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»… von einem Exil ins Andere«

Volker Muthmann hält eine Lesung am Telefon. Während der Covid-19-Pandemie ist Theater nicht im normalen Rahmen möglich, aber kann das Publikum dennoch erreicht werden? Ein Schauspieler des Deutschen Theaters Göttingen überzeugt mit einer besonderen Begegnung.

Von Lucie Mohme

Der Titel dieses Artikels besagt genau das, womit Volker Muthmann unser Telefonat verglich: mit einer Brücke, um mich in meiner Isolation und ihn in seiner Isolation am anderen Ende der Leitung zu verbinden. Die Isolation, in die uns die Maßnahmen gegen das Corona-Virus zwingen, ist sozusagen das Exil. Volker Muthmann ist ein Schauspieler des Deutschen Theaters Göttingen, der sich das Format Muthmann um Neun einfallen ließ, das aus einer exklusiven Lesung von ihm für eine*n Anrufer*in besteht. Ein Telefonat, das nicht nur teilweise die Sehnsucht nach dem Theater stillt, sondern den Anrufenden auch Volker Muthmann persönlich ein wenig kennenlernen lässt.

Und hier war ich keineswegs nur Zuhörerin in einer gewöhnlichen Lesung, sondern ich wurde mit eingebunden in die Auswahl der Lektüre. Beiläufig wurde ich noch in ein Gespräch verwickelt, welches mir und ihm das eine oder andere Mal ein Lachen entlockte. Er erzählte mir unter anderem, wie er seinen Eltern erklärte, dass er jetzt an einer Schauspielschule angenommen wurde. Bis wir dann gemeinsam ein ansprechendes Buch aus seinem Bücherregal ausgesucht hatten, war schon eine kurze Weile vergangen und wir beide freuten uns sehr über unsere Wahl: die Kurzgeschichtensammlung Dubliner von James Joyce.

Ganz gemütlich im Wintergarten befand Muthmann sich, wie er sagte, als er direkt mit seiner offenen, warmherzigen Art das Eis brach. Ganz schnell waren wir beim Du angelangt und ich hatte das Gefühl, mit einem alten Freund zu sprechen. Er erzählte ein bisschen was über sich und fragte mich erst nach konkreten Bücherwünschen und meinen Literaturinteressen. Zwischendurch entschuldigte er sich für seinen »Sendemodus«, der einen dann doch eher weniger zu Wort kommen ließ, aber dies war ihm aufgrund seiner charmanten und aufheiternden Art schnell verziehen. Dubliner wählten wir als Lesungsmaterial deshalb, weil sich ein oder zwei ungelesene James Joyce-Bücher noch in Muthmanns kleiner Bibliothek befanden. Schlussendlich fand er es auch toll, in das Buch endlich mal reingelesen zu haben.

Zurück im Theater

Die Lesung der Kurzgeschichte Eine kleine Wolke aus dem Buch Dubliner war eigentlich genau das, was fleißige Theatergänger*innen des DT erwarten würden. Haben sie Muthmann dort schonmal in einem Stück gesehen, zum Beispiel Macbeth, Lazarus oder Woyzeck, so sollten sie eigentlich wenig überrascht sein von seinem Talent und Können, ein Buch so lebendig

DT


Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit der Spielzeit 2014/15 ist Erich Sidler Intendant des Deutschen Theaters Göttingen.

 
 
vorzulesen, wie er es bei mir tat. Dennoch war ich umso mehr beeindruckt, dass er unter den gegebenen Umständen so überzeugen konnte. In einigen Momenten, in denen er Dialoge vorlas, konnte ich die Augen schließen und mir vorstellen, wie ich wieder im Theater säße und einem echten Dialog auf der Bühne lauschte. Theater für die Ohren!

In der Lesung verfolgten wir den Protagonisten Thomas Little Chandler, der sich nach einem langen Arbeitstag mit einem alten Freund, Gallaher, traf. Eine umfassende Beschreibung von einer tristen und auch angsteinflößenden Umgebung der Stadt Dublin verliehen nicht nur dem Werk Joyceʼ, sondern auch der Lesung eine besondere, nachdenkliche, aber spannende Atmosphäre. In Gedanken dachte Little Chandler nämlich an einen Aufbruch aus der Einöde Dublins und an eine grundlegende Änderung seines Lebens. Endlich am Ziel angekommen, betrat Little Chandler eine Bar, wo er mit Gallaher verabredet war. Im Gespräch mit seinem alten Freund, der es von einem eher armseligen Jungen zu einem erfolgreichen Journalisten gebracht hatte, wurde Little Chandler eines klar: Er würde nie seinen Wunsch zum Aufbruch verwirklichen können; dies machten ihm am gleichen Abend auch die Begegnung mit seiner Frau und seinen Kindern nochmal deutlich. Die »kleine Wolke«, die sich also kurz als Wunsch des Aufbruchs in seinen Gedanken formte, verflüchtigte sich recht schnell.

