Mehr als nur wütende Frauen

Beflügelte Frauen, die ihre Ehemänner verschlingen, verschwundene Familienmitglieder, Ausbruch aus den Zwängen der Gesellschaft, geheime Briefe, intensive Freundschaften und Schweigen durch Scham – Kelly Barnhills Roman When Women were Dragons spiegelt Emotionen von Frauen in all ihrer Vielfalt wider.

Von Linnéa Wittfeld

Bild: Pixabay, CC0

Im Fantasy-Roman When Women were Dragons ereignet sich 1955 das »große Drachenwandeln«. Zu dem Zeitpunkt ist die Protagonistin Alex noch ein Kind. Hunderttausende Frauen verwandeln sich dabei in Drachinnen, manche von ihnen sind Mütter – eine davon ist Alex’ Tante Marla. Bei den Verwandlungen kommt es durch die Größe der Drachinnen zu Zerstörungen von Häusern und einige Drachinnen stecken diese auch bewusst in Brand. Mit den veränderten Körpern können sie nicht wie gewohnt im Haushalt agieren – viele von ihnen wollen das auch gar nicht. Durch den Größen- und somit auch Machtunterschied, fühlen sich viele Menschen bzw. vor allem Männer bedroht. Da die Drachinnen in der Gesellschaft nun keinen Platz mehr haben, lassen sie ihre Kinder zurück und fliegen davon. Auch die Mutter von Alex’ Cousine Beatrice fliegt weg, so nimmt Alex’ Mutter das Kind bei sich auf und verleugnet die Existenz ihrer Schwester. Denn über Drachinnen wird, trotz der großen Tragweite des Ereignisses, nicht geredet. Wenn dieses Schweigen gebrochen wird, drohen ein Elterngespräch oder auch berufliche Folgen. Alex spürt schon als Kind, dass ihr gewisse Dinge verheimlicht werden und über diese geschwiegen wird.

»Meine Mutter verkaufte unseren Fernseher, schüttete ›versehentlich‹ Kaffee über unser Radio und entsorgte die Zeitung, sobald mein Vater sie durchgelesen hatte. Und wehe, ich versuchte, sie auch nur anzurühren. Mein Zuhause war ein Ort, an dem es keinerlei Mitteilung oder Erklärung gab. Jegliche Wahrheit, jegliche Zusammenhänge, musste ich selbst aufdecken. «

Erschwerter Einstieg

Der Roman wird aus der Perspektive der Protagonistin Alex geschildert, die ihre Erinnerungen chronologisch wiedergibt. Der Erzählfluss wird immer wieder von wissenschaftlichen Abschnitten über Drachinnen, Zeitungsartikeln und Protokollen über die Geschehnisse in der Fantasywelt unterbrochen. Anfangs erschweren diese Unterbrechungen den Lesefluss der Geschichte, da Alex’ Schilderungen sehr lebhaft und detailliert sind und diese einen starken sprachlichen Kontrast zu den informationsreichen Zwischenelementen darstellen. Im späteren Verlauf der Handlung, gliedern sich die ›wissenschaftlichen‹ Einschübe besser ein, da die Verknüpfungen zur Alex’ Geschichte deutlich werden – denn sie begegnet im Laufe der Geschichte der Person, die sich wissenschaftlich mit Drachen auseinandersetzt, persönlich.

Nachdem Alex´ Mutter gestorben ist, muss sich Alex nach und nach immer mehr um ihre Cousine kümmern, obwohl sie selbst noch ein Kind ist. Bereits im Alter von 15 Jahren, ist sie für diese allein zuständig und muss nebenbei noch den Haushalt führen und zur Schule gehen. Barnhill zeigt hierbei patriarchale Strukturen auf, indem beispielhaft deutlich gemacht wird, wie früh Mädchen durch das Übernehmen von Care-Arbeit mit Benachteiligung konfrontiert sind. Alex’ Leistungen werden in der Schule aufgrund ihres Geschlechts nicht vollständig oder nur widerwillig anerkannt: »Manchmal standen am Ende meiner Aufsätze kleine Randnotizen wie ›Es gibt einen Unterschied zwischen akademischer Exzellenz und einfacher Angeberei‹ oder etwas in abgewandelter Form, aber ähnlicher Bedeutung.« Die wachsende Verantwortung, die sie für Beatrice trägt, verändert die Beziehung der beiden. Sie entwickeln eine Art Mutter-Tochter-Verhältnis.

Kelly Barnhill
When Women were Dragons
Übersetzt von Isabelle Gore
Cross Cult: 2024
481 Seiten, 18€

Die Protagonistin wächst in einer Gesellschaft auf, die die Existenz von Frauen, die sich in Drachinnen verwandelt haben, leugnet. Es wird als unanständig gesehen, wenn man über diese redet, da Frauen, die aus dem System ausbrechen, gesellschaftlich nicht anerkannt sind und das Reden darüber andere Frauen vielleicht auch zum Umdenken ermutigen würde. Barnhill gelingt es hierbei die schrittweise Manipulation durch Erwachsene, die lügen, aufzuzeigen und darzustellen, wie diese Stück für Stück Alex’ Denken beeinflussen.

»Als ich ein kleines Mädchen war, wurde uns gesagt, wir sollten den Blick auf den Boden richten, nicht nach den brennenden Häusern fragen und das alles einfach vergessen. […] Und jetzt verstehe ich, dass es einem eine gewisse Freiheit gibt zu vergessen. […] Wie befreiend es sein kann, keine Fragen zu stellen. Wie befreiend es sein kann, keine unangenehmen Informationen mit sich herumtragen zu müssen.«

In der Gesellschaft, in der Alex lebt, wird so getan als hätte es die Frauen, die sich verwandelt haben, nie gegeben. So wird Marlas Existenz von allen in der Gesellschaft und auch ihrer Familie aberkannt und Beatrice ist nun offiziell nicht mehr Alex’ Cousine, sondern ihre Schwester. Zudem wird die Abwertung von Frauen nicht nur durch Männer vollzogen, denn auch Frauen, die in der misogynen Gesellschaft aufgewachsen sind, haben diese Wertvorstellungen verinnerlicht und tragen diese nach außen. Anstatt ein simples Feindbild zu erschaffen, versucht die Autorin das Problem in seiner Komplexität darzustellen. Dialoge darüber, dass Frauen nicht studieren müssen, weil sie nur Hausfrauen werden sollen, machen die Frustration und Wut dieser nahbarer und lassen die Charaktere, die diese Denkmuster hinterfragen, umso stärker wirken.

Zu wenig Fantasy?

Der Roman, der von der Barnhill ursprünglich nur als Kurzgeschichte geplant war, gibt der Wut von Frauen einen Raum, macht diese aber nicht zum Hauptthema. Stattdessen beleuchtet When Women were Dragons die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die sich abgesehen von der Existenz von Drachinnen nicht stark von unserer unterscheidet. Barnhill gibt ihren Figuren Zeit, um sich zu entwickeln und Erinnerungen einzuordnen, die sie früher als Kind noch nicht begreifen konnten. Das Werk kann mit vielschichtigen weiblichen Figuren überzeugen, auch wenn der Fantasyanteil an manchen Stellen verschwindend gering ist, schadet dies der Handlung nicht. Wer nach einem feministischen Fantasyroman und nicht zu komplexen Worldbuilding sucht, wird hier fündig.

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