Briefe, die nie ankamen

Das geschichtswissenschaftliche Langzeitprojekt »Prize Papers« erforscht gekaperte Schiffsbeute aus der Frühen Neuzeit. Auf dem Göttinger Literaturherbst geht es um den großen Quellenwert der Überlieferung, um große Emotionen und um den Alltag der Sklaverei.

Von Linus Lanfermann-Baumann

Bild: Dietrich Kühne

Wer heutzutage an Seeraub denkt, dem:r kommen vielleicht zuerst die fiktionalen Pirat:innen in den Sinn, die uns in Literatur und Film begegnen. Womöglich erscheint vielen Johnny Depp als der charismatische Jack Sparrow aus Fluch der Karibik vor dem inneren Auge, vielleicht aber auch der gewiefte Long John Silver aus Die Schatzinsel oder Captain Hook, der glücklose Widersacher von Peter Pan. Papageien auf der Schulter, Schatzkarten und Totenkopfflaggen bestimmen oft unsere Vorstellungswelt. Die historischen Vorbilder dieser medial in Szene gesetzten Seeräuber:innen findet man in der Frühen Neuzeit, insbesondere im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert – einer Epoche, die oftmals romantisierend als das »Goldene Zeitalter« der Piraterie bezeichnet wird.

Was bei der Orientierung an der cineastischen Geschichtskultur allerdings leicht aus dem Blick gerät, ist die Kaperfahrt als völlig legitimes Mittel der frühneuzeitlichen Kriegsführung zur See. Anders als bei der illegitimen Piraterie war das Kapern von Handelsschiffen eines Kriegsfeindes ein verrechtlichter, beinahe ritualisierter Vorgang. Nur wer zuvor eine Kaperlizenz erworben hatte, durfte feindliche Schiffe gewaltsam in die eigenen Häfen leiten und dort entladen. So waren es weniger die großen Seeschlachten staatlicher Flotten als vielmehr die private, durch Beteiligung an der Beute (der »Prise«) motivierte Seebeutenahme, welche die Weltmeere als Ort der frühneuzeitlichen Konfliktaustragung prägten. Doch um zu beweisen, dass man ein feindliches Handelsschiff legitim gekapert und nicht illegitim als Pirat geraubt hatte, musste man dessen Ladung konfiszieren und vor Gericht die Rechtmäßigkeit des eigenen Vorgehens beweisen.

Eine gewaltige Herausforderung

Das Projekt »Prize Papers«, das im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes am 30. Oktober 2021 im Alten Rathaus vorgestellt wird, nimmt sich der Prisen (engl. »prize«) an, die in den Archiven des High Court of Admiralty, also des obersten Londoner Seegerichts, gelagert wurden. Die Dokumente stammen aus der Zeit von 1652 bis 1815 und sind aus 30.000 Schiffskaperungen überliefert. Allein 160.000 Briefe sind in den Unterlagen zu finden. Die Projektmitarbeitenden stehen vor der Aufgabe, diese riesige Materialmenge zu sortieren, zu katalogisieren und zu digitalisieren, und damit insgesamt der Forschung zugänglich zu machen. Nicht umsonst sind die »Prize Papers« 2018 mit vorläufig zwanzigjähriger Laufzeit gestartet und werden von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen getragen, sind an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und in den National Archives in London angesiedelt und kooperieren mit dem Deutschen Historischen Institut London sowie der Verbundzentrale des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes. Die Bewältigung des Materials ist eine gewaltige Herausforderung.

Unter der Moderation von Stephan Lohr vom Literaturherbst erhalten die Zuhörenden in Göttingen Einblicke in die Vielfältigkeit der Überlieferung. Denn auch die Wissenschaftsvermittlung sei ein Anliegen des Literaturfestivals, betont Lohr zu Beginn. Schauspieler Jan Reinartz vom Jungen Theater liest mit angenehmer, sonorer Stimme immer wieder einzelne Briefe vor, deren Tragik oft genau darin besteht, dass wir heute wissen, dass sie niemals ihr Ziel erreichen sollten – schließlich wurden sie Opfer einer Kaperfahrt und gelangten so vor das Londoner Gericht. Dagmar Freist, Projektleiterin und Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit in Oldenburg, und Frank Marquardt, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt, kontextualisieren das Gehörte und weisen mit klar verständlichen Worten auf die vielfältigen Erkenntnismöglichkeiten hin, welche die Quellen für die Geschichtswissenschaft bereithalten.

Große Gefühle

Da ist etwa die Ehefrau, die ihrem nach Amerika gereisten Mann mit den gemeinsamen Kindern nachfolgen möchte. Sie ermahnt ihn über den Atlantik hinweg: »Höre das Flehen deiner verlassenen Kinder, die nach einem Vater seufzen. […] Brich nicht die Treue, die du mir vorm Altar schwörest, dann wird dich der Segen des Höchsten begleiten.« Der Brief sollte nie ankommen, genauso wenig wie seine Verfasserin – ihr Mann heiratete vielmehr ein weiteres Mal und baute sich in Übersee eine neue Existenz auf. Tragisch mutet auch der Liebesbrief eines ausgewanderten französischen Frisörs an, der ob der großen Distanz zu seiner Angebeteten offenbar eifersüchtig wurde. Ohnehin sei er nur fortgefahren, um seiner Geliebten und sich in Zukunft ein besseres gemeinsames Leben zu ermöglichen, und versichert ihr, dass es »kaum einen Moment« gebe, an dem er nicht an sie denke.

Auch durch die zufällige Überlieferung sind Zeugnisse dieser Art unheimlich wertvoll für die globale Mikrogeschichte, für die Alltagsgeschichte oder auch die Emotionsgeschichte, wie Projektleiterin Freist betont. Doch nicht nur inhaltlich haben die Prize Papers viel zu bieten. Auch in ihrer Materialität bieten sie Aufschluss über Techniken des Briefeschreibens, -faltens und -überbringens.

Der Alltag der Sklaverei

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Literaturherbst 2021

Vom 23. Oktober bis 7. November fand der 30. Göttinger Literaturherbst statt. Als Nachklapp veröffentlicht Litlog in der Woche ab dem 8. November jeden Tag einen Bericht zu den diversen Veranstaltungen des Programms. Hier findet ihr unsere Berichterstattung im Überblick.

Projektmitarbeiter Marquardt betont jedoch: »Was man bei diesen sehr romantischen und emotionalen Briefen natürlich mitbedenken muss, ist, dass sie Zeugnisse des europäischen Kolonialismus sind.« Dem Projektteam ist es wichtig, dies niemals auszublenden, das wird während der Lesung deutlich. Statt »Kolonie« sagen die Forscher:innen lieber »Kolonialgefüge«, um ein Gebiet mit eigener Geschichte und Kultur sprachlich nicht darauf zu reduzieren, von einer europäischen Macht kolonisiert worden zu sein.

Anstelle von »Sklaven« sprechen sie von »versklavten Menschen«, von denen auch der von Liebeskummer erfüllte französische Frisör einige ›besaß‹, wie er freilich allzu unbeschwert berichtet. (Das in den Briefen vorhandene N-Wort spricht Reinartz nicht aus, stattdessen bleibt es bei »N«.) Es ist nicht zuletzt dieser Alltag der Sklaverei, der durch die Prize Papers in Zukunft besser erforscht werden kann.

Unterstützt von einer PowerPoint-Präsentation und den Vorträgen von Reinartz, gelingt es den Wissenschaftler:innen auf überzeugende Art und Weise, die Zuhörenden in den Alltag der frühneuzeitlichen Globalisierung einzuführen und den großen wissenschaftlichen Wert ihres Langzeitprojekts herauszustellen. Über Briefe aus und nach Surinam, Jamaika und Indien werden die interkulturelle Begegnung, die Wahrnehmung und Aneignung des Fremden, der in der Sklaverei institutionalisierte, ausbeuterische Rassismus und die Romantik über große Distanzen hinweg anhand der Selbstzeugnisse eindrücklich präsentiert.

Übrigens: Die Briefe, aus denen Reinartz vorliest, machen nur einen von insgesamt 90 Dokument-Typen der extrem heterogenen Prize Papers aus. Darunter sind etwa auch Mannschaftslisten, Handelspapiere, Notizbücher, Gerichtsakten oder Spielkarten. Nur nach und nach wird man sie in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erschließen können. Die geschichtswissenschaftliche Grundlagenforschung, auch das wird an diesem lehrreichen Abend deutlich, erfordert oftmals einen langen Atem.

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