand darstellen könnten. Seine Überlegungen gehen von folgender Frage aus: Was könnte passieren, wenn wir es nicht schaffen, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu beschränken?

Für den Artikel hat der Autor viel positive, aber auch negative Kritik geerntet. Auf der einen Seite stützte er sich in seinen Ausführungen auf wissenschaftliche Studien und beschrieb die möglichen Szenarien sehr anschaulich, auf der anderen Seite bot er jedoch keine Lösungsvorschläge für die Verhinderung der gravierenden Folgen des Klimawandels an. Daher warf man ihm vor, er verbreite mit dem Artikel eher Panik, als sachlich zu informieren. Wallace-Wells hat mit seinem Sachbuch Die unbewohnbare Erde auf die Kritik reagiert, indem er seinen Artikel stark ausgebaut und um Handlungsvorschläge ergänzt hat. Zudem geht er im Buch nicht nur auf mögliche Folgen des Klimawandels ein, sondern beschäftigt sich auch damit, wie verschiedene Akteure mit den vorhandenen Problemen umgehen.

Wallace-Wells ruft zum frühzeitigen Handeln auf

Wallace-Wells hat sein Sachbuch in zwei Hälften geteilt. Der erste Teil, der den Übertitel Elemente des Chaos trägt, beschreibt die genannten möglichen Folgen einer globalen Erwärmung von mehr als zwei Grad Celsius; der zweite Teil, das Klimakaleidoskop, liest sich eher essayistisch und geht auf den Umgang von Medien, Politik und Wirtschaft mit dem Klimawandel ein, an dem Wallace-Wells einiges zu kritisieren hat.

Die Haltung, die Wallace-Wells in seinen Erörterungen einnimmt, bleibt das gesamte Buch über unverändert und lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Wir müssen als Weltbevölkerung sofort handeln, wenn wir nicht wollen, dass die von ihm beschriebenen Szenarien eintreten. Diese Ansicht lässt sich bereits aus dem Satz herauslesen, mit dem der Autor sein Buch eröffnet:

Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie denken.

Diese Mahnung hat Wallace-Wells aus seinem Artikel im New York Magazine übernommen. Sie lässt zunächst vermuten, der Autor tendiere auch im Buch dazu, Panik zu verbreiten und die beschriebenen Szenarien möglichst dramatisch darzustellen, um seine Leserschaft zu alarmieren.

Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Der Autor setzt sich sachlich und klar verständlich mit verschiedensten Aspekten des Klimawandels auseinander. Seine entworfenen Szenarien und Beobachtungen basieren stets sowohl auf wissenschaftlichen Studien als auch auf seiner eigenen journalistischen Arbeit. Wallace-Wells hat nicht nur über Jahre gründlich wissenschaftliche Beiträge zur Thematik recherchiert, sondern auch selbst im New York Magazine schon viele Artikel zum Klimawandel geschrieben. Es gelingt dem Autor in Die unbewohnbare Erde, mögliche Folgen des Klimawandels prägnant herauszuarbeiten und Zusammenhänge zwischen einzelnen Phänomenen wie dem Schmelzen der Polarkappen und dem Anstieg des Meeresspiegels aufzuzeigen.

Die globale Bedrohung durch den Klimawandel ist real

Die klimabezogenen Probleme, die Wallace-Wells im ersten Teil des Buches beschreibt, sind umfassend und beunruhigend. So schreibt er, viele Menschen dächten beim Klimawandel in erster Linie an Aspekte wie den Anstieg des Meeresspiegels. Nach den wochenlangen Buschbränden im australischen Sommer letzten Jahres ist inzwischen wohl auch diese Auswirkung der globalen Erwärmung verstärkt in das öffentliche Bewusstsein getreten. Doch der Klimawandel ist ein globales Problem, das uns alle unmittelbarer betrifft, als es zunächst scheint – und die Bedrohung, die von ihm ausgeht, nennt Wallace-Wells größer als jene einer Atombombe. Denn bereits bei einem globalen Temperaturanstieg von drei bis vier Grad wäre nach Wallace-Wells die Versorgung unserer Bevölkerung nicht mehr sicher gewährleistet. Ein Anstieg um vier Grad könne Einbußen von Ernteerträgen um 50 Prozent bedeuten, bei einem Anstieg um fünf Grad wäre vielleicht auf manchen Erdteilen kein menschliches Leben mehr möglich.

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David Wallace-Wells
Die unbewohnbare Erde. Leben nach der Erderwärmung

Ludwig: München 2019
336 Seiten, 18,00€

Im zweiten Teil des Buches erläutert der Autor Probleme des politischen, wirtschaftlichen und medialen Umgangs mit dem Klimawandel. Die Politik richte sich zu sehr an den Interessen der Wirtschaft aus, so Wallace-Wells, und Unternehmen seien zu selten bereit, klimafreundlicher zu wirtschaften. Die Nachrichtenmedien hätten zudem viele Jahre in zu geringem Maß über den Klimawandel berichtet, und ihr Thema sei dabei meist nur der Anstieg des Meeresspiegels gewesen. In Filmen und Videospielen schließlich entwerfe man zwar gern apokalyptische Szenarien, doch die Thematisierung des real erlebbaren Klimawandels finde nicht statt. Einen Grund dafür vermutet der Autor darin, dass kollektives Handeln nötig sei, um den Klimawandel aufzuhalten, aber Produzenten von Filmen und Serien dies dramaturgisch nicht besonders interessant fänden. Die Geschichte eines einzelnen Helden oder einer kleinen Gruppe, die die Erde vor einer Bedrohung rettet, werde Wallace-Wells zufolge als deutlich spannender empfunden.

Wallace-Wells setzt sich umfassend mit den einzelnen Akteuren auseinander, die auf den Klimawandel Einfluss nehmen können. Während die Wissenschaft aus seiner Perspektive bereits beachtliche Arbeit geleistet habe, mangele es vor allem auf politischer Seite an gezielten, global koordinierten Gesetzeserlassen und an einem Durchsetzungswillen, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Wallace-Wells Argumente wirken überzeugend und finden teilweise sogar eine Bestätigung durch die Realität, so zum Beispiel die These des Autors, dass öffentlicher Druck von der Bevölkerung Auswirkungen auf die Politik haben kann, wie wir es bei den Reaktionen auf Fridays for Future sehen können.

Wie kann mit der ungewissen Zukunft des Klimas umgegangen werden?

Zum Ende seines Buches macht Wallace-Wells noch eine wichtige Beobachtung: Viele Menschen hätten große Probleme damit, die Bedrohung des Klimawandels zu erkennen, weil es mitunter so wirke, als schreite die globale Erwärmung langsam voran. Deshalb werde der akute Handlungsbedarf mitunter nicht wahrgenommen und davon ausgegangen, dass es ausreiche, wenn spätere Generationen sich der Probleme annähmen.

Andere Menschen, die sich mit den möglichen beängstigenden Folgen des Klimawandels auseinandersetzten, fühlten sich dem Autor zufolge hingegen schnell überfordert und gelähmt. Dies liege vor allem an der ungewissen Zukunft des Klimas – die Szenarien, die Wallace-Wells beschreibt, sind nur mögliche Prognosen, aber könnten sich auch ganz anders entwickeln. Dementsprechend könnten Menschen die globalen Probleme kaum einschätzen und wüssten nicht, welche Handlungen sinnvoll und notwendig seien. Nach Wallace-Wells können wir dieser allgemeinen Unsicherheit jedoch am besten entgegenwirken, indem wir überhaupt erstmal etwas gegen den Klimawandel unternehmen, denn

ein Großteil der Ungewissheit über den Klimawandel, der wir uns heute ausgesetzt sehen, basiert nicht auf einer kollektiven Unkenntnis der Natur, sondern auf unserer Blindheit in Bezug auf die Welt der Menschen, und diese Ungewissheit kann durch Taten ausgeräumt werden.

Es seien konkrete Handlungen notwendig, die sowohl von Politik und Wirtschaft als auch von der globalen Bevölkerung umgesetzt werden müssen. Denn die Beunruhigung darüber, dass wir derzeit nicht den Zustand der Erde in hundert Jahren voraussehen können, liege in erster Linie daran, dass heute zu wenig gegen den Klimawandel unternommen wird. Nur durch Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, kann den Menschen die Angst vor einer ungewissen Zukunft genommen werden.

Konkrete Schritte gegen den Klimawandel

Wallace-Wells nennt dafür auch einige bekannte Vorschläge. Der vollständige Ausstieg aus der Kohleindustrie, die Einführung einer CO2-Steuer, die Hinwendung zu einer veganen Ernährungsweise und die verstärkte Investition in grüne Energien hält er für sinnvolle Ansätze ‒ Ideen, die bereits bekannt und teilweise im Gespräch sind, aber bislang noch zu wenig Zuspruch finden. Einen Grund dafür sieht er darin, dass die Gefahr, die durch den Klimawandel ausgeht, noch immer nicht ernst genug genommen und teilweise sogar von politischen Machthabern geleugnet wird. Viele Länder hielten sich zudem nicht an Emissionsziele, wie er bemängelt. Für den Klimawandel sei zwar in den vergangenen Jahren ein größeres Bewusstsein geschaffen worden, doch werde noch nicht entsprechend gehandelt.

Allerdings geht Wallace-Wells selbst nicht über die Handlungsvorschläge hinaus, die in Öffentlichkeit und Politik diskutiert werden. Auch Vorschläge zur Kompromissfindung, etwa zwischen den Interessen der Industrie und der Umweltpolitik, bringt er nicht an. Zwar liegt der Fokus des Autors darauf, über gegenwärtige Missstände und mögliche Folgen des Klimawandels zu informieren. Doch konkrete Vorschläge zur Umsetzung wären wünschenswert gewesen, um im Buch über die bekannten Probleme hinaus zu erfahren, wie nun weiter vorgegangen werden könnte.

Eine informative und wichtige Lektüre zum Klimawandel

Wallace-Wells Buch folgt einem sinnvollen und nachvollziehbaren Aufbau, dem Lesende problemlos folgen können. Die verwendeten wissenschaftlichen Studien sind klug und geschickt in den Text eingebunden. Wallace-Wells gelingt es, die Aktualität des Themas einzufangen und zudem präzise aufzuzeigen, mit welchen Handlungen man die globale Erwärmung aufhalten könnte. Lediglich der Untertitel des Buches, Leben nach der Erderwärmung, wirkt etwas fehl am Platz, da er suggeriert, die Erwärmung habe ein festgesetztes Ende, obgleich diese immer weiter voranschreitet, solange keine Maßnahmen dagegen ergriffen werden.

Die unbewohnbare Erde eignet sich als Sachbuch besonders für Lesende, die einen wissenschaftlich fundierten Einstieg in Lektüre zum Klimawandel suchen. Die Kürze der einzelnen Kapitel führt Schritt für Schritt an einzelne Probleme heran und lässt Raum für eigene Reflektionen. Wallace-Wells Buch ist von einem flüssig lesbaren Stil, klarer Ausdrucksweise und einer Haltung geprägt, die jeden Einzelnen von uns zum Handeln animiert – und genau das ist es, was unsere Erde braucht, um bewohnbar zu bleiben.

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