Von Ekel, Männerhass und milieuspezifischen Praktiken

In Svea Mausolfs Roman Image treffen verschiedene Welten aufeinander: Die Interior-Liebhaberin Peggy Brinkmann muss notgedrungen mit dem schwanzbesessenen Schnöselsohn Martin Ziegler zusammenziehen. Mausolf zeigt durch ihr Debüt, dass sie ihre genauestens beobachteten Milieurekonstruktionen nicht nur in Memes, sondern auch literarisch darstellen kann.

Von Patricia Louise Morris

Bild: via Pexels (zugeschnitten), CC0

Der Roman beginnt damit, dass Martin Ziegler mit seiner in ihn vernarrten Mutter die Philharmonie besucht: ganz große Gefühle bei Mozarts Requiem. Für Mutter und Sohn ist die Rezeption künstlerisch-musischer Werke eine alltägliche Praktik. Die berühmte Schauspielerin hat es ihrem geliebten Sohn, der Film studiert, nicht anders beigebracht. Schockiert davon, dass er als Studienanfänger fortan mit einer random Person in einer WG wohnen möchte, steckt sie ihm 200€ zu. Die Affinität zur Kunst teilt er zwar mit seiner Mitbewohnerin Peggy – der Protagonistin des Romans –, die ihre Wohnung feinstens mit Designerstücken kuratiert; sie stellt allerdings keinen Bund zwischen den beiden her.

Peggy Brinkmann, 37 und Dauerstudentin, ebenfalls bislang gut durch die Eltern finanziert (aber mit deutlich weniger und anderem kulturellen Kapital) muss nun ihre Wohnung teilen. Die Eltern beenden die finanzielle Unterstützung ihrer lesbischen Tochter – ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, in dem sich die jüngere Schwester verlobt und in naher Zukunft die familiären Geschäfte übernehmen wird. So wählt Peggy den nächstbesten Menschen aus und trifft auf Martin, manngewordene Audacity, die seinesgleichen sucht.

Verloren im Image

Sehr detailreich und mit liebevoll ausufernden (Neben-)handlungen, Rückblenden und Szenenwechseln entspinnt sich eine Erzählung von nur etwa zwei Tagen in dem Kölner Leben der Protagonistin. Sie landet im Image: Hinter dem französisch ausgesprochenem (!) Wort entpuppt sich eine urige Eckkneipe, in welcher entgegen der in Nordrhein-Westfalen geltenden gesetzlichen Vorschrift geraucht wird und alle ein bisschen lost sind. Dort fällt Peggy in die Arme ihres Crushs Veronique, die sich trotz Peggys stark alkoholisierter Verfassung über die Gesellschaft freut und sich beim Nachhausebringen der Kotzenden doch mehr erhofft.

Martin ist unterdessen mit »den Jungs« zum Feiern und Frauen abschleppen unterwegs. Nachdem er seine von Drogen verkommene Exliebhaberin in sein Zimmer gesperrt hat, um noch am Folgetag etwas »von ihrem Gestank von Verwahrlosung, der mit den Jahren immer mehr gereift ist« zu haben, geht er seine Telefonliste durch: Wen kann er heute noch klären? Das Spektakel mündet in der Problematik, dass Peggy am Folgetag bei der Verlobungsfeier ihrer Schwester, einer Christfluencerin, sein soll – und ihr geliebter Papa (obwohl er sonst eher ausführt, was seine Frau, Domina Elke, befiehlt) alles in Bewegung setzt, um sie dort zu haben.

Überfrachtung, Ekel und side characters

Der Roman besticht besonders durch seine detailreichen Charaktere. Wird eine neue Person eingeführt, so werden auch ihre jeweiligen Lebensumstände und alltäglichen Praktiken beschrieben. Etwa beschwert sich der Nachbar von unten über den Lärm in Peggys und Martins Wohnung. Als er wieder hinunter zu seiner Partnerin und seinem Kind geht, wird das Bild eines jungen Vaters gezeichnet, der sich mehr mit Proteinpulver und ETFs beschäftigt als mit dem Terminkalender der Familie. Es entspinnt sich ein klischeehafter Konflikt über Care Arbeit und Mental Load. Wie an so vielen Stellen im Buch wird auch diese Szene entlang der Beschreibung von Körperflüssigkeiten verhandelt: Es geht um den von Proteinshakes geprägten Geschmack seines Spermas und die sich langsam füllende Windel des Kindes. Es mangelt dem Buch definitiv nicht an olfaktorischen, gustatorischen und weiteren sinnbezogenen Provokationen. Jede Erzählung wird mit Ausschmückungen über Schleim, Schweiß und weiteren ekelevozierenden Substanzen versehen.

