Die koreanische Schriftstellerin Han Kang ist bekannt für ihre feinfühligen und empathischen Romane, die den Außenseiter:innen und Stillen eine kraftvolle Stimme geben. Mit Der goldene Faden, einer Sammlung von Gedichten und Essays, kann sie leider nicht an die literarische Qualität ihrer Romane anknüpfen.
Von Lilian Lumme
Als am 10. Oktober 2024 die Trägerin des Nobelpreises für Literatur bekanntgegeben wurde, waren viele überrascht. Zwar hatte Han spätestens durch die Übersetzungen ihres Meisterwerks Die Vegetarierin und seine Auszeichnung mit dem Internationalen Booker Prize weltweite Bekanntheit erlangt, doch in der Debatte um den Literaturnobelpreis tauchte sie fast nie auf. Und das völlig zu Unrecht, denn jeder ihrer Romane, der ins Deutsche übersetzt wurde, ist auf seine Weise einzigartig. Nun erschien Ende August mit der Textsammlung Der goldene Faden ihre erste Enttäuschung auf dem deutschen Buchmarkt.
Nobelpreisrede
Da wäre zunächst einmal die Nobelpreisrede, die zugleich die Einleitung und den Höhepunkt der Sammlung bildet. In ihr zeichnet Han ihren eigenen Werdegang als Autorin nach, begonnen mit einer Gedichtsammlung, die sie als Kind geschrieben und als Erwachsene in einem staubigen Schuhkarton wiederentdeckt hat, bis hin zu ihrem 2021 erschienenen Roman Unmöglicher Abschied. Anhand einzelner Beispiele beschreibt sie den Prozess des Schreibens von der Ideenfindung über die Recherche bis zur tatsächlichen Niederschrift. Dabei arbeitet sie auch die Kernfragen ihres Gesamtwerkes heraus: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Und: Wie können wir der Gewalt auf der Welt am besten begegnen, ohne die Hoffnung zu verlieren?
Was könnte die Liebe sein?
In meinem pochenden Herzen ist sie verborgen.Was ist die Liebe?
Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet.
Diese Rede ist das Herzstück des Buches, schließlich ist sie auch titelgebend. Doch wer sie unbedingt lesen möchte, findet sie auch im koreanischen Original sowie in schwedischer und englischer Übersetzung auf der Internetseite des Nobelpreises. Am meisten empfiehlt sich hier jedoch die auf YouTube hochgeladene Aufzeichnung der Rede, für die es englische Untertitel gibt, denn die stärksten Emotionen ruft Han vermutlich nicht mit ihren übersetzten Worten hervor, sondern mit der ruhigen und gefassten Weise ihres Vortrags.
Lost in Translation?
Die sieben Gedichte, die in dem Band enthalten sind, wirken zumeist äußerst trivial und fehl am Platz. Liegt das etwa daran, dass die Sprachen Koreanisch und Deutsch zu weit voneinander entfernt sind, als dass eine würdige Übersetzung der Lyrik in irgendeiner Weise möglich wäre? Oder ist vielleicht die literarische Qualität von Hans Prosa deutlich höher? Schließlich sind auch die deutschen Übersetzungen der Gedichte Ko Uns von enormer sprachlicher Kraft und zeugen von strahlendem Einfallsreichtum. Hans Gedichte dagegen zünden nicht so ganz.
Winzig kleines Schneeflöckchen,
du kamst tanzend,
wie bei einem langsamen Walzer, auf mein Gesicht geschwebt.Anders als all die anderen Schneeflocken,
fielst du nicht einfach senkrecht,
sondern breitetest irgendwie
deine Flügel zu mir hin aus.Und dann – wohin bist du gegangen?
Ich habe dich nie wieder gesehen.
Gut möglich, dass die Gedichte oder auch die anderen kleineren Prosatexte im Original eine viel tiefere Wirkung haben – ob sie eine solche auch in der deutschen Übersetzung haben, mag wohl jede:r für sich selbst entscheiden. Ob ein Text über die Teetasse, aus der Han während des Schreibens an Unmöglicher Abschied ihren grünen Tee trinkt, allerdings so interessant ist wie ihre Romane, in denen sie sich mit historischen Traumata Koreas oder mit den Außenseitern der Gesellschaft beschäftigt – das ist äußerst fraglich.
Gartentagebuch
Ein gutes Drittel des ohnehin schon schmalen Büchleins verbringen Lesende damit, Han beim Anlegen eines Gartens im Innenhof ihres kleinen Häuschens zuzuschauen. In einem Gartentagebuch, das sich über einen Zeitraum von gut zwei Jahren spannt, hält sie das Wachstum ihrer Pflanzen fest. Es mag vielleicht auf den ersten Blick interessant wirken, wie die Schriftstellerin eine Vorrichtung aus Spiegeln anbringt, um Sonnenlicht umzulenken, damit die Blumen, die sie dort anlegt – Flieder, Schneeballhortensie, Funkien und andere – im schattigen Plätzchen nicht eingehen. Doch spätestens nach zehn Seiten wiederholen sich alle Vorgänge, wobei jede Literarizität des Textes fehlt. Und schlussendlich fragt man sich, warum man dieses Buch überhaupt liest und nicht schon längst aus der Hand gelegt hat.

Der goldene Faden
Claassen: 2026
176 Seiten, 23 €
Eine mögliche Antwort könnte sein: Es handelt sich nun einmal um die Nobelpreisträgerin für Literatur, also muss auch an diesem Buch etwas dran sein. Und es steckt auch ein Fünkchen Wahrheit darin, denn tatsächlich werden die allermeisten dieses Buch gerade deshalb lesen (wollen), weil Han einen Nobelpreis hat. Und vielleicht lassen sie sich sogar von der Strahlkraft dieser Auszeichnung so sehr blenden, dass sie am Ende behaupten, sie hätten tatsächlich ein interessantes Buch gelesen.
Es scheint, als hätten die internationalen Verlage nach einer neuen Veröffentlichung geschrien, schließlich nutzt sich der Glanz eines frischen Nobelpreises schnell ab. Und da scheint es plausibel zu sein, ein paar schon bestehende Trivialtexte in einem Band zu sammeln und als neues großes Werk zu verkaufen. Es bleibt nur zu hoffen, dass der nächste Roman Hans nicht unter einem ähnlichen Druck entsteht.

