Bebilderte Einsamkeit

Julia Thomas stellt in Stillleben das stille Leben während der Isolierung dar und ermöglicht, die innere Stimme wiederzuentdecken. Das kleine, von der Autorin selbst illustrierte Buch wirkt der Vereinzelung entgegen.

Von Elene Veliashvili

Bild: Das Bild wurde mit freundlicher Genehmigung des re:sonar verlag zur Verfügung gestellt.

Wie still ist unser Leben während der Isolation? »Isolierung ist kein räumlicher Zustand«, schreibt Julia Thomas in Stillleben und verleiht uns so einen Schlüssel zur umfassenden Beantwortung dieser Frage. Alleinsein im Lockdown bedeutet nicht zwangsläufig Einsamkeit. Ein ständiger Strom an Prognosen, Pressemitteilungen, Fernsehsendungen und Spekulationen sorgt dafür, dass wir nur selten mit uns selbst ganz alleine sind. Das kann das Gefühl auslösen, die eigene Stimme zu verlieren. Stillleben bewegt seine Leser:innen dazu, ihre Stimme wiederzuentdecken.

Ein besonderer Vertreter der Corona-Literatur

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 Julia Thomas
Stillleben

 re:sonar verlag: Hannover 2020
 72 Seiten, 14,80€

Stillleben ist das Debüt der jungen Schriftstellerin und Künstlerin Julia Thomas. Das 72-seitige Buch wurde 2020 vom re:sonar Verlag veröffentlicht, als die Corona-Pandemie sich in vollem Gange befand. Aus der Krise ist ein zunehmend populäres Genre der Literatur entstanden, das häufig als Corona-Literatur bezeichnet wird. Angesichts der globalen Auswirkungen der Pandemie ist zu erwarten, dass die Corona-Literatur in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Literarische Texte, die von einer Pandemie erzählen, teilen sich eine besondere Nische: Sie beschreiben krisenhafte Ausnahmezustände. Bücher von Daniel Defoes Die Pest zu London bis hin zu Gabriel García Márquez’ Die Liebe in den Zeiten der Cholera drücken aus, was man während dieser schwierigen Periode der Einsamkeit fühlt.

Dies geschieht auch in Stillleben. Aber im Gegensatz zu Stephen Kings The Stand – Das letzte Gefecht oder Albert Camus’ Die Pest beschäftigt sich das Buch nicht mit der Chronik und Kontextualisierung einer Pandemie. Vielmehr widmet sich Julia Thomas einer bildhaften Wiedergabe von alltäglichen Gefühlen eines Individuums, ohne auf das Wann und Warum einzugehen. Neben Lola Randls Die Krone der Schöpfung und Fang Fangs Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt stellt Stillleben einen Teil der Corona-Literatur dar, der besonders die psychologischen Wirkungen der Selbstisolierung schildert. Das Buch beschreibt den Alltag im Lockdown nicht nur mit kleinen Prosatexten, sondern auch mit Illustrationen der Autorin.

Die Illustrationen im Buch stammen von der Autorin selbst

Es wird daher keine einheitliche Geschichte erzählt. Vielmehr handelt es sich um Gedanken, die im Augenblick schriftlich und bildlich verewigt werden. Obwohl es ein dünnes Bändchen ist, hinterlässt das Buch eine tiefe Spur bei den Leser:innen. Es besteht aus kleinen alltäglichen Bekenntnissen der Autorin, die sich allmählich in eine Gedankenwelle umwandeln. Die Gedanken, die auf bildhafte Weise von der Krise, der Trennung und der Angst erzählen, sind mit anschaulichen Zeichnungen umrahmt: Wenn man das Buch aufschlägt, sieht man zuerst die Bilder, meist mit einem ergänzenden Kleintext. Die Illustrationen lassen sich als eine Art »Corona-Expressionismus« charakterisieren: Thomas geht frei mit Farben um, Motive werden auf markante Formelemente reduziert. Es zeigt sich, dass emotionale und subjektive Ausdrucksfähigkeit im Mittelpunkt steht. Trotz des Titels sind die Emotionen, Überlegungen und Gefühle von Julia Thomas darin laut zu hören. In ihrem Alltag tauchen hin und wieder Details auf, die die Isolierung sowohl erschweren als auch erleichtern können: Gedanken zum Wetter, zur Einsamkeit, zu Beziehungen und der Kindheit, zum Frühling, und zum Leben.

Geteilte Einsamkeit

Das Buch vollzieht mit großer Genauigkeit nach, wie die Pandemie und die Isolierung Ängste ausgelöst und das Leben grundlegend verändert haben. Es zeichnet sich durch die Offenheit der Autorin aus. Der:die Leser:in spürt, dass er:sie nicht alleine ist: Im Gegensatz ergibt sich der Eindruck, dass seine:ihre Gefühle auch anderen nicht fremd sind. Trotz der Einsamkeit und Traurigkeit, die Stillleben charakterisieren, schafft die Autorin eine hoffnungsvolle Atmosphäre. Der Schluss deutet darauf hin, dass hinter der letzten Tür der Geruch des Sommers wartet. Um das zu begreifen, braucht man eine Inspiration, und der Band von Julia Thomas kann dazu dienen. Es ist ein außergewöhnliches Buch für Menschen mit Problemen, die im vergangenen Jahr gewöhnlich geworden sind. Beim Zuhause-Bleiben kann Stillleben helfen, alleine schon durch die Ablenkung vom dauerhaften Medienkonsum. Im Gegensatz wird die innere Stimme der Leser:innen deutlich spürbar, denn »vielleicht ist es mit sauberen Ohren leichter, auf sich selbst zu hören«.

Verlag-Info

Der re:sonarverlag bietet primär jungen Autor:innen eine Möglichkeit, ihre Texte als Buch zu veröffentlichen. Seit September 2020 agiert er als unabhängiger Verlag und hat sein Programm fortlaufend erweitert. Neben Texten mit literarischem Anspruch sind visuelle Beiträge aus den Bereichen der Fotografie und der bildenden Kunst getreten.

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