Wie sich die Idee formte

»Was kann man machen?«, fragte sich Muthmann am Anfang der Lockdown-Phase der Corona-Pandemie in Deutschland. »Man kommt ja nicht mehr raus. Wie kann ich als Schauspieler weiterarbeiten? Wir (Theaterleute/Schauspielende) brauchen das Live-Publikum«, antwortete Muthmann auf meine neugierige Frage nach der Idee hinter dem Konzept; vor der Lesung räumte er mir nämlich die Möglichkeit ein, ihn zu interviewen. Ein Teil der Idee stamme auch aus einem vergangenen Kunstprojekt, mit dem er sich vor ungefähr zehn Jahren mal beschäftigt hat. Damals habe er in einem Theaterstück mitgespielt, wo Schauspielende in die Rolle von Call-Center-Mitarbeitenden schlüpften und sogenannte »Cold Calls« machten. »Cold Calls« sind normalerweise unerwünschte Werbeanrufe von Unternehmen an Privatpersonen. Im Fall des Theaterstücks versuchten die Schauspielenden Zeit zu verkaufen, indem sie den Angerufenen einfach etwas vorlasen, wie zum Beispiel Lenz, Brecht und so weiter.

Wie lässt sich die Idee zu Muthmann um Neun also umsetzen? Auch darüber hat sich Muthmann viele Gedanken gemacht, zumal es heutzutage natürlich auch die Möglichkeit eines Videoanrufs gibt. Das wäre für die meisten vielleicht sogar die naheliegendste Umsetzung gewesen. Muthmann entschied sich für das Telefon und hatte dafür eine einleuchtende Begründung:

Das ist eigentlich noch schlimmer. Wir können ja jetzt schon wenig Leute treffen und über Videoanruf wird einem die Unmöglichkeit der realen Begegnung nur noch klarer vor Augen geführt. Denn das ist nichts Greifbares.

Er überlegte also: »Wie kann ich jemandem wirklich begegnen? Wie kann ich die Oma in Geismar erreichen?« Das Telefon hielt Muthmann schließlich für die persönlichste Lösung. Hat in heutiger Zeit sogar ein bisschen Nostalgie, wenn Sie mich fragen. Denn wer nimmt sich aktuell noch wirklich Zeit für ein Telefongespräch, einfach aus dem Grund, dass man sich mit jemandem entspannt unterhalten will? Nein, heute werden Nachrichten über Instant-Messenger, wie zum Beispiel Whatsapp, verschickt. Meiner Meinung nach ist genau dieses Format, Muthmann um Neun, auch eine Erinnerung daran, wie wunderbar einfach und schön ein nettes Telefongespräch sein kann. Besonders während Corona ist ein Telefonat eine willkommene Tätigkeit, um sich nicht so allein in der Isolation der eigenen vier Wände zu fühlen.

Ein Stück Theater am Telefon

Wie Muthmann selbst ja schon erwähnte, ist das Theater und die Existenz der Schauspielenden ohne Live-Publikum undenkbar. Ein Live-Stream eines Theaterstücks ist einfach nicht das Gleiche. Bei einem Theaterbesuch freut man sich auf eine Vorstellung, zu der die Besucher hingehen und sich den ganzen Abend nur auf die Vorstellung konzentrieren. Genauso ist es für die Schauspielenden, die von den Reaktionen und dem Applaus des Publikums leben. Mehr oder weniger muss jede*r Schauspielende mit den Besuchern interagieren und sie letztendlich begeistern. Genau hier stellt sich die Frage, ob dieses Format, das Muthmann uns anbietet, irgendwie vergleichbar ist. Kann Muthmann um Neun als eine kleine Vertröstung gesehen werden, bis wir alle wieder richtig Theater genießen können?

Für mich war es auf jeden Fall ein Erlebnis, das sich natürlich nicht mit einem Theaterbesuch vergleichen lässt, jedoch war es eine kleine Erinnerung an das Theater und die Schauspielenden. Es ist allemal eine andere Begegnung mit einem Schauspielenden des DT, als man sie sonst erlebt, wenn sie auf der großen Bühne aktiv sind: nämlich diesmal eine ganz persönliche. Die Frage, ob durch die corona-bedingten Formate etwas verloren geht, beantwortete Muthmann wie folgt: »Ja, irgendwie schon, ist schließlich alles nicht mehr das Gleiche mit der Corona-Situation. Aber damit umzugehen können wir, beziehungsweise müssen wir, lernen.«

Eine weitere Lösung des DT ist derzeit das Theaterstück Die Methode , welches im Format eines Autotheaters aufgeführt wird. Dort sind Publikum und Darsteller*innen getrennt, man befindet sich in zwei Räumen und trotzdem funktioniert es. Genauso ist es mit diesem Telefonat, bloß dass wir noch einen Dritten im Bunde haben: »Du, Ich und James Joyce. Drei verschiedene Räume und eine Begegnung«, so beschrieb es Muthmann.

Nicht nur eine Begegnung mit Muthmann

Was nicht nur Muthmann um Neun, sondern auch Die Methode schafft, ist uns trotz der physischen Trennung miteinander zu verbinden. Nicht nur die Schauspieler*innen und das Publikum, sondern auch beide mit den jeweiligen Autor*innen eines Buches. Beziehungsweise im Falle von Die Methode auch mit Antje Thomsʼ Adaption des Juli-Zeh-Romans/-Stücks Corpus Delicti. Natürlich ist eine Vermittlung von Literatur auch im Normalfall die Funktion des Theaters. Aber es zu dieser besonderen Zeit zu meistern, die Literatur, die Schauspielenden und die Zuschauer*innen zusammenzubringen, ist keine einfache Aufgabe. Ich selbst bin froh, dass Muthmann dies so gut gelungen ist, und er uns somit im Ausnahmezustand ein Stück Theater erhalten kann.



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 9. Juni 2020
 ©Frank Stefan Kimmel, mit freundl. Genehmigung des DT Göttingen
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