In Ulrike Draesners Langgedicht penelopes sch( )iff lassen die Frauen um Penelope Odysseus und mit ihm das ganze Patriarchat hinter sich. Erhebliche Mängel in den altgriechischen Versatzstücken beeinträchtigen den Lesegenuss, aber die feministische Vorstellungskraft kann das nicht schmälern.
Von Frederik Eicks
Bild: Public Domain Image Archive / Library of Congress (bearbeitet), gemeinfrei
Der glückliche Ausgang der Odyssee: Nach zwanzigjähriger Abwesenheit kehrt Odysseus nach Ithaka zurück, intrigiert erfolg- und listenreich gegen die Freier, die an seinem Hof um seine Frau Penelope werben, schlachtet diese Männer ab, behauptet so seine Stellung als Herrscher und versöhnt sich schließlich auch mit Ithakas Elite über den Verlust ihrer Söhne. Für Penelope fängt die Marter jedoch dort erst wirklich an, wo sie für Odysseus hätte enden sollen – so imaginiert es die vielfach preisgekrönte Dichterin Ulrike Draesner in ihrem Gedichtband penelopes sch( )iff. postepos. Draesners Odysseus ist schwer gezeichnet von zehn Jahren Trojanischem Krieg und nochmals zehn Jahren der Irrfahrt quer übers Mittelmeer, ja: »unser kleiner / brutal« wird von einer posttraumatischen Belastungsstörung geplagt, die in Gewalt umschlägt und das Zusammenleben unerträglich macht. Odysseus mag nach Ithaka gekommen sein, aber nicht nach Hause, denn das gibt es nicht mehr und lässt sich nicht wiederherstellen.
Auch Penelope ist eine andere geworden. Bereits zuvor hatte sie sich und ihre Gefährtinnen auf die große Fahrt vorbereitet, statt nur jeden Tag das Leichentuch für »opa laertes« zu weben und nachts wieder aufzuknüpfen. Die Frauen, Penelopes Töchter wie ihre Sklavinnen, machen sich mit einem Schiff auf und davon. Derweil spottet Ithaka über den neuen alten König: »wir rufen ihn ›bruttl‹ putt-putt«. Draesners feministische Aneignung des mythologischen Stoffs zeichnet sich, anders als ähnliche Werke wie Christa Wolfs Medea, nicht bloß durch die Neuinterpretation aus, sondern durch ein Fortschreiben über das Ende der Vorlage hinaus, durch die Frage: … Und dann?
Spiel mit der antiken Form
Das Langgedicht setzt sich aus kürzeren Abschnitten mit eigenen Titeln zusammen. Einige davon widmen sich ganz programmatisch den Frauenfiguren, denen nach und nach Stimmen verliehen werden: medusa spricht, antikleia spricht, melantho denkt usw. Neben diesen semi-eigenständigen Abschnitten sind auch zwei völlig eigenständige Gedichte dabei, die als Anhang 1 und 2 geführt werden. Besonders das erste der beiden, betitelt epos in der nussschale, ist mindestens in formaler Hinsicht der interessanteste Teil des Buches. Draesner setzt das Prinzip des Webverfahrens, bei dem übrigens auch ein ›Schiffchen‹ verwendet wird, in ein poetisches Verfahren um, bei dem die Wörter gleich Fäden graphisch aufgesponnen werden.
Aber auch der Haupttext mit dem Titel das schiff der frauen wartet mit einer besonders visuellen Gestaltung sowie Anspielungen auf antike Mythen, wörtlichen Zitaten aus der Odyssee und einem mehrsprachigen Ausdruck auf. So grenzt er sich stark vom eingängigen Duktus klassisch-antiker Epen ab. Draesner spielt mit dem Rhythmus des Hexameters, ohne ihn streng einhalten zu wollen. Sie findet eine Form, die trotz der Prominenz der Vorlage eine gänzlich eigenständige und, auch in der sprachlichen Brillanz, eine typisch Draesner’sche ist:

Bei dieser Form ist klar, dass die Lektüre nicht immer leicht von der Hand geht. Man wird zum ständigen Nachschlagen von Vokabeln oder möglichen Verweisen auf andere Texte geradezu herausgefordert. Dass die Draesner’sche Form seit ihrem ersten Gedichtband gedächtnisschleifen (Suhrkamp 1995) von Abschweifung und Assoziation sowie einer sparsamen oder völlig ausbleibenden Interpunktion geprägt ist, trägt zur fordernden Leseerfahrung bei. Wenn man sich aber darauf einlassen kann, dann gewöhnt man sich an diese Schreibweise. Einfach dahingleiten tut man trotzdem nicht bei den vielen Rissen, über die Draesner eine:n stolpern lässt.
Holpriges Altgriechisch
Draesner ist sich dessen bewusst und erläutert in einem Vorwort nicht nur die Handlung ihres ›postepos‹, sondern führt auch wichtige Motive und künstlerische Entscheidungen aus. Weiter fügt sie ein Register und kapitelweise Erläuterungen an, sodass eine Lektüre inklusive der altgriechischen Ausdrücke auch ohne Kenntnis der Sprache oder eigene Recherche prinzipiell möglich ist. Aber. Aber. Ja, jetzt kommt ein Aber, das ich zu Beginn der Lektüre für ganz vernachlässigbar hielt, sich aber im Verlauf (es ist ja ein sehr langes Gedicht) immer mehr aufdrängte. Obacht, philologische Pedantik voraus.
Draesner hat sich, das ist glasklar, intensiv mit dem Stoff befasst und bei der Arbeit an ihrem Buch, wie man in den Anmerkungen erfährt, Rat zur altgriechischen Sprache von Altphilologie-Shootingstar Jonas Grethlein erhalten. Aber: Wieso sind die im Verhältnis zur Textlänge wenigen altgriechischen Passagen dann durchzogen von Fehlern? Ob Diakritika, Transkription oder sogar falsche wörtliche Zitate – ständig stoße ich auf Fehler in Draesners Text beziehungsweise in ihren Erläuterungen, die damit ihre Funktion in Teilen einbüßen. Nicht auszuschließen, dass hinter dem holprigen Altgriechisch eine Absicht steht, dass es sich um ein weiteres Spiel Draesners handelt, eine Verfremdung des Originals, eine Neuschöpfung. Aber gerade der erkennbare Wille zur Vermittlung dieses Textes, gepaart mit der Häufung orthographischer Fehler, verfestigt in mir den Eindruck, dass es sich in den allermeisten Fällen schlicht um Unachtsamkeiten handelt. Ein Altphilologe mag Draesner beraten haben, doch das Lektorat oder den Satz hat er leider nicht verantwortet.

penelopes sch( )iff
Penguin 2025
304 Seiten, 35€
›Andacht zum Unbedeutenden‹
penelopes sch( )iff lässt sich zwar nicht auf eine missglückte altgriechische Orthographie einschrumpfen, aber der Qualität von Draesners Schreiben läuft solch ein unachtsamer Umgang mit Sprache trotzdem zuwider. Gerade darin äußert sich doch die Liebe zum Sprechen und zum Wort (philo-logos), aus der sich auch die Kreativität Draesners, einer promovierten Germanistin, speist: die früher vielzitierte ›Andacht zum Unbedeutenden‹, das heißt exakt mit Sprache umzugehen, jedes Komma und jeden Akzent für bedeutsam zu halten. Zu Draesners Schaden führen die Unachtsamkeiten auch zu Sinnentstellungen in ihrem eigenen Text. Das betrifft ausgerechnet die Schlussverse: »gynaika moi ennepe / penelope / polytropa«. Diese Umschreibung des ersten Verses der Odyssee lautet nicht, wie Draesner übersetzt: »von den Frauen erzähl mir, Penelope, (du) Vielwendige«. In den Anmerkungen gibt sie den Satz auf Altgriechisch wieder und schreibt Πηνελόπειαν (Penelopeian) im Akkusativ statt, wie im Haupttext, im Vokativ, sodass zwei verschiedene Übersetzungen möglich sind – und keine davon ist diejenige Draesners. Was dort tatsächlich auf Altgriechisch steht, müsste etwa übersetzt werden: »von der Frau Penelope erzähle mir vielwendige [Dinge]« oder »von der Frau erzähle mir, Penelope, vielwendige [Dinge]«.
Ich komme mir bescheuert vor, das so zu sagen – aber mir haben diese vielen kleinen Schnitzer die Lektüre zunehmend verleidet. Draesners Beschäftigung mit dem antiken Stoff und seiner Sprache kam mir unvollständig, nicht gründlich genug vor. Zumindest dort, wo die Probleme nicht in Grammatik und Übersetzung liegen, könnte die Ursache womöglich eher im Satz zu suchen sein, denn auch in den deutschsprachigen Text haben sich zwei, drei Fehlerchen eingeschlichen. Das wiederum würde den großen Penguin Verlag in ein schlechtes Licht rücken, von dem man sauberes Handwerk erwarten muss, zumal dieses zwar schön gestaltete und in beiden Innendeckeln mit einer Karte des Mittelmeerraums versehene, insgesamt aber stinknormale Hardcoverbuch mit moderatem Seitenumfang für satte 35 Euro vertrieben wird. Oder vielleicht ist mein Altgriechisch zu schlecht, um zu verstehen, dass manches, was ich für falsch halte, gar nicht falsch ist. Trotz solcher Einwände, die ich meinem wachsenden Unmut entgegengebracht hatte, konnte das Buch mich gegen Ende kaum noch richtig packen, auch weil das Langgedicht sich im letzten Drittel doch ein wenig in die Länge zieht. Das Lesen wurde zum Eintrag auf meiner To-Do-Liste.
Die Suche nach einem utopischen Raum
Und das ist sehr schade, denn Draesner hat so manchen wunderbaren, kuriosen, auch genuin komischen Einfall. Zum Beispiel, wenn sie Homer nicht bloß als Figur erscheinen, sondern dann auf der Fahrt der Frauen als Schildkröte (hä?) mitfahren lässt. Manche Sätze sind so präzise, manche Beschreibungen von Alltäglichem so überraschend schön:

Die Sache ist auch schade, weil mich meine Inanspruchnahme durch Draesners Gebrauch des Altgriechischen vom Kern des Buchs abgelenkt hat. Schließlich wird hier die Geschichte einer feministischen Revolte erzählt, die die patriarchale Gewalt nicht länger duldet und gegen sie aufbegehrt. Zentraler Aspekt ist dabei für mich: penelopes sch( )iff handelt von der Suche nach einem utopischen Raum, was nur im strengen Wortsinn ein Paradoxon ist, und sucht schreibend auch selbst nach diesem Raum, der nicht mehr durch Gewalt strukturiert sein soll. Dieser Un-Ort gibt sich schon auf der Fahrt zu erkennen und besteht passenderweise nicht in seiner Örtlichkeit, sondern in den stets solidarischen, mal freundschaftlichen, mal romantischen Beziehungen zwischen den Frauen dieses ›postepos‹, in denen sich Herrschaft aufzulösen beginnt: »seit der abfahrt […] / rollt der / unterschied herrin / sklavin mit jedem / wimpernschlag in / der wogen glasklaren / übersturz wo er / zerläuft«.
Genauso realisiert Draesner auch die Befreiung der Figuren nicht bloß in deren physischer Entfernung zu dem Unterdrücker, zu ihrem Zuhause, das zum Tatort geworden ist. Auf die äußere Emanzipation folgt die innere und in der Verbindung beider werden sie wirklich frei. Mit einer Geste des Fortwerfens vollzieht Penelope die Befreiung aus sich selbst heraus. So entsteht endlich das Potential für etwas Neues – und das ist es, wovon wir in meinen Augen noch viel mehr brauchen:


