»Ich bin ein Girl’s Girl«

In Nemesis’ Töchter enttarnt Tara-Louise Wittwer mit scharfem, ungetrübtem Blick misogyne Strukturen von der Antike bis zur Gegenwart. Das Werk bricht mit dem Mythos der »Stutenbissigkeit« und rückt stattdessen den aufrichtenden Gedanken einer generationsübergreifenden Verbundenheit zwischen Frauen ins Licht.

Von Marie Luise Böttcher und Sidney Lazerus

Bild: Pixabay, CC0

Die Autorin und Bloggerin Tara-Louise Wittwer widmet sich in ihrem neuen Sachbuch Nemesis’ Töchter einem Phänomen, das so alt wie schmerzvoll ist: der Misogynie – auch der unter Frauen. In einer zweistufigen Analyse zeigt sie, dass »weibliche Wut« (»female rage«) ein kraftvoller Impuls und ein starkes Fundament für Solidarität unter Frauen ist. Auf diese Weise schafft Wittwer einen leidenschaftlichen Appell dafür, die kollektive Wut als Kompass zu nutzen, um dem Teufelskreis der angeblich natürlichen Rivalität unter Frauen endlich zu entkommen.

Vergeltung statt Gerechtigkeit – Der Male Gaze und seine Opfer

Nachvollziehbar legt die Autorin die schon vor Jahrhunderten begonnene Umcodierung weiblicher Gerechtigkeitsinstanzen offen. Man denke an die titelgebende Göttin Nemesis, die für ausgleichende Gerechtigkeit einsteht, heute aber als Rachegöttin meist negativ konnotiert ist. Der Grund? Die Wut von Frauen und die Konsequenzen, die sie daraus zögen, würden seit jeher dämonisiert. Nemesis fungiert im Werk als Sinnbild für female rage, ein wichtiges Signal für Ungerechtigkeit und der gemeinsame Nenner der meisten Frauenbiografien.

Wittwer blickt in ihrem Buch auf eine lange Chronik der Stigmatisierung der Wut von Frauen durch den männlichen Blick zurück. Heute präsente, für wütende Frauen reservierte Schimpfwörter wie ›Furie‹ oder ›alte Hexe‹ seien Überbleibsel der Angst vor der Autonomie von Frauen. Historisch gesehen sei die Zuschreibung »Hexe« oft nur ein Synonym für eine Frau gewesen, die zu weise und reif war, um sich manipulieren zu lassen, sodass allein ihr Alter ihr Todesurteil bedeuten konnte. Auch die ›Furien‹ seien keine unkontrollierten Monster, sondern wie Nemesis engagierte Hüterinnen der Gerechtigkeit, wie die Autorin betont.

Somit lasse sich eine Tendenz nachverfolgen: Sobald Frauen nicht dem typischen, harmlosen Narrativ von Weiblichkeit – sanft, leise, gutmütig und verzeihend – entsprechen, werden sie Wittwer zufolge als irrational, gefährlich und unberechenbar gebrandmarkt, sowohl in der Mythologie als auch in der heutigen Gesellschaft.

Das »Kassandra-Syndrom«

Emotionalität von Frauen gelte immer schon als praktisches Argument, um ihnen die Glaubwürdigkeit abzusprechen, was sie dem subtilen Zwang zum »Sugar-Coating« aussetze. Gehör finde nur, wer nicht zu emotional involviert sei und obendrein den männlichen Blick nicht störe: ›Du darfst laut sein – aber bitte schön dabei aussehen.‹ Die Autorin stellt klar, dass es einen Unterschied macht, ob Frauen gehört werden oder ob ihnen auch zugehört wird. Sie bezeichnet diese Diskrepanz als »Kassandra-Syndrom«, das sich vor allem auf ein Problem zurückführen lasse: Viele Männer fühlen sich durch feministische Forderungen in ihren Privilegien bedroht, sehen darin einen persönlichen Angriff und framen Frauen aus diesem Grund als »zu anstrengend«. Sie wollen Frauen demnach nicht hören, da ihnen das Gesagte Angst einjagt. Die Botschaft der Frauen verhallt ungehört.

Nemesis’ Töchter lebt von der Verknüpfung persönlicher Reflexionen eigener Erfahrungen Wittwers und der systematischen Analyse patriarchaler Strukturen, d.h. von der Brücke zwischen Theorie und Praxis. Mit ehrlichen, ungeschönten Worten zeichnet die Autorin ihren Weg der Erkenntnis nach und stellt das kollektive Ziel, den »Fluch-des Nicht-gehört-Werdens« zu brechen, an erste Stelle: »Ich will nicht mehr gemocht werden, ich will gehört werden.«

Gegeneinander erzogen

Warum wird die Wut von Frauen durch Männer dämonisiert? Weil Female Rage kein individuelles Gefühl sei, sondern die kollektive Auflehnung gegen Ungerechtigkeit, erklärt Wittwer. Wut bedeute Kraft, Macht – und Macht verschiebe Verhältnisse. Doch damit diese Kraft tatsächlich genutzt werden könne, brauche es einen Zusammenschluss von Frauen und diesem stünden nicht nur Männer entgegen. Misstrauen, Konkurrenz und Abwertung werden häufig auch von Frauen gegenüber Frauen reproduziert. Wittwer zeigt eindrücklich, wie tief internalisierte, oft unbewusste Misogynie in die Lebensrealitäten von Frauen hineinwirkt. Sie zeige sich in starken Selbstzweifeln, im Zwang zur Selbstoptimierung ebenso wie in der Rivalität unter Frauen.

Laut Witwer lernen Mädchen früh, sich als Konkurrentinnen bezüglich männlicher Anerkennung zu begreifen – auch und insbesondere in Hinblick auf romantische Partner. Nicht selten würden Frauen daher versuchen, sich innerhalb patriarchaler Strukturen Sicherheit zu verschaffen, indem sie sich vom eigenen Geschlecht distanzieren. Die Energie, die sich gegen Unterdrückung richten könnte, werde so nach innen oder gegeneinander gewendet.

»Ein Meisterstreich des Patriarchats«

Beim Lesen fühlt man sich ertappt. Wittwer kritisiert nicht nur »die anderen«, sondern legt Denk- und Verhaltensmuster offen, die Leserinnen aus dem eigenen Alltag kennen könnten. Gerade deshalb ist ihre Gesellschaftskritik so wirkungsvoll: Sie entlässt die Lesenden nicht aus der Verantwortung, sondern fordert zur Reflexion der eigenen Überzeugungen und Loyalitäten auf. Das Buch konfrontiert, ohne zu beschämen, auch weil die Autorin nicht aus einer unfehlbaren Position heraus schreibt.

Im Gegenteil. Wittwer schildert selbstkritisch, wie sie sich als Kind im Elternhaus mit dem Vater gegen die Mutter verbündete. Statt deren Erschöpfung als strukturelle Überlastung zu begreifen, rollte sie hinter ihrem Rücken die Augen. Sexistische Witze quittierte sie mit einem gezwungenen Lächeln, um nicht den Status des »Chill Girls« zu verlieren – einer Frau, die unkompliziert ist und nicht stört: »Ich bin kein Chill Girl mehr, ich bin ein Girl’s Girl. Frauen zuerst, immer.« Spätestens hier zeigt sich: Nemesis’ Töchter ist kein nüchternes Sachbuch. Der Ton ist mündlich, nahbar, oft emotional – diese Zugänglichkeit ist eine Stärke: Das Buch liest sich leicht, ohne seine Themen zu verharmlosen.

Eine Schuldumkehr

Wittwer zeigt: Wenn feministische Kritik Machtverhältnisse infrage stellt, inszenieren sich Männer vermehrt als Opfer. Nicht strukturelle Gewalt stehe dann im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern die Konsequenzen für Täter. Als erschreckendes Beispiel nennt Wittwer ein Urteil in Belgien (April 2025), nach dem ein verurteilter Vergewaltiger aufgrund seiner »vielversprechenden Zukunft« keine Strafe zu erwarten hatte und seinen Beruf ungehindert weiter ausüben durfte – als Gynäkologe. Einen Sexualstraftäter in einen Beruf zu entlassen, der auf besonderem Vertrauen und dem Schutz vulnerabler Patient:innen beruht, führt die Absurdität dieser Täterzentrierung besonders schmerzhaft vor Augen. Dass hier etwas gewaltig schiefläuft, liegt auf der Hand und wird von Wittwer auf den Punkt gebracht: Wer sorgt sich um das zukünftige Leben der betroffenen Frau?

Wittwer zeigt, dass hier eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr stattfindet. Neben Fragen wie »Was hatte sie an?« oder dem Trope der »Crazy-Ex-Girlfriend« zeigt sich diese auch eindrücklich am Diskurs über die sogenannte »Male Loneliness Epidemic«: Dass junge, heterosexuelle Männer zunehmend keine Partnerinnen finden, vereinsamen und psychisch belastet sind, wird der Emanzipation von Frauen angelastet. Frauen hätten zu hohe Ansprüche oder würden Männer pauschal ablehnen. Dass das Verhalten von Männern und ihre (impliziten) Erwartungen an Frauen Teil des Problems sein könnten und sich verändern müssten, damit Frauen intime Beziehungen mit ihnen eingehen wollen, komme im medialen Diskurs hingegen kaum vor.

Tara-Louise Wittwer (auf Social Media bekannt als @wastarasagt)
Nemesis’ Töchter. 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhalt
Knaur: 2025
240 Seiten, 18 €

›Wir‹ statt ›Er

Dieser Opfererzählung widerspricht Wittwer entschieden. Frauen seien weder verantwortlich für an ihnen verübte sexualisierte Gewalt noch an einer Isolation von Männern. Wenn emotionale Reflexion, Kommunikationsfähigkeit oder die Bereitschaft zur Care-Arbeit als überzogene Anforderungen gelten, sei das kein Problem von »zu selbstbewussten Frauen«, sondern Ausdruck eines strukturellen Defizits in der Sozialisation von Männern – eines »Skill Gaps«. Männer würden nicht daran gehindert, auch jenseits romantischer Partnerschaften tragfähige Beziehungen aufzubauen. Diese Arbeit könne ihnen jedoch niemand abnehmen.

Als Gegenfigur zur Täter-Opfer-Umkehr steht für Wittwer Gisèle Pelicot, deren Autobiografie im Februar erschien. In ihrem Satz: »Die Scham muss die Seite wechseln« liegt politische Sprengkraft, die auch Wittwers Buch innewohnt. Immer mehr Frauen erkennen, wie sie gegeneinander ausgespielt werden, und rücken Beziehungen zu sich selbst und zu anderen Frauen ins Zentrum: »Ich schreibe dieses Buch nicht, weil ich Männer hasse. Ich schreibe dieses Buch, weil ich Frauen liebe«. Wittwer zeigt, dass Solidarität mit Frauen ein aktiver, politischer Akt ist.

Wut als Heilung – Wir, die Töchter Nemesis’

Wittwer erobert die von Männern umgedeutete Traditionslinie von starken, gerechten, wütenden Frauen zurück. Gerade darin liegt die besondere Kraft des Buches. Denn die eigene Wut als Echo der Frauen vor uns zu begreifen und ihr Raum zu geben, hat eine heilende Wirkung und hilft uns dabei, zusammenzurücken – als Töchter Nemesis’.

Geschrieben von
Mehr von Marie Luise Böttcher
Ungewöhnlich normal
Ob kompromisslose Freiheit oder stille Sehnsucht – in Dream Count finden Frauen...
Mehr lesen
Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert