Den Progressive Metal habe erst richtig verstanden, als ich seinen Groove entdeckte. Ein Album, zu dem sich mir dabei ein völlig neuer Zugang offenbart hat, ist The Joy of Motion von Animals as Leaders. Es dreht sich einerseits um die Lust an der Bewegung, andererseits um die Kehrseite des Groove.
Von Frederik Eicks
Bild: Via Public Domain Archive / Library of Congress (bearbeitet), CC0
Mit etwa 17 oder 18 Jahren bin ich durch einen Reddit-Kommentar – keine Ahnung, wonach genau der original post fragte – auf eine Live-Version von Song of Solomon gestoßen, die der Gitarrist Tosin Abasi im Namen seiner Band Animals as Leaders (AAL) zum Besten gab. Dieses Lied hat mich, wie sagt man noch gleich? – Völlig aus dem Orbit geschossen. Der Kommentar, der auf das Video verlinkte, lautete, wie ich ihn mir in Erinnerung rufen kann, etwa: One guitarist I can’t help but admire is Tosin Abasi. I don’t really get the music but his skills are incredible to say the least. Dieser zufällige Kommentar im Internet hat mir das Tor zu musikalischen Welten geöffnet, von denen ich zuvor gar nichts wusste. Ich ließ den Indie- und Alternative-Sound meiner Jugend zwar nicht komplett hinter mir, aber seine Bedeutung hat er für mich vor allem im Wecken von Erinnerungen. Heute ist es der Progressive Metal, der die stärksten Resonanzen in mir hervorruft. Warum? Klar, ich war begeistert von der technischen Raffinesse Abasis, der ohne den geringsten Zweifel zu den besten Gitarrist:innen überhaupt zählt. Ich war auch schwer beeindruckt vom freien Geist dieser Musik, von den vielseitigen Metren, Tempi, Dynamiken, die mich als Gitarrelernenden geradezu schockierten – ich hatte ja keine Ahnung gehabt. Was ich aber erst jetzt weiß: Ich hatte ja immer noch keine Ahnung.
Als ich mich verstärkt dem Prog Metal zuwandte, waren AAL die Band, mit der ich am wenigsten anfangen konnte, was wohl auch daran lag, dass sie reine Instrumentalmusik machen. Dennoch sah ich sie live, weil die Band Tesseract, deren damals aktuelles Album Altered State (2013) ich sehr liebte, eine Doppel-Headliner-Tour zusammen mit AAL spielten. Diese wiederum veröffentlichten im Frühling 2014 ihr drittes Album The Joy of Motion (TJoM). Nach vielen Jahren im Abseits meiner musikalischen Präferenzen ist mir TJoM inzwischen ans Herz gewachsen. Ich bilde mir ein, heute besser, obgleich nicht ansatzweise erschöpfend verstehen zu können, was diese Musik wirklich auszeichnet. Wo mich damals die pure Athletik und das schier Unbekannte neugierig machten, erkenne ich heute eine tiefe Musikalität, für die ich noch nicht empfänglich war. Aber: Warum?
In terms of groove
Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von Meshuggahs Album ObZen schrieb James Monteith, einer der beiden Gitarristen von Tesseract, im Jahr 2018 einen kurzen Artikel darüber, warum er ObZen so liebt: Nachdem er den »relentless speed« und die »levels of brutality« der ersten beiden Tracks lobt, kommt er zum Schlüsselstück des Albums, noch immer das beliebteste Stück Meshuggahs: »Nothing could have prepared the world for the next track, ›Bleed,‹ which is one of the band’s finest moments in terms of groove and technical agility.« Ich bin erst vor drei oder vier Jahren auf diesen Text gestoßen. Ich wünschte, ich hätte ihn früher gekannt, denn er hat die Weise, wie ich Musik im Metalbereich höre, beinah so sehr verändert wie meine Entdeckung des ganzen Prog-Metal-Genres. Da ist dieses Wort: groove. Groove ist, soweit ich das verstehe, die Eigenschaft eines Musikstücks, mich wortwörtlich in Bewegung zu versetzen. Der Kopf nickt mit, das Bein wackelt – im Extremfall befällt akuter Groove den ganzen Körper: Man tanzt. Groove war mir ein Wort für den Disco-Sound der 70er-Jahre, neu geboren im Hip Hop. Groove war mir ein Wort für die unbemühte Leichtigkeit. Groove war nichts, worauf ich bewusst achtete oder was ich besonders schätzte, wenn überhaupt war das ein angenehmer Nebeneffekt – erst recht hinsichtlich eines Genres wie Prog Metal, das manchmal mit so vertrackten Zählzeiten und Rhythmen arbeitet, dass es mir die Bewegung eher austreibt.
Aber ich lag völlig falsch. Im Prog Metal geht es – bestenfalls – nicht bloß darum, mit seinem musikalisch-technischen Geschick zu prahlen wie die Pumper am Muscle Beach. Das intrikate, schnelle Spiel ist kein Selbstzweck: Jazz-Fusion-Bassist Adam Neely spricht in einem Videoessay, darüber, wie seine Band gezielt Grooves schreibt, zu denen die Leute sich trotz ungewohnter Rhythmen bewegen können. (Dabei erwähnt er auch ein anderweitiges Projekt von AAL-Drummer Matt Garstka.) Solche technisch anspruchsvolle Musik bewusst hinsichtlich des Grooves zu hören, verändert das Hören selbst. Und auch das Spielen. Wenn Animals as Leaders ihren Drittling The Joy of Motion nennen, kennzeichnen sie ihre absichtsvolle Hinwendung zum Groove. Es ist nicht so, als wäre ihre Musik zuvor völlig frei von der freudigen Sprache der Bewegung. Gleich bei meiner ersten Begegnung mit der Band, Song of Solomon, hat mich der Notenstrudel gepackt und mitgerissen. Auf TJoM haben die Musiker das groovy Moment aber bewusster und facettenreicher eingesetzt.

In vielerlei Hinsicht ist TJoM ein Wendepunkt in der Bandgeschichte. Zur Band, ursprünglich ein Soloprojekt Abasis, stieß erst Javier Reyes als zweiter Gitarrist, auf TJoM dann Schlagzeuger Matt Garstka hinzu, der das Trio komplettierte. Erstmals sind mit TJoM auf einem AAL-Titel ausschließlich live eingespielte Drums zu hören. Sie schreiben verstärkt Riffs und Melodien. Ihre Einflüsse aus dem Jazz treten noch stärker hervor, ohne dass auf brachialen Djent – eine lautmalerische Wortschöpfung zur Bezeichnung eines charakteristisch tiefen, verzerrten Gitarrenklangs – verzichtet würde. Zwischen Abasi und Reyes entwickelt sich ein musikalischer Austausch. Das Songwriting nimmt einen neuen Stellenwert ein. Es entstehen jazzige Prog-Metal-Lieder, die mit ihren markanten, aber ungewohnten Rhythmen und ihren schrägen Harmonien nicht nur Lust auf Bewegung machen, sondern selbst lustvolle Bewegung sind. Die Instrumente der drei Musiker tanzen und singen sich durch schwere und leichte Stimmungen, extreme Härte und extreme Zartheit können nahtlos aufeinander folgen. Der Opener Kascade: Locker jazzige Akkorde werden von einem satt proggigen Metalriff abgelöst, die Noten flirren durch die Luft, das zweite Riff groovt dann schon ziemlich, wird aber gleich von einer Pause unterbrochen. AAL nehmen die Dinge, wie sie sind. Erst nach drei Minuten kehren sie zum Anfang des Songs zurück.
Der Groove als Schikane
In Disneys The Emperors New Groove fliegt man schon mal flugs aus dem obersten Palastfenster, wenn man den königlichen Groove versaut. Warum? Weil König Kuzco ein Arsch ist, ein echter Bully, der die Menschen zu Mitteln seiner Lust macht. Aber auch, weil der Groove für einen bestimmten Lebensentwurf steht, das heißt der zittrige Greis hat sozusagen das Leben des jungen Königs auf dem Gewissen. Am Ende des Films stellt Kuzco dieses Leben vom Kopf auf die Füße: Wer groovt, hat seinen Rhythmus gefunden und lebt, lockerleicht auf den Zehenspitzen tänzelnd, so dahin. Egal ob funkiger Retro-Italopop beim ESC oder »Kopfnickerbeat« in SSIOs modernem Hip-Hop-Klassiker Nuttööö – die Leute lieben den Groove. Das erfuhren auch AAL, die mit TJoM ihr bis heute kommerziell erfolgreichstes Album gemacht haben. Streamingzahlen zeigen, dass TJoM auch nach über zehn Jahren am häufigsten gehört wird. Die Single Physical Education hat von all ihren Songs mit Abstand die meisten Aufrufe bei YouTube.
Flashbacks
In dieser Reihe kehren wir zu den Büchern, Filmen, Serien, Musikalben und Games unserer Kindheit und Jugend zurück. Mit welchem Blick haben wir die Dinge damals betrachtet? Und wie hat sich dieser Blick durch jahrelanges Studium verändert? In persönlichen wie wissenschaftlichen Reflexionen erkennen wir nicht nur die von uns betrachteten Gegenstände auf neue Weise, sondern auch die weiten Wege, die wir seit unserer ersten Begegnung mit ihnen zurückgelegt haben.
Alle Beiträge dieser Reihe findet ihr hier.
Spätestens beim Schauen des dazugehörigen Videos wird aber klar, dass es der Band nicht bloß um pure Freude geht. Der Titel allein wird manch eine:n mit Grauen an den schulischen Sportunterricht zurückdenken lassen and it doesn’t spark joy. Auch das Video zeigt die Schikanen der institutionalisierten Leibesertüchtigung. Ein älterer Schüler – noch so ein kleiner, selbstgerechter Kuzco – drangsaliert die Jüngeren beim Dodgeball, dann steht er selbst in der Mitte und wird von seinen Opfern, die Rache übend zu Tätern werden, mit Bällen bombardiert. Diese Szenen laufen im düstersten Teil des Songs, der anders als das Mainriff – vielleicht die groovigste Hook, die die Band jemals geschrieben hat – überhaupt nicht groovt, eher sperrig und unbequem ist. Wörtlich verstanden könnte der Titel Physical Education ganz anderes meinen als bloß das Schulfach: Geht es hier um eine körperliche Bildung, die statt hirnloser Stählung einen bewussten Zugang zum eigenen Körper ermöglicht und die antrainierte Härte löst? Auch wenn das lustvolle Moment auf TJoM dominiert, sind Störungen des Groove fester Bestandteil des Albums. Auf Physical Education folgt das bedrohliche Tooth and Claw und auf das fast ausschließlich auf akustischen Gitarren gespielte Para Mexer mit seinem Flamenco-Sound folgt The Woven Web, dessen unheilvolle Stimmung in einem ›Riff‹ kulminiert, in dem jede tonale Qualität hinter den perkussiven Klang der mit der Handkante gedämpften Saiten zurücktritt. Der wahnwitzige Rhythmus entzieht sich jeglichem musikalischen Gespür. Sind das die Erschütterungen im Netz, während die Spinne ein Bein vor das nächste setzt, langsam näher kriecht, und man selbst hilf- und bewegungslos in den Fäden zappelt?
Wofür und wie man groovt
Der Groove ist ein zweischneidiges Schwert: Instrument, das Menschen Lust verschafft, sie aber auch lenkbar macht. Darauf scheinen AAL von Anfang an abzuzielen, doch wahrscheinlich ist das in der Begeisterung des Publikums für den Groove untergegangen. Auf dem Folgealbum jedenfalls wird ihre Musik deutlich unbequemer. Auch hier war ich beim Erscheinen im Jahr 2016 nicht geneigt, es öfter zu hören, obwohl es in seiner technischen Musikalität wieder tiefen Eindruck auf mich machte. Es ist das Gegenstück zu The Joy of Motion und könnte mit seinem sprachlich parallel gebauten Titel The Madness of Many nicht deutlicher auf die potentiellen Gefahren massenhafter Mobilisierung hindeuten. Die erste Singleauskopplung: The Brain Dance – eine melancholische, sehnsüchtige Anrufung der Götter, sie mögen statt des Regens doch Hirn vom Himmel werfen.
Die Frage ist ja, zu welchem Zweck und auf welche Weise Menschenmassen in Bewegung kommen. Der Groove, den Animals as Leaders auf TJoM erreicht haben, ist also kein Problem per se, sondern bleibt eine musikalische Errungenschaft, die auf diesem Niveau nur selten gelingt – gerade weil sie es schaffen, die Sache allein über ihre Instrumentalmusik in ihrer ganzen Ambivalenz zur Sprache zu bringen. Darum ist auch nicht verwunderlich, dass sie sich den Groove im Anschluss an TJoM erhalten haben. Als drittes ihrer bisher fünf veröffentlichten Studioalben steht es nicht nur numerisch in der Mitte ihres Schaffens, sondern bildet gleichzeitig den Wendepunkt und das Zentrum ihrer Musik, zu dem alle musikalischen Wege hinstreben oder von dem sie wegführen. Sie haben ihren eigenen Sound gefunden, bringen ihre Instrumente zum Singen und Tanzen. Es ist ein mitunter sehr eigensinniger Groove, von dem ich so lang nichts gewusst habe.