Svea Mausolf
Image
Gutkind: 2025
256 Seiten, 22 €

Die einzelnen Figuren sind dabei so milieugetreu beschrieben, dass sie an Menschen aus dem eigenen Leben erinnern. So gleichen die Ausführungen über Kleidung, Einrichtung, Namen etc. allesamt Memes, sie sind Karikaturen ihrer sozialen Klasse: Besonders die verschiedenen Facetten des Kleinbürgertums von Kleinunternehmer:innen über Polizist:innen bis hin zu Studierenden werden – so wie man es auch bisher von den Memes der Autorin im Netz kannte – mit poientierten, soziologischen Beobachtungen unter die Lupe genommen.

Eine Abrechnung mit Männlichkeit(en)

Nicht nur der ›Proteinpapa‹ von unten, der sich fürs einmalige Kochen mit einem Blowjob belohnen lässt, wirkt ebenso realistisch wie unsympathisch. Durch den gesamten Roman ziehen sich unangenehme Männlichkeiten. Es taucht auch noch ein homophober, spielsüchtiger Taxifahrer auf, der die Niere seiner Tochter zu verantworten hat, weil er das Kind im heißen Auto vergessen hat. Besonders interessant ist aber der koksende, kunstaffine Mitbewohner Martin, dessen »Wichse« immer wieder von der Mitbewohnerin Peggy in der Dusche aufgefunden wird. Er wird als bodenlos dreist beschrieben, ist aber gleichzeitig nur subtil der misogyne Macker – oder eine neue Spielart dessen. Er trägt lackierte Fingernägeln und hat (vorgetäuschte) Gefühle.

Diese Darstellung knüpft an Bilder neuer Männlichkeiten an: Der kritische Mann, der sich reflektiert und performativ die Nägel lackiert, um Frauen ins Bett zu bekommen und sich so vermeintlich vor feministischer Kritik zu schützen. Dieser Habitus wird aus emanzipatorischen Reihen gerne entlarvt – auch das ist u.a. durch Mausolfs Memes oder den don’t read theory-Podcast bekannt. Es bleibt aber die Frage, besonders für Männer, die ›es richtig machen wollen‹, was ein guter Umgang mit der eigenen männlichen Sozialisierung sein kann. Eine (zumindest versuchte) Dekonstruktion männlichen Auftretens durch das Verwischen und Queering von Kleidung, Sprache, Nägeln, Frisuren etc. kann dabei ein erster Schritt sein – schirmt aber selbstredend nicht vor Kritik von Frauen und Queers ab.

Keine lackierten Nägel sind auch keine Lösung

Die Figur des Martin Zieglers macht es allerdings unmöglich der Vervielfältigung von Männlichkeitsbildern noch irgendetwas Subversives abzugewinnen. Bei Mausolf wird die softe Darstellung des Charakters als Sexstrategie funktionalisiert. Die eigentlich so gute Idee, männliche Performanz auf allen Ebenen zu dekonstruieren, entgleitet zum Bild eines besessenen Manns, der daneben pinkelt, einfach weil er es kann. Die Legitimation, sich als Mann die Nägel zu lackieren, drängt Mausolf dabei in eine ›homosexuelle Ecke‹, was essentialisierende Tendenzen mit sich bringt. Demnach dürften nur schwule Männer von der Norm abweichen – und was ist mit den cis heterosexuellen Männern? Sicherlich sind (und waren) bestimmte Codes wichtige Erkennungsmerkmale für Queers. Das Zurückdrängen von Männern in klassisch männlichere Performanzen kann aber auch keine Lösung sein. Zumal es unsichtbar macht, dass die Perlenkette und die lackierten Nägel an männlich gelesenen Körpern mancherorts nicht mit Sex belohnt, sondern in transmisogyne Gewalt münden.

Trotzdem bleibt der Roman eine große Empfehlung für alle, die sich von Vulgarität unterhalten fühlen und Interesse an der Problematisierung verschiedener Spielarten von Männlichkeit haben.

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