Rückläufiger Merkur, äh geht’s nicht?

Die Graphic Novel Liv Strömquists Astrologie trifft einen aktuellen Hype. Im für die Autorin typischen Stil erfolgt weitgehend eine Reproduktion esoterisch anmutender Stereotype der Tierkreiszeichen. Für eine kritische Einordnung muss das Buch gewendet werden – ob das ein gelungener Umgang mit dem Thema ist, bleibt fraglich.

Von Lisa Marie Müller

Bild: via Pixabay, CC0

Bei Liv Strömquists Graphic Novels stellt sich die Frage der politischen Ausrichtung normalerweise nicht. Die erste auf Deutsch übersetzte, Der Ursprung der Welt, beschäftigt sich mit Themen rund um Vulva, Menstruation und verschiedene damit im Zusammenhang stehende Mythen. Der Ursprung der Liebe ist eine feministische Analyse heterosexueller Paarbeziehungen und ihrer Eigenheiten in westlichen Ländern. Im avant-verlag sind darüber hinaus noch weitere ihrer Graphic Novels in Übersetzung erschienen. Durch die klar feministische Ausrichtung, den leicht zugänglichen Stil und die hippen Cover sind ihre Bücher völlig zu Recht Teil des links-akademischen Bücherregals geworden.

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Liv Strömquists Astrologie

Text & Zeichnung: Liv Strömquist
Übersetzung aus dem Schwedischen: Katharina Erben
avant-verlag: Berlin 2023
176 Seiten, 22,00 €

Ihr neuestes Buch, aus dem Schwedischen übersetzt von Katharina Erben, trägt den Titel Liv Strömquists Astrologie. Das Thema liegt im Trend, ob bei Dating Apps oder in der Tageszeitung – überall finden Horoskope und Halbwissen über Bedeutung oder Macht der Sterne und Planeten ihren Weg in die Gesellschaft. Die scheinbare Bedeutung des rückläufigen Merkur (eine optische Illusion am Himmel, die zu bestimmten Zeiten auftritt) ist zum Beispiel ein großes Thema in sogenannten Frauen- und Lifestylezeitschriften, wahrscheinlich haben es die meisten schon mal gehört und nicht ganz verstanden. Dabei scheint es äußerst wichtig zu sein, in der Vogue erklärt eine Astrologin dazu: »Der rückläufige Merkur ist das einzige Ereignis, das wirklich jede:n beeinflusst«. Man kann also hoffen, von Strömquist erleuchtet zu werden. In zwei Teilen beschäftigt sich diese in ihrer Graphic Novel erstens damit, was unter den einzelnen Tierkreiszeichen verstanden wird und zweitens mit der Frage, wie der Trend Astrologie erklärt und kritisch eingeordnet werden kann.

Der erste Teil ist der Hauptteil und besteht aus einer humoristischen Wiedergabe der Tierkreiszeichen von ›Widder‹ bis ›Fische‹ mit all ihren angeblichen Eigenheiten. Die erste Seite zu einem Sternzeichen greift immer angeblich typische Eigenschaften, teilweise sehr konkret, auf, wie zum Beispiel beim Sternzeichen Waage: »setzt ihren Charme ein, hat einen Sugar Daddy, sagt immer das Richtige, damit sich niemand aufregt, tja, die Waage ist vielleicht einfach das BESTE STERNZEICHEN«. Darauf folgen in Form von Stripes kurze Einblicke in die Leben Prominenter, die in irgendeiner Weise die zuvor beschriebenen Charakterzüge des Sternzeichens vermeintlich verkörpern, so etwa Prinz Harry, Taylor Swift, Oprah Winfrey, Flavor Flav und Liza Minelli. Auch wer aus astrologischer Sicht mit wem zusammenpassen könnte, wird zunächst ohne Differenzierung oder Augenzwinkern wiedergegeben. Eine Überzeichnung findet höchstens zwischen den Stripes statt, weil vieles extrem dargestellt ist: Es gibt nämlich ein bestes Sternzeichen (›Waage‹) und einige, die wirklich schlecht wegkommen, sodass man aufatmet, wenn man nicht dieses Sternzeichen hat (›Skorpion‹, definitiv ›Skorpion‹). Das Unterkapitel zum Sternzeichen ›Jungfrau‹ wird im Text selbst als »überzogenes Beispiel« betitelt. Beyoncé wird herangezogen für den Typus »langweilige Jungfrau«, und ihr Charakter, der Allgemeingültigkeit haben soll, wird in Stichpunkten beschrieben als: »Kontrollfreak, perfekt, freudlos, prüde Arbeitsbiene«. Der Untertitel »überzogenes Beispiel« ließe sich auf alle Beispiele übertragen und vielleicht ist es auch so gemeint, explizit gemacht wird es nicht.

Bitte wenden!

Dreht man das Buch zweimal (z. B. von oben nach unten und von links nach rechts), kann man sich dem zweiten Teil mit der Überschrift »OKAY MAMA« widmen. Darin macht die Mutter der Erzählerin, die man mit Strömquist in eins setzen darf, Yoga und blickt kritisch auf die Idee ihrer Tochter, ein Astrologiebuch zu machen. Nimmt man die Stimme der Erzählinstanz ernst, ist dieser zweite Teil entstanden, weil es im näheren Umfeld der Autorin kritische Stimmen (unter anderem von der Yoga-Mama) in Bezug auf das Kategorisieren nach Sternzeichen gab. Damit scheint der Verwunderung des:der typischen Strömquist-Leser:in über das Thema Rechnung getragen zu werden. Es werden interessante Fragen gestellt und in kurzen Einschüben beantwortet, z. B. warum Astrologie zurzeit einen Aufschwung erlebt, welche psychologischen Ursachen dahinterstecken und was Adorno eigentlich dazu sagt. Letzterer beschreibt Astrologie als »Pseudorationalität«. Verschiedene Erklärungen, warum sich Menschen gerne mit Astrologie befassen, werden kurz vorgestellt. Was hängen bleibt: Es ist einfach, alles was schief läuft auf Sternenkonstellationen zu schieben. Strömquist meint an einer Stelle, dass das ein schlechter Umgang mit schwierigen Situationen sei. Folgende These aus dem zweiten Teil scheint sehr schlüssig: »VIELLEICHT ist es einfach so, dass Astrologie ›Spaß‹ macht, weil sie uns EINE WEITERE Möglichkeit bietet, uns obsessiv mit unserem Ich zu befassen und über uns rumzulabern?«

Zu viel Klischee-Reproduktion?

Von grob gesagt zwei Seiten (pun intended) wird Astrologie in dem Buch beleuchtet. Leider sind die beiden Teile nicht annähernd ähnlich ausführlich. Die Wiedergabe der »Eigenschaften« der Sternzeichen ist ungefähr doppelt so lang wie das Aufgreifen spannender Fragen zum Trend von Astrologie-Apps oder die psychologischen Erklärungen, warum Menschen generell an die Macht und Bedeutung der Sterne für das menschliche Leben glauben. Andersherum wäre die Seitenaufteilung angemessener. Dann wäre es mit Sicherheit immer noch ein unterhaltsames, aber noch sehr viel lehrreicheres Buch geworden.

Gut ist, was nach den vielen Seiten zu ›Luftzeichen sollten keine Luftzeichen daten‹ (zu den Luftzeichen zählen Zwillinge, Wassermann und Waage) klar wird: Strömquist ist keine Verfechterin von Astrologie. Ihre Kritik könnte jedoch wesentlich stärker, länger ausgeführt und fundierter sein. Wen eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Astrologie interessiert, dem:der sei die Episode Folge deinen Sternen besser nicht von den Quarks Science Cops ans Herz gelegt.

An der Graphic Novel ist das für Strömquists Stil Typische gelungen: Bissige Seitenhiebe und Referenzen auf bekannte Persönlichkeiten sowie gut recherchierte, fast in Vergessenheit geratene Stories, die wie selbstverständlich die Inhalte vermitteln und rahmen. Strömquists Buch reiht sich neben diversen Apps, Podcasts und Ratgebern in den gesellschaftlichen Hype um Astrologie ein. Inmitten von Horoskopen und halbgaren Theorien zu Sternzeichen, die vielleicht mit einem Augenzwinkern aber eher unkritisch konsumiert werden, sticht es aber zumindest mit einem schicken Cover heraus.

